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Wohngemeinschaft für junge Behinderte eröffnet

Schritt in die Selbstständigkeit: Paul Böttcher ist einer von fünf Bewohnern, die seit Kurzem in der neue Wohngemeinschaft "Junge Mitte" leben. Der 22-Jährige, der zuvor bei seinen Eltern in Heinersdorf wohnte, hat die Behinderten-WG mit initiiert.
Schritt in die Selbstständigkeit: Paul Böttcher ist einer von fünf Bewohnern, die seit Kurzem in der neue Wohngemeinschaft "Junge Mitte" leben. Der 22-Jährige, der zuvor bei seinen Eltern in Heinersdorf wohnte, hat die Behinderten-WG mit initiiert. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 29.02.2016, 19:46 Uhr - Aktualisiert 01.03.2016, 11:38
Berlin (MOZ) Viele junge behinderte Menschen sind auf ein Leben bei den Eltern angewiesen oder werden in Altersheimen untergebracht. In Lichtenberg hat jetzt eine Wohngemeinschaft eröffnet, die für sie "alters"gerecht ist.

Die große Schere liegt ihm schwer in der Hand. Paul muss all seine Kraft in den Fingern zusammennehmen, um das symbolische rote Band der neuen WG bis zum Ende durchzuschneiden. Schnitt für Schnitt droht der Stoff wieder von den Klingen zu rutschen. Doch Paul gibt nicht auf. Und die Schere schon gar nicht aus der Hand. Umso größer ist der Jubel von Mitbewohnern, Pflegerinnen und Eltern, als die beiden roten Enden zu Boden flattern.

Ein großer Moment. Denn Paul hat nicht nur diesen kleinen Kampf gewonnen. Sondern auch einen großen. Mit 22 Jahren ist er von zu Hause ausgezogen, in eine WG mit Gleichaltrigen. Für ihn ein riesiger Schritt. Denn Paul leidet seit seiner Kindheit an einer fortschreitenden Muskelerkrankung. Seit dem zwölften Lebensjahr ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Inzwischen sind auch die Hände so schwach, dass sie gerade noch so den Rolli-Joystick bedienen können. Wenn der Arm mal von der Stütze fällt, bekommt Paul ihn nicht mehr alleine hoch und ist bewegungsunfähig. Dafür ist er geistig fit. Und so war er es auch, der bei seinem ambulanten Pflegedienst "Helle Mitte" immer wieder nach einer Wohnform für junge Behinderte fragte.

Bei Chef André Graff stieß der sympathische Mann auf offene Ohren. "In der täglichen Praxis sehen wir leider, dass viele junge Erwachsene mit Behinderungen aus Mangel an Alternativen in Wohnformen für Demente oder sogar in Seniorenheimen untergebracht sind", sagt Graff. "Es sind aber junge Menschen, die trotz Behinderung so leben möchten wir ihre Altersgenossen."

Sein familiengeführtes Unternehmen aus Marzahn-Hellersdorf, das zwar auf häusliche Pflege spezialisiert ist, aber schon mehrere besondere Wohnangebote wie zum Beispiel eine Kinder-WG betreibt, wollte es einfach mal ausprobieren. "Es war gar nicht so einfach, so großen Wohnraum zu finden, der nicht am Stadtrand liegt und bezahlbar ist", berichtet Graff.

Fündig wurde er im sechsten Stock eines Einkaufscenters an der Möllendorffstraße in Lichtenberg. Die ehemaligen großen Büroräume wurden zu acht Einzelzimmern umgebaut. Die breite Wohnküche, behindertengerechte Bäder und WCs, sowie der Therapieraum stehen allen zur Verfügung. Pflegekräfte versorgen die Bewohner in Schichten.

Allerdings wird besonderer Wert auf die Eigenverantwortung gelegt. So bestimmen die Bewohner zum Beispiel jeden Sonntag gemeinsam den Speiseplan. "Natürlich achten wir ein bisschen darauf, dass es die gesamte Woche nicht nur Burger und Pizza gibt", erklärt Jugend-WG-Leiterin Nicole Meinzenbach. Auch um Radiosender gibt es täglich Diskussionen. Die eine Fraktion mag Kiss FM, die andere Fritz.

Ansonsten harmonierten die Bewohner von Anfang an erstaunlich gut, berichten alle. Damit das auch so bleibt, dürfen sie bei der Belegung der drei noch freien Zimmer mitreden. Verantwortung, die die 20-jährige Maria erst lernen muss. "Sie lebte vorher in einer Dementen-WG. Dort war für sie alles komplett durchgeplant", berichtet Meinzenbach. Selbst das nächtliche Umbetten gegen Druckstellen. "Bei uns können die Bewohner klingeln, wenn sie gerade wach sind und umgedreht werden wollen."

Paul genießt die kleinen neuen Freiheiten, die ihm das WG-Leben bietet. Als seine Mutter neulich spontan mit einem Kuchen vor der Tür stand, musste sie wieder gehen. Paul war gerade mit seinem Lieblingspfleger in der Pizzeria. Auch in den nahen Fennpfuhlpark oder ins Museum würde der aufgeweckte junge Mann gerne häufiger gehen. Doch mit dem Umzug wurde ihm automatisch sein Einzelfallhelfer gestrichen. "Wir hoffen sehr, dass das bald vom Amt genehmigt wird", sagt seine Mutter, die berufstätig ist. Ihren Sohn nun ein Stück weit loszulassen, ist auch für sie noch ungewohnt. "Doch zu Hause in Heinersdorf hatte er kaum Bekannte. Und die Leute in der Behindertenwerkstatt sind nicht in seinem Alter."

An den Wänden seines neuen, hellen Zimmers hat Paul Poster von den Berliner Eisbären angebracht. "Ich habe jetzt Lust bekommen, mal wieder hinzugehen", sagt er. Mit seinem neuen Freund Maximilian aus dem Nebenzimmer. "Der ist genauso sportbegeistert wie ich."

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