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Wolle gegen Waffen

Maschen statt Granaten: Aus zig Einzelstücken wurde ein Überwurf für einen Panzer zusammengenäht. Inzwischen ist der Riesen-Mantel wieder aufgetrennt
Maschen statt Granaten: Aus zig Einzelstücken wurde ein Überwurf für einen Panzer zusammengenäht. Inzwischen ist der Riesen-Mantel wieder aufgetrennt © Foto: MOZ/Doris Steinkraus
Doris Steinkraus / 07.12.2015, 20:15 Uhr
Wilhelmsaue (MOZ) Als die Akteure des Kulturladens Anfang des Jahres die Idee, einen Panzer einzustricken, zur Diskussion stellten, ahnten sie nicht, wie sehr die Realität das Thema Krieg einholen würde. Zum Kunstmarkt in der Fachwerkkirche präsentierten sie ihr Projekt "Wolle gegen Waffen".

Rund um den Altar aus roten Ziegelsteinen liegt jede Menge Gestricktes. Sehr ungewöhnlich für einen Kunstmarkt, der für seine Individualität weit über die Kreisgrenzen bekannt ist. Doch das scheinbar Banale hat einen tiefen Hintergrund. Kleine und große Decken aller Couleur liegen säuberlich aufgeschichtet. Vor kurzem bildeten sie noch ein großes Ganzes. Menschen aus dem gesamten Oderbruch haben einen Panzer eingestrickt.

Als sich zu Jahresbeginn abzeichnete, dass Tausende Menschen wegen des Krieges ihre Heimat verlassen und als Folge die Flüchtlingswelle auch Deutschland erreicht, wollten die Akteure des Kunstladens - ein 1997 gegründeter Zusammenschluss von Künstlern, der u.a. Kunstmärkte und die Kunst-Lose-Tage organisiert - etwas tun und die Hintergründe deutlich machen. "Zu den Kunst-Loose-Tagen haben wir Karten verteilt und die Menschen gebeten, etwas zu stricken, um einen Panzer einpacken zu können", erzählt Franziska Steuer. Die Resonanz habe sie alle überwältigt. "Wir wissen, dass man damit keinen Krieg beenden kann und auch nicht die Welt rettet", sagt die Künstlerin. "Aber wie uns bewegt dieses Thema viele Menschen, sie wollen irgend etwas tun." Vor allem habe man bewirken wollen, dass sich die Betreffenden mit dem Thema beschäftigen. Die Unterschrift auf einer Petition sei schnell gesetzt. Im Falle der Strick-Aktion mussten die Akteure jedoch länger am Thema dran bleiben. Nicht nur, bis ihre Wolle zu Ende verstrickt war, sondern auch danach, weil ihre "Werke" einzupacken und zur Post zu bringen waren.

Im Wilhelmsauer Kunstladen sorgten die Strick-Päckchen beim Auspacken für bewegende Momente. "Viele haben nicht nur einfach etwas zu uns geschickt, sondern auch noch etwas dazu geschrieben", erzählt Antje Scholz. Sie zeigt auf eine Friedenstaube, die eine Oderbrücherin in ihre Decke mit eingestickt hat. "Frauen, die Decken mit Spitze fertigten, schrieben, dass sie selbst den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben und viele der schrecklichen Erinnerungen jetzt wieder hochkommen."

Beinahe drohte das Vorhaben, mit all diesen Decken einen Panzer einzupacken, am fehlenden Fahrzeug zu scheitern. In einer Panzerfahrschule im Nachbarkreis fanden die Akteure des Kunstladens schließlich doch noch einen Partner. Mit den vielen Decken hätten sie zwei solcher Gefährte einpacken können. Zum Kunstmarkt präsentierten sie am Sonnabend und Sonntag in Form einer Postkarte das Ergebnis der ungewöhnlichen Gemeinschaft-Anti-Kriegs-Aktion. Zu sehen ist ein Fahrzeug mit Flicken-Überwurf. Auf der Innenseite der Postkarte gibt's erklärende Sätze. Die Bauart des Kettenfahrzeug ist nicht mehr auszumachen. Einher gehen dennoch viele Fragen: Wurde der Panzer einst gebraucht, und wenn ja, gegen wen? Sind Menschen damit getötet worden? Wird das Andenken an Opfer durch das Einstricken geschändet? Wofür wird der Panzer künftig genutzt? In welche Himmelsrichtung zeigt er? Wer will Krieg?

Fragen, die im Laufe der Aktion gestellt wurden, die Diskussionen provozieren, die mitunter auch Hilflosigkeit beinhalten, weil niemand Antworten hat. Schon gar nicht nach diesem jüngsten Beschluss des Bundestages, der den Weg frei gemacht hat, um deutsche Soldaten ins Kriegsgebiet zu entsenden. "Offene Fragen bleiben ein Bestandteil unseres Friedensbildes", haben die Mitglieder und Freunde des Kulturladens auf ihre Klappkarte geschrieben. Man wolle nicht in tatenloser Bestürzung verharren. Wenn mit der Aktion die Diskussion weiter in Gang gehalten wird, dann sei viel erreicht, sieht es Franziska Steuer namens ihrer Mitstreiter.

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