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Aschenputtel der Falkenseer Schulen

Kerstin Bachmann
Foto:Jahnke
Kerstin Bachmann Foto:Jahnke © Foto: MZV
Ute Jahnke / 26.11.2015, 10:37 Uhr
Falkensee (MOZ) von Ute Jahnke

Falkensee.Bevor Kerstin Bachmann 1994 im Poetenweg das Ruder in die Hand nahm, waren an der damaligen Gesamtschule tatsächlich einige Schülergruppen nicht in den Griff zu bekommen. "Die haben einmal die Toiletten-Türen ausgehängt und im Flur gestapelt, einen Hund von der Straße in den Unterrichtsraum einer anderen Klasse gesperrt, einen Feuerlöscher auf dem Flur ausgelöst und sogar auf dem Flur gekifft, ohne sich großartig zu verstecken." Doch Bachmann hat Stück für Stück "dafür gesorgt, dass das Kollegium den Mut hatte, dagegen vorzugehen. Das kann man nur schaffen, wenn man es gemeinsam angeht." Und das hat offensichtlich geklappt. "Im Grunde genommen stehen jetzt alle Lehrer hinter mir." Das hat sicherlich auch mit ihrem Charakter zu tun. Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck und gilt als sehr offen, geradlinig und selbstlos. Die Schule ist inzwischen überdurchschnittlich gut strukturiert. Man findet sich sehr gut zurecht und hat immer einen Ansprechpartner. Und die Spielregeln sind klar definiert: "Die Hausordnung ist allen bekannt. Regelverstöße werden nicht geduldet. Es gibt klare Konsequenzen, die alle kennen", sagt die Rektorin, als sei dies das selbstverständlichste auf der Welt.

Nicht nur die Lehrer, auch die technischen Kräfte sind extrem engagiert. Die beiden Hausmeister arbeiten absolut selbstständig und zuverlässig. Besuchern fällt schnell auf, wie sauber und ordentlich es in der Schule und auf dem Hof ist. "Meine beiden Putz-Feen machen den Dreck weg, selbst wenn es nicht auf der Aufgabenliste steht. Auch die Lehrer heben Müll auf und fordern dasselbe von den Schülern. So wird es leichter akzeptiert. Darum ist es bei uns so sauber." Und dann ist da noch die stets freundliche Küchendame, die sich rührend darum kümmert, dass das Essen warm und lecker serviert wird, und deshalb verschiedene Catering-Angebote kombiniert sowie Kartoffeln & Gemüse auch schon mal frisch kocht, statt nur Vorgekochtes aufzuwärmen.

Zudem hat die Rektorin pädagogische Zusatz-Angebote eingeführt, die sich starker Beliebtheit erfreuen. So gibt es während des 50-minütigen Mittagsbands täglich kostenlose Nachhilfe im "Lernbüro", das immer mit zwei Lehrern aus den Bereichen Naturwissenschaften sowie Sprachen oder Gesellschaftswissenschaften besetzt ist. Zusätzlich werden einmal pro Woche mit "Mathe sicher können" Schüler angesprochen, denen noch einige Grundlagen fehlen. "Durch Anschaulichkeit schließen wir Verständnis-Lücken, damit diese Schüler dann dem regulären Unterricht folgen können." Ein weiterer pädagogischer Höhepunkt in den Klassen 7 und 8 ist das Projekt "Lions Quest" (Leben Ist Ohne Nächstenliebe Sinnlos). Neben Sozialtraining (positive Eigenschaften des Gegenübers entdecken, Mimik/Gestik erkennen, geordnete Streitkultur erlernen) werden über Rollenspiele und Partnerarbeit Probleme besprochen, die die Klasse betreffen (Ausgrenzung einzelner, Mobbing, Clique-Verhalten).

Mindestens 95% aller Schüler verlassen diese Schule mit einem Abschluss. Und wer gute Noten hat, kann nach der 10. Klasse problemlos auf eine gymnasiale Oberstufe (z.B. an der Kant-Gesamtschule Falkensee oder dem Oberstufenzentrum Nauen) wechseln und dort sein Abitur oder Fachabitur machen. "Letztes Jahr hätten 20% Abitur machen können. Doch nicht alle haben diese Möglichkeit genutzt. So finden mindestens 90% unserer Schulabgänger einen Ausbildungsplatz." Denn Hilfe bei der Berufswahl sowie beim Finden des passenden Ausbildungsplatzes erhalten die Schüler kontinuierlich durch den Berufswahlpass, Potenzial-Analysen, Projekttage zum Kennenlernen verschiedener Handwerksberufe, Bewerbungs-Training sowie nicht einem, sondern gleich zwei Berufspraktika à zwei Wochen.

Die Schule im Poetenweg hat eine Menge Veränderungen und Umbenennungen hinter sich: Zu DDR-Zeiten hieß sie "Polytechnische Oberschule Erich Weinert", nach der Wende "Gesamtschule Erich-Weinert". 2005 sollten durch eine Schulreform sämtliche Gesamt- und Realschulen des Landes in Oberschulen umwandelt werden. (Hauptschulen gab es in Brandenburg übrigens noch nie.) Gesamtschulen, die eine gymnasiale Oberstufe anboten, durften zwar bestehen bleiben. Doch da die räumlichen Kapazitäten der Schule im Poetenweg nicht für sieben Klassenstufen ausgelegt waren, wurde sie 2006 in "Oberschule Erich Weinert" umgetauft. Da die Eltern keine Erfahrungen mit dieser neuen Schulform hatten, vertrauten ihr nicht, so dass zunächst ein regelrechter Ansturm auf die Gymnasien (sowie auf Gesamtschulen mit Abitur) folgte. 2008 wurde das Gebäude im Poetenweg vollständig saniert, so dass die Schule in der selbst sanierungsbedürftigen, ehemaligen Realschule (heute Vicco-von-Bülow-Gymnasium) gastieren musste, bis 2009 alle Arbeiten vollendet waren und man wieder die "Oberschule Falkensee" beziehen konnte - nun ohne eigenen Namen. Rektorin Bachmann befürchtet aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem blinden Aktionismus des Bildungsministeriums schon die nächste Umwandlung, weshalb sie nur wenig Nutzen darin sieht, der Schule in der Zwischenzeit einen Namen zu geben, auch wenn ihr dies von Lokalpolitikern angeboten wurde.

Interessierte Bürger dürfen sich gerne selbst ein Bild von der Oberschule im Poetenweg machen. Am 4. Dezember ist ab 16 Uhr Weihnachtsmarkt, am 16. Januar ab 15 Uhr Tag der offenen Tür. (weitere Infos unter www.oberschule-falkensee.de)

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