to_top_picture
Anmelden
Anmelden

Dienstag, 25. April 2017
ABO-ButtonePaper-ButtonKONTAKT-Button


Sie haben 8 von 10 Gratis-Artikeln gelesen.
x
Registrieren Sie sich jetzt und lesen Sie im Monat bis zu 20 Artikel kostenlos.
Jetzt kostenlos registrieren
Bereits registriert? Bitte anmelden

Sabine Slatosch 29.11.2015 08:04 Uhr
Red. Gransee, lokales@gransee-zeitung.de

artikel-ansicht/dg/0/

Gefangen in der "Traumatischen Zange"

Zehdenick (MZV) Eine überwältigende Resonanz fand am Donnerstagabend in der Zehdenicker Klosterscheune der Vortrag von Anke Culemann. Die Diplompsychologin sprach über ein Thema, das seit vielen Jahren ihren Arbeitsalltag bestimmt: traumatisierte Kinder und Jugendliche. Vor allem Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter, Ärzte und Leute, die seit einigen Monaten Kontakt zu Flüchtlingen haben, zeigten großes Interesse.

artikel-ansicht/dg/0/1/1440186/
 

Wohin mit traumatischen Erinnerungen: Anke Culemann erklärte die Abläufe im menschlichen Gehirn.

© Sabine Slatosch

Gewalt, sexueller Missbrauch, Trennung, Krankheit, Tod, Mobbing, Krieg, Terror, Folter, Exil oder Naturkatastrophen können ein Trauma auslösen. Häufig steigt die Hilflosigkeit ins Unermessliche und erzeugt Panik, Angst und Wut. Kontrolle und Sicherheit gehen verloren. Das Erlebte löst so viel "toxischen" Stress aus, dass es das Gehirn in eine "Traumatische Zange" bringt. Doch nicht jeder, der etwas Schlimmes erlebt, ist traumatisiert, so Anke Culemann, "die einen haben einen Schutzfaktor, die anderen nicht".

"Was ist das Problem?" fragte die Psychologin. Die Kinder sprechen nicht, sagte sie, aber irgendwann gebe es einen Auslöser, und alles ist wieder da, "und zwar in einer Menge, die in keinem Verhältnis zum aktuellen Ereignis steht", weil das Gehirn nicht unterscheiden kann zwischen damals und heute. Posttraumatische Belastungsstörungen wie Alpträume, Panikattacken, emotionale Empfindungslosigkeit, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, übersteigerte Wachsamkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen, Beklemmungen, Erinnerungslücken oder Atemnot sind natürliche Reaktionen auf die extremen Belastungen. Sie sollten auf keinen Fall getadelt oder als Störung des Kindes angesehen werden, betonte die Therapeutin. Vielmehr sollten sie als "Selbstheilungsversuch" des Kindes anerkannt werden. Man dürfe niemandem den Selbstschutz wegnehmen ohne Alternative. Mit einfachen Worten und mit Bildern könne Kindern und Eltern erklärt werden, was sich im Gehirn bei einem Trauma abspielt und dass sie selbst etwas dagegen tun können.

Trauma-Symptome sind Wiedererleben durch Träume und Erinnerungen oder Vermeiden des Erlebten, Bindungsstörungen, Täuschungsverhalten wie hyperbraves Verhalten oder hart und cool sein, Schreckhaftigkeit, aggressives Verhalten, Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder auffälliges Spiel. Je früher ein Trauma erkannt und eine Therapie begonnen wird, kann eine dauerhafte Alltagsbeeinträchtigung vermieden werden. Anke Culemann zeigte versteckte Botschaften in Bildern der Kinder und verwies auf Möglichkeiten, spielerisch Auswege zu finden.

Doch das alles könne eine einzelne Person nicht leisten, das ist die Erfahrung der Psychologin. "Ich will jeden erreichen, jede Mutter, jeden Vater, Nachbarn, Erzieher und Freunde", erklärte sie. Die Idee von Anke Culemann ist ein Trauma-Netzwerk. Und das ist nun in greifbare Nähe gerückt.

Die Veranstaltung in Zehdenick war der Auftakt. Ziel ist es, alle Fachkräfte, die mit dem Thema Psychotrauma zu tun haben, zu vernetzen. Ein zweites wichtiges Ziel liegt im präventiven Bereich. Für Familien und Multiplikatoren will das Netzwerk Fachvorträge anbieten und komplizierte medizinisch-wissenschaftliche Vorgänge verständlich machen. Und schließlich sollen betroffene Kinder und Jugendliche kompetente und unmittelbare Hilfe bekommen. Für sie gebe es bislang keine Trauma-Ambulanz in ganz Brandenburg, bedauerte die Therapeutin. Ein Psychiatrie-Aufenthalt oder auch eine ambulante medizinische Betreuung - falls überhaupt verfügbar - lasse Familien und die soziale Lebensumwelt außen vor.

Begeisterte Unterstützung bekommt die Trauma-Therapeutin von der Familienberatungsstelle, wo der Bedarf nach Beratung bei Kindern, Jugendlichen und Eltern zu diesem wichtigen Thema zu den Kernaufgaben gehört. Der riesige Anklang ihres Vortrags bestätigte sie in diesem unbedingten Anliegen. Viele Teilnehmer trugen sich in die Listen ein, um weiter informiert zu werden. Unter ihnen auch junge Leute, die zu Erziehern ausgebildet werden.

Auch der Vortrag selbst war heiß begehrt und sollte auf Wunsch vieler Besucher wiederholt werden.

Artikel empfehlen

Artikel kommentieren

Seite empfehlen

Nachricht an die Redaktion

Druckversion

Lesen Sie auch...

Artikel kommentieren   Lesezeichen setzen   Nachricht an die Redaktion   Druckversion

Regionalnavigator

Landkreiskarte Brandenburg Ostprignitz-Ruppin Potsdam-Mittelmark Brandenburg/Havel
MOZ

Ort, PLZ oder Redaktion