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Markus Kluge 14.12.2015 18:12 Uhr
Red. Neuruppin, lokales@ruppiner-anzeiger.de

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Eine Karriere wie aus dem Geschichtsbuch

Neuruppin (RA) Wer 16 oder 17Jahre alt ist, macht sich heute wahrscheinlich Gedanken darum, wann er seinen Führerschein machen kann oder welches Smartphone das beste sein könnte. Als Peter Grimm in diesem Alter war, kreisten seine Gedanken schon darum, ob er seine Eltern und sein Land verlassen sollte. Er interessierte sich für die Opposition in der DDR und wurde deshalb gemobbt.

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Plauderte ├╝ber seine Vergangenheit: Weil Peter Grimm nicht zur Armee wollte und sich f├╝r die DDR-Opposition interessierte, wurde er neun Tage vor dem Abitur von der Schule geworfen.

© MZV

Schüler, die heute in der zehnten Klasse sind, können sich das kaum noch vorstellen. Die DDR kennen sie nur aus Erzählungen ihrer Eltern und aus dem Fernsehen. Bevor sich die Schüler der beiden zehnten Klassen an der Neuruppiner Fontane-Oberschule mit diesem Abschnitt der deutschen Historie beschäftigen, hatte Geschichtslehrerin Brit Luckenbach für Montag die Referentin der Deutschen Gesellschaft, Madeleine Petschke, und als Zeitzeugen Peter Grimm eingeladen. Er durfte in der DDR kein Abitur ablegen, weil er sich für die politische Opposition interessierte.

Geboren 1965, verlief die Kindheit und Jugend von Peter Grimm in Berlin-Friedrichshagen ohne besondere Vorfälle. Seine Eltern hatten mit Partei und Politik nichts am Hut. Und sein Vater als Leiter eines Sägewerks war ein gefragter Mann, da er schließlich für alle, die bauen wollten, Holz abzweigen konnte. "Auch in unserer Schule gab es keine Hardliner, die die ideologischen Vorgaben zu 150Prozent umsetzen wollten", berichtete Grimm. Erst als Schulen zusammengelegt wurden und für Grimm schon klar war, dass er sich nicht für den Armeedienst verpflichten wollte, um anschließend studieren zu können, sei es "schwer erträglich" geworden. Alle paar Wochen habe er sich in Einzelgesprächen oder in der Gruppe rechtfertigen müssen, warum er nicht zur Nationalen Volksarmee wollte. "Das war ein Politikum, wenn man sich verweigert hat", so Grimm. Da es sich aber niemand mit seinem Vater verderben wollte, drohten ihm vorerst keine Konsequenzen.

Seine Freunde und er interessierten sich allerdings schon lange für den bekannten Regimekritiker Robert Havemann, der in der Nähe wohnte. "Wir wollten ihn immer mal besuchen, obwohl wir seine Adresse nicht kannten. Da sein Grundstück aber ständig von der Polizei und der Stasi überwacht wurde, hätten wir ihn leicht ausfindig machen können", so Grimm. Oft hätten seine Freunde und er Anlauf zu einem Besuch unternommen, ihn dann aber wieder verworfen. Als Havemann 1982 starb, entschieden sie sich aber zu seiner Beerdigung zu gehen, die ebenfalls überwacht wurde. "Das Verhältnis von Stasi, Volkspolizei und den Bäumen am Friedhof war fast 1:1", so Grimm. Wer an der Beisetzung teilnehmen wollte, wurde kontrolliert und registriert, was den jungen Männern letztlich egal war. Während der Trauerfeier knüpften sie noch Kontakte zu Oppositionellen wie Ralf Hirsch und Werner Fischer.

In der Schule brachte das aber das Fass zum Überlaufen. Seine Klasse sollte sich von ihm distanzieren. Dem kamen auch zwei Drittel der Klassenkameraden nach. Außerdem versuchte ihn die Staatssicherheit anzuwerben, indem sie ihm unter anderem einen Studienplatz seiner Wahl in Berlin versprach. Der Schüler konnte die Stasi aber geschickt abbügeln. Die Folge: Neun Tage vor den Abiturprüfungen wurde er der Schule verwiesen. Wie Peter Grimm erst später erfuhr, sei seine "moralische und charakterliche Grundhaltung nicht mit den Anforderungen einer sozialistischen Schule vereinbar" gewesen.

Schulisch und beruflich konnte Grimm somit keine Karriere mehr machen. Um nicht als Arbeitsloser wegen "asozialen Verhaltens" verurteilt zu werden, nahm er eine Hilfstätigkeit in einem Transformatorenwerk an.

Obwohl Peter Grimm und seinen Mitstreitern immer wieder Steine in den Weg gelegt worden waren, ließen sie sich nicht einschüchtern. Der heute 50-Jährige begann, sich damals in Berliner Oppositionskreisen zu engagieren, die sich mit Menschenrechtsfragen auseinandersetzten. 1983 gründete sich auf seine Initiative hin ein Friedenskreis. Zwei Jahre später forderten oppositionelle Gruppen unter anderem das Recht auf Bildung und freien Zugang zu Informationen sowie das Recht auf Versammlungs-, Reise- und Meinungsfreiheit. Für das gleiche Jahr wurde ein Menschenrechtsseminar vorbereitet. "Eine Diktatur und Menschenrechte sind nicht miteinander vereinbar", erklärte Grimm den Schülern. Das Seminar, das in der Treptower Bekenntniskirche stattfinden sollte, wurde deshalb auch von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg verboten. Aus der Vorbereitungsgruppe entstand im März 1986 die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), die sich zu einer der wichtigsten Oppositionsgruppen der DDR entwickelte. Zu ihren Mitbegründern zählten auch Bärbel Bohley und Ulrike Poppe.

Ab dem Sommer 1986 sorgten Peter Grimm sowie seine Mitstreiter Ralf Hirsch, Peter Rölle und Rainer Dietrich erneut für Aufsehen. Im Geheimen druckten sie das regimekritische Heft "Grenzfall". "Eine Druckmaschine im Keller zu haben, wurde damals härter bestraft als heute illegaler Waffenbesitz", so Grimm. Die Druckmaschine hatte Roland Jahn, der heutige Leiter der Stasiunterlagenbehörde, besorgt. Von West-Berlin aus unterstützte er seinerzeit die Oppositionellen. Ein Dankesschreiben der Grenzfall-Herausgeber zeugt heute noch von den guten Kontakten. Das Heft und die IFM sollten die Präsenz der Opposition in der DDR zeigen. Mit ihrer Broschüre forderten sie jeden Leser auf, sich öffentlich zu Menschenrechtsfragen zu äußern.

Peter Grimm war in dieser Zeit mehrfach festgenommen worden. "In den Verhören ist mir oft nahegelegt worden, ob meine Freunde und ich nicht sofort ausreisen wollen. Das war damals sehr untypisch." Für Grimm war damit aber klar, dass seine Mitstreiter und er für die DDR-Führung sehr unbequem geworden waren. "Für uns war das ein Zeichen, dass wir notfalls wirklich raus konnten. Wir hatten aber auch einen sehr guten Schutz durch unsere Kontakte zu West-Journalisten", schilderte Grimm den Schülern.

Obwohl sein Freundeskreis mit zwei Stasi-Zuträgern unterwandert war, ist es dem Geheimdienst nie gelungen, die Druckerei auszuheben. Selbst die großangelegte "Aktion Falle" vom 25. auf den 26.November 1987 ging in die Hose. Die Stasi wollte in der Nacht die "Grenzfall"-Drucker in der kirchlichen Umweltbibliothek überraschen und somit für die Kirche unhaltbar machen. Grimm und seine Kollegen hatten den Druck für diesen Tag aber abgesagt. Stattdessen saßen sie mit einem Stasi-Zuträger bei einem Bier zusammen, der vergeblich versuchte, sie in die Falle zu locken, und auch selbst nicht los konnte, da er sonst aufgeflogen wäre.

In den Jahren darauf wurden Grimm und seine Freunde von den Ereignissen fast überrollt. Heute ist er davon überzeugt, dass die Friedliche Revolution 1989 nur deshalb ohne Opfer abgelaufen ist, weil sich so viele Menschen an den Demonstrationen beteiligt haben. "Die wichtigste Zeit war für mich aber nicht der Mauerfall, sondern die Tage davor. Da ist man morgens aufgewacht und wusste nicht, was einen heute draußen erwartet", so Grimm.

Einer der Schüler wollte am Montag gegen Ende des Unterrichts noch von ihm wissen, ob er denn sein Abitur noch einmal nachgemacht hat. Das musste Grimm verneinen. Seine Zeit im Aushilfsjob habe er stattdessen ausgiebig zum Selbststudium genutzt. Nach der Wende arbeitete er als Redakteur und Pressesprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag, war danach für verschiedene Fernsehproduktionsfirmen tätig, wirkte als freier Autor und Produzent für Film sowie Fernsehen und ist seit 2005 Redakteur bei der Zeitschrift "Horch und Guck".

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