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Gefangen in der "Traumatischen Zange"

Wohin mit traumatischen Erinnerungen: Anke Culemann erklärte die Abläufe im menschlichen Gehirn.
Wohin mit traumatischen Erinnerungen: Anke Culemann erklärte die Abläufe im menschlichen Gehirn. © Foto: Sabine Slatosch
Sabine Slatosch / 29.11.2015, 08:04 Uhr
Zehdenick (MZV) Eine überwältigende Resonanz fand am Donnerstagabend in der Zehdenicker Klosterscheune der Vortrag von Anke Culemann. Die Diplompsychologin sprach über ein Thema, das seit vielen Jahren ihren Arbeitsalltag bestimmt: traumatisierte Kinder und Jugendliche. Vor allem Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter, Ärzte und Leute, die seit einigen Monaten Kontakt zu Flüchtlingen haben, zeigten großes Interesse.

Gewalt, sexueller Missbrauch, Trennung, Krankheit, Tod, Mobbing, Krieg, Terror, Folter, Exil oder Naturkatastrophen können ein Trauma auslösen. Häufig steigt die Hilflosigkeit ins Unermessliche und erzeugt Panik, Angst und Wut. Kontrolle und Sicherheit gehen verloren. Das Erlebte löst so viel "toxischen" Stress aus, dass es das Gehirn in eine "Traumatische Zange" bringt. Doch nicht jeder, der etwas Schlimmes erlebt, ist traumatisiert, so Anke Culemann, "die einen haben einen Schutzfaktor, die anderen nicht".

"Was ist das Problem?" fragte die Psychologin. Die Kinder sprechen nicht, sagte sie, aber irgendwann gebe es einen Auslöser, und alles ist wieder da, "und zwar in einer Menge, die in keinem Verhältnis zum aktuellen Ereignis steht", weil das Gehirn nicht unterscheiden kann zwischen damals und heute. Posttraumatische Belastungsstörungen wie Alpträume, Panikattacken, emotionale Empfindungslosigkeit, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, übersteigerte Wachsamkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen, Beklemmungen, Erinnerungslücken oder Atemnot sind natürliche Reaktionen auf die extremen Belastungen. Sie sollten auf keinen Fall getadelt oder als Störung des Kindes angesehen werden, betonte die Therapeutin. Vielmehr sollten sie als "Selbstheilungsversuch" des Kindes anerkannt werden. Man dürfe niemandem den Selbstschutz wegnehmen ohne Alternative. Mit einfachen Worten und mit Bildern könne Kindern und Eltern erklärt werden, was sich im Gehirn bei einem Trauma abspielt und dass sie selbst etwas dagegen tun können.

Trauma-Symptome sind Wiedererleben durch Träume und Erinnerungen oder Vermeiden des Erlebten, Bindungsstörungen, Täuschungsverhalten wie hyperbraves Verhalten oder hart und cool sein, Schreckhaftigkeit, aggressives Verhalten, Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder auffälliges Spiel. Je früher ein Trauma erkannt und eine Therapie begonnen wird, kann eine dauerhafte Alltagsbeeinträchtigung vermieden werden. Anke Culemann zeigte versteckte Botschaften in Bildern der Kinder und verwies auf Möglichkeiten, spielerisch Auswege zu finden.

Doch das alles könne eine einzelne Person nicht leisten, das ist die Erfahrung der Psychologin. "Ich will jeden erreichen, jede Mutter, jeden Vater, Nachbarn, Erzieher und Freunde", erklärte sie. Die Idee von Anke Culemann ist ein Trauma-Netzwerk. Und das ist nun in greifbare Nähe gerückt.

Die Veranstaltung in Zehdenick war der Auftakt. Ziel ist es, alle Fachkräfte, die mit dem Thema Psychotrauma zu tun haben, zu vernetzen. Ein zweites wichtiges Ziel liegt im präventiven Bereich. Für Familien und Multiplikatoren will das Netzwerk Fachvorträge anbieten und komplizierte medizinisch-wissenschaftliche Vorgänge verständlich machen. Und schließlich sollen betroffene Kinder und Jugendliche kompetente und unmittelbare Hilfe bekommen. Für sie gebe es bislang keine Trauma-Ambulanz in ganz Brandenburg, bedauerte die Therapeutin. Ein Psychiatrie-Aufenthalt oder auch eine ambulante medizinische Betreuung - falls überhaupt verfügbar - lasse Familien und die soziale Lebensumwelt außen vor.

Begeisterte Unterstützung bekommt die Trauma-Therapeutin von der Familienberatungsstelle, wo der Bedarf nach Beratung bei Kindern, Jugendlichen und Eltern zu diesem wichtigen Thema zu den Kernaufgaben gehört. Der riesige Anklang ihres Vortrags bestätigte sie in diesem unbedingten Anliegen. Viele Teilnehmer trugen sich in die Listen ein, um weiter informiert zu werden. Unter ihnen auch junge Leute, die zu Erziehern ausgebildet werden.

Auch der Vortrag selbst war heiß begehrt und sollte auf Wunsch vieler Besucher wiederholt werden.

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