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André Bochow 04.04.2016 05:59 Uhr - Aktualisiert 14.04.2016 14:35 Uhr

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Angelprofessor im Interview: "Angeln ohne vernünftigen Grund ist verboten"

Berlin (MOZ) Fisch ist ins Gerede gekommen. Die Bestände schwinden. Es gibt beinharte Verhandlungen über Fangquoten und schlimme Nachrichten von Plastikrückständen in Fischen. Seltener aber ist von den Anglern die Rede. Die gelten vielen als harmlose, vielleicht etwas eigenwillige Spezies, die möglichst wortkarg an Gewässerrändern oder Booten herumsitzt und bis auf die wenigen Fische, die sich an die Angelhaken verirren, niemanden stört. Aber die Bedeutung des Angelns ist viel größer als gemeinhin angenommen wird. Auch darüber sprach André Bochow mit Prof. Dr. Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und der Humboldt-Universität zu Berlin

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Robert Arlinghaus

© David Außerhofer

MOZ: Herr Arlinghaus, der Spiegel hat Sie „Angelprofessor“ genannt. Den einzigen, den es in Deutschland gibt. Fühlen Sie sich richtig etikettiert?

Jein. Die Professur, auf die ich an der Humboldt-Universität berufen wurde, ist breiter angelegt und befasst sich fachübergreifend mit dem Fischereimanagement. Damit ist eine interdisziplinäre Analyse der Grundlagen nachhaltiger Fischerei in Flüssen, Seen, Küsten und dem Meer gemeint. Forschungsseitig habe ich aber seit Jahren einen Schwerpunkt in der Untersuchung der Angelfischerei in Binnengewässern. Daraus folgt aber nicht, dass ich etwa Anwalt der Angler wäre oder gar von der Angelindustrie finanziert. Das Gegenteil ist der Fall, ich versuche möglichst objektiv die Angelfischerei und ihre Dynamik und Entwicklung zu verstehen und zu dokumentieren und auf dieser Basis Empfehlungen für nachhaltige Angelfischerei abzuleiten. Unsere Forschung wird auf der Grundlage von Forschungsanträgen zum Beispiel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung oder der EU finanziert.

MOZ: Es gibt ein Buch von Ihnen, das heißt: „Der unterschätzte Angler“. Inwiefern werden denn die deutschen Angler unterschätzt?

Das umfasst drei Ebenen: Die ökonomische, die soziale und die ökologische. Wirtschaftlich hängen von der Angelfischerei 52.000 Arbeitsplätze ab, mehr als in der sonstigen deutschen Fischwirtschaft zusammengenommen. Hierzulande werden beim Angeln 5,2 Mrd. Euro umgesetzt. Das ist ein Riesenmarkt. In Deutschland treibt es mehrere Millionen Menschen regelmäßig ans Wasser, in Europa jeden zehnten Bürger. Das stiftet physiologischen, gesundheitlichen, psychologischen und weitere sozialen Nutzen. Allerdings fangen die vielen Angler hierzulande auch deutlich mehr Fische als die kommerzielle Erwerbsfischerei in Seen und Flüssen. Das kann mancherorts negative ökologische Folgen haben, auch wenn in den meisten Gewässern nachhaltig geangelt wird. Umgekehrt ist unbedingt positiv anzumerken, dass die Angelei der Gesellschaft ohne Belastung für die öffentliche Hand großen ökologischen Nutzen stiftet, weil sich Angler über Vereine und Verbände als Pächter oder Eigentümer von Fischereirechten mit großem Engagement und im Ehrenamt im Rahmen der Hege um die Gewässer kümmern, Fische aussetzen, Ufer pflegen und als Wächter im Sinne der Gewässer fungieren. Ohne Angler wären viele Gewässer wohl in einem weit schlechteren Zustand als das heute der Fall ist.

MOZ: Angler ist nicht gleich Angler. Es gibt zum Beispiel das sogenannte „Trophäenangeln“. In kommerziell betriebenen Teichen werden möglichst große Fische geangelt, die dann wieder ins Wasser zurückgesetzt werden. Ein Spiel mit Tieren. Ist das in Deutschland erlaubt?

Zunächst ist zu konstatieren: Das Trophäenangeln in kommerziellen Angelteichen ist eine Randerscheinung, aber es lohnt sich dennoch, dieses Problemfeld einmal genau anzuschauen. In Deutschland ist dem Inhaber eines Fischereischeins und einer Angelkarte grundsätzlich alles erlaubt, was durch den sogenannten „vernünftigen Grund“ gemäß Tierschutzgesetz gedeckt ist. Ein vernünftiger Grund angeln zu gehen, ist zunächst der Fang von Fischen zum eigenen Verzehr. Die meisten Angler gehen genau mit dieser Intention ans Wasser, auch und gerade am kommerziell betriebenen Angelteich. Überdies wird das Angeln durch den Beitrag zur Hege von Fischbeständen legitimiert. Sofern mindestens einer dieser beiden guten Gründe gegeben ist, kann mit der Angelei natürlich auch Geld verdient werden. Man müsste jetzt im Einzelfall schauen, mit welcher Intention der Angler am kommerziellen Angelteich Großfische gefangen und zurückgesetzt hat. Sofern prinzipiell ein Interesse an der Entnahme gegeben war, dürfte juristisch gegen das Zurücksetzen von Beifängen wenig sprechen. Wenn jedoch vor dem Auswerfen die Intention bestand, den Fisch in jedem Fall zurückzusetzen, könnte man Tierquälerei bzw. wie Sie es sagten „Spiel mit Tieren“ konstruieren, was einige Gerichte auch bereits getan haben. Allgemein haben Angler ein hohes Interesse am Fang kapitaler Fische, weil diese selten sind und sich um den Fang der Trophäen Sagen und Geschichten ranken. Wer erzählt zu Hause schon von den zwanzig handlangen Bleien oder Plötzen, die am Sonntagnachmittag am Kanal vorhersagbar den Weg in den Kescher fanden? Aber von dem Meterhecht, der unverhofft am Dorfteich an den Haken ging – davon erzählt der Großvater seinen Enkeln stolz. Aus diesen Geschichten entstehen dann Legenden, Mythen und Passion. Große Fische tummeln sich übrigens vor allem in natürlichen Gewässern. Entsprechend gibt es diese vermeintlich tierschutzwidrige Trophäendiskussion auch dort, weil dem Angler schnell ein fehlender vernünftiger Grund unterstellt wird, wenn ganz gezielt Großfischen nachgestellt wird und diese nach dem Fang zurückgesetzt werden. Allerdings gibt es im natürlichen Gewässer einen entscheidenden Unterschied. Für den Erhalt der natürlichen Bestände ist der Erhalt einer breiten Altersstruktur, inklusive der großen Laichfische, sehr wichtig. Insofern macht es fischereiökologisch Sinn, große, sehr fruchtbare Laichtiere nach dem Fang zurückzusetzen. Eine solche ökologische Begründung für das Zurücksetzen der kapitalen Fische lässt sich im überschaubaren, künstlich angelegten Angelteich schwieriger konstruieren, vor allem dann, wenn die natürliche Vermehrung fehlt und die beangelten Fische auf Besatz basieren.

MOZ: Welche Formen des Angelns und des Fischfangs sind denn nicht zulässig?

Zunächst bedarf es sowohl eines Fischereischeins als auch einer Angelkarte für ein bestimmtes Gewässer. Nur dann ist man als Angler legitimiert, angeln zu gehen. Dann muss sich der Angler an die Landesfischereigesetze halten – etwa in Bezug auf Schonzeiten oder Mindestmaße. Teilweise werden lokal in Gewässerordnungen die gesetzlichen Mindeststandards weiter verschärft. Und dann ist wie bereits ausgeführt das Angeln ohne vernünftigen Grund untersagt. Verboten sind aus Tierschutzsicht z. B. Praktiken wie das Wettangeln, wo es nicht primär um den Fischverzehr geht, oder auch die Nutzung des lebenden Köderfischs, weil es weniger belastende Alternativen gibt, die die Raubfische auch an den Haken bringen. Das heißt aber nicht, dass z. B. das Zurücksetzen von Fischen verboten wäre. Ganz im Gegenteil – bei geschützten Arten oder Größen ist das Zurücksetzen nach dem Fang sogar geboten.

MOZ: Eine in der jüngsten Zeit mit nicht geringer Schärfe debattierte Frage lautet: Empfinden Fische Schmerzen? Warum ist die Beantwortung dieser Frage wichtig?

Zunächst ist das eine rein naturwissenschaftliche Frage. Dann hat die Frage auch eine wichtige juristische Dimension, da der Straftatbestand der Tierquälerei gemäß § 17 TSchG an die Fähigkeit von Fischen (und anderen Tieren) gekoppelt ist, Schmerzen zu empfinden oder zu leiden. Und schließlich möchten einige Interessengruppen– Tierrechtsverbände etwa – gerne sämtliche Nutzungen von Tieren unterbinden. Da kommt es sehr gelegen, wenn das Hobbyangeln möglichst grausam porträtiert werden kann. Dafür bedarf es des Schmerzempfindens auf Seiten des Fisches und einer unehrenhaften Intention des Anglers. Beliebt ist auch der Hinweis, dass man die Fische beim Hobbyangeln gar nicht zum Überleben braucht, Angeln also überflüssig ist. Das sehen die vielen Angler natürlich völlig anders.

MOZ: Sie bezweifeln, dass Fische dem Menschen vergleichbare Schmerzen empfinden. Den Fischen fehlt unter anderem die für bewusstes Schmerzempfinden benötigte Großhirnrinde. Nach bisherigen Erkenntnissen gibt es für die Großhirnrinde keinen funktionalen Ersatz. Außerdem haben zumindest Knorpelfische wie Haie oder Rochen keine Nozizeptoren, also Schadrezeptoren, die zum Beispiel beim Menschen mit dem Schmerzempfinden zusammenhängen. Aber was Fische empfinden, wenn Sie am Haken hängen, oder qualvoll ersticken, wissen wir trotzdem nicht. Oder?

Nein, wir wissen es wirklich nicht. Wir wissen, dass Fische Stress empfinden, Verhaltensanomalien zeigen und auch zur Vermeidungsreaktionen fähig sind. Ob aber diese Reaktionen mit Schmerzgefühlen zusammenhängen, ist wissenschaftlich strittig.

MOZ: Die Frage ist, ab wann wird Stress zur Quälerei?

Das ist in der Tat eine Frage, die juristisch relevant ist und die auch von Tierrechtsverbänden regelmäßig gestellt wird. Auch viele Angler denken über diese Dinge nach. Leider wissen wir über das Gefühlsleben von Fischen nicht genügend gut Bescheid, um die Frage abschließend zu beantworten. In jedem Fall ist es hochproblematisch, von Stressreaktionen auf Gefühlszustände oder gar Qual zu schließen. Und Stress ist nicht gleich Schmerz oder Leid, man denke z. B. daran, was passiert, wenn sich ein Mensch im Straßenverkehr an einer gefährlichen Gabelung plötzlich erschreckt. Man kann dann hohe Stresshormonlevel messen, vielleicht kommt es auch zu langfristigen Verhaltensänderungen, wenn eine besonders gefährliche Abbiegung künftig anders befahren wird, und all das entsteht, ohne dass Schmerzgefühle involviert waren. Wir können ohne Zweifel belegen, dass der beim Angelvorgang vom Fisch erfahrene Stress in der Regel sehr milde ist und von den Fischen ohne längerfristige Konsequenzen vertragen wird. Das spricht im Grunde gegen die Hypothese, dass der beim Angeln erfahrene Stress für die Fische quälend ist. Angeln gehört übrigens zu den schonendsten Formen des Fischfangs überhaupt. Deswegen sind die von Berufsfischerei mit der Angel gefangenen Meeresfische auch besonders teuer, weil ihr Fleisch die beste Qualität hat. Ein stark gestresster Fische schmeckt einfach schlechter.

MOZ: Erleben Fische in Aquakulturen andere Formen des Stresses als Tiere in freier Wildbahn?

Es ist nicht möglich, das eine mit dem anderen pauschal zu vergleichen, es kommt auf viele Details an. Physiologisch gesehen sollte die Antwort auf Stressoren in der Aquakultur und in freier Wildbahn identisch sein. Natürlich ist die künstliche Haltungsumwelt zunächst eben das – künstlich. Das kann für Fische Stress bedeuten, wenn Rückzugsräume fehlen beispielsweise. Wenn man die Haltungsumwelt aber artgerecht gestaltet, kann der Stress für die Fische minimiert oder sogar verhindert werden. In der freien Wildbahn sind Fische hingegen ständig Räubern und manchmal auch Futterarmut oder ungünstigen Sauerstoffbedingungen ausgesetzt. Man darf die Natur nicht romantisieren: Die Natur ist prinzipiell „grausam“,hier geht es um Fressen oder Gefressenwerden. Die Aquakultur hingegen kann auch ein Paradies sein, wenn sie artgerecht gestaltet wird. Es gibt keine Räuber, eine gute Wasserqualität und Futter im Überfluss. Ich will hier nicht den Anschein erwecken, dass es nicht auch in der Aquakultur Probleme gibt, aber es ist eben auch nicht so, dass die Fischzucht prinzipiell die Fische belastet. Besonders naturnah ist die Aquakultur in der Teichwirtschaft, unter der Voraussetzung, dass der Kormoraneinfall gering ist, der Fische enorm unter Stress setzt. Der Teichkarpfen gehört ohne Zweifel zu den nachhaltigsten Fischprodukten überhaupt, das sieht sogar Greenpeace so.

MOZ: Fische handeln laut wissenschaftlichen Erkenntnissen keineswegs nur instinktgesteuert. Sie sind durchaus zu kognitiven Leistungen fähig. Auch wenn das keine Rückschlüsse auf das Schmerzempfinden zulässt, müsste es uns nicht trotzdem zu denken geben, wenn wir Fische als Nutztiere behandeln?

Zunächst ist klarzustellen, dass der deutsche Gesetzgeber bereits seit vielen Jahren den Fischen als Wirbeltiere mit akzeptierten höheren kognitiven Leistungen höchsten Schutzstatus einräumt. Dieser Schutzstatus bzw. die Notwendigkeit, Einflüsse auf das Fischwohl mit dem Nutzen für den Menschen abzuwägen, ergibt sich bereits dann, wenn Fische durch den Menschen geschädigt werden (§1 TSchG). Es bedarf der höheren kognitiven Leistung gar nicht, es reicht die Schadzufügung ohne Grund. Das deutsche Tierschutzgesetz gehört in Bezug auf die Schlussfolgerungen für Fische übrigens zu den restriktivsten überhaupt weltweit. Darüber hinaus kann und wird jeder Mensch seine eigenen Kriterien festlegen, ab wann die Nutzung von Tieren moralisch relevant wird. Für mache reicht es ethisch, dass es sich um Lebewesen handelt, für andere werden Lebewesen erst dann moralisch relevant, wenn sie zu „höheren“ Leistungen in der Lage sind. Aber auch das wird ganz schnell ganz kompliziert. Man denke an einen Ameisenschwarm. Die einzelne Ameise ist sicherlich neurologisch einfacher gebaut als ein Fisch, trotzdem ist der Ameisenschwarm zu hohen kognitiven Leistungen fähig. Folgt daraus, dass man ethisch mit Ameisen anders umgehen sollte als mit Fischen? Jeder hat darauf seine ganz eigene, subjektive Antwort. Wir Wissenschaftler sollten uns vielleicht darauf beschränken zu studieren, was Tiere können oder nicht können, und die ethische Wertung dem gesellschaftlichen Diskurs überlassen. Solange aber die Gesellschaft grundsätzlich Fleischkonsum toleriert, kann auch das Angeln nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, wenn es tierschutzgerecht erfolgt.

MOZ: Was schwer zu verstehen ist: Nach deutschem Recht und auch dem Selbstverständnis verantwortungsbewusster Angler entsprechend, ist es in Ordnung, Fische zu angeln, zu töten und zu verzehren. Mindestens bedenklich ist es aber zum Vergnügen zu angeln und die Fische zurückzusetzen. Aus Sicht der Fische ist doch wohl der Tod kaum die erstrebenswerte Variante.

Da haben Sie aus Sicht der Fische Recht. Für den Fisch ist es aber am besten, gar nicht geangelt zu werden. Die zweitbeste Lösung ist, nach dem Fang schonend zurückgesetzt zu werden, das schont vor allem die Populationen, ohne das Angeln einzuschränken. Wenn der Zurücksetzvorgang sorgsam erfolgt, ist die Sterblichkeit nach dem sog. „Catch & Release“ nahe Null, und der Stress ist bei den meisten Arten kurzfristig und vorübergehend. Insofern könnte man naturschutzfachlich schlussfolgern, dass jeder Fisch zurückgesetzt werden sollte. Allerdings wird ethisch die Intention des Handelnden bewertet, nicht unbedingt das, was dem Fisch am Haken passiert. Und dann kann das freiwillig motivierte Zurücksetzen entnahmefähiger Fische tierschutzrechtlich problematisch bewertet werden, sofern man der Meinung ist, dass dem Agierenden der vernünftige Grund für die Stresszufügung fehlte. Wir haben kürzlich die deutsche Bevölkerung zu diesen Aspekten befragt und festgestellt, dass die Gesellschaft mehrheitlich das Zurücksetzen von geangelten Fischen akzeptiert, solange es einen guten ökologischen Grund dafür gibt, etwa die große Bedeutung des einzelnen Fisches für den Laichfischerhalt. Wenn aber der Angler einen Fisch zurücksetzt, weil er selbst oder ein Freund den Fisch noch mal fangen will, lehnt das die Mehrheit der Gesellschaft als unmoralisch ab. Daran sehen wir, dass es am Ende die Intention des Akteurs ist, die die ethische Wertung im Rahmen einer Güterabwägung bestimmt.

MOZ: Bei der professionellen Fischwirtschaft wird mit dem sogenannten Fischbesatz gearbeitet. Also gefangene Wildfische bzw. in der Zucht vermehrte Tiere werden in natürliche Gewässer eingesetzt. Ist das ein sinnvoller oder ein gefährlicher Eingriff in die Natur?

Das ist auch in der Angelfischerei tägliche Hegepaxis. Nach unseren Studien wurden im Jahr 2010 z. B. etwa 77 Millionen Fische in Angelgewässer ausgesetzt. Der sogenannte Fischbesatz ist ambivalent zu werten. In vielen Fällen sind Fischbestände tatsächlich durch menschgemachte Veränderungen der Gewässer bedroht. In diesem Fällen ist Fischbesatz eine arterhaltende, nachhaltige Maßnahme, die häufig alternativlos ist. Kommt eine Art aber bereits in einem Gewässer vor und vermehrt sich von alleine, kann die Wirkung von Fischbesatz aber auch verpuffen, insbesondere dann, wenn Brütlinge oder Jungfische ausgesetzt werde. Man muss sich also jedes Gewässer genau ansehen und mit Sachverstand entscheiden, wann Besatz angeraten ist und wann nicht. Durch Fischbesatz können Krankheiten in die Gewässer eingebracht und Populationen miteinander in Kontakt gebracht werden, die natürlicherweise niemals zueinander gefunden hätten. Das kann die biologische Vielfalt negativ durch sogenannte Einkreuzung gebietsfremder Gene beeinflussen. Fischbesatz ist also immer sehr sorgsam einzusetzen und sorgfältig zu planen. Den dafür nötigen Sachverstand bringen die Fischereibiologen der Anglerverbände in der Regel mit.

MOZ: Was spricht dagegen, das Angeln und die Fischerei ganz aus dem Bereich menschlicher Unternehmungen verschwinden zu lassen? Wir brauchen doch den geangelten oder gefangenenFisch nicht zwingend für die Ernährung.

Einerseits könnte man so argumentieren, anderseits ergänzen die beim Angeln gefangenen Fische sinnvoll die Ernährung der Anglerhaushalte. Darüber hinaus generiert das Angeln, wie bereits angemerkt, vielfältigen sozialen und psychologischen Nutzen und ist ein wichtiges Element der Lebensführung von in Deutschland 3,3 Millionen Menschen. Neben der Jagd gibt es keine derart direkte und intime Interaktion von Menschen mit Wildtieren. Angesichts der Entfremdung einer stetig steigenden urbanen Bevölkerung von der Natur sind diese engen Naturerfahrungen von unschätzbarer psychologischer und erzieherischer Bedeutung, gerade auch für Kinder und Jugendliche. Wir haben in der Gesellschaft immer wieder die Diskussion, dass die meisten nicht mehr wissen, woher die Nahrungsmittel kommen, das Fleisch nur noch abgepackt im Kühlregal wahrgenommen wird usw. Ganz anders beim Angeln: Hier wird der Mensch Eins mit der Natur und man fängt und entnimmt natürlich aufgewachsene Fische. Der Angler kann sich sozusagen der Massentierhaltung entsagen und hat den Tötungsvorgang selbst in der Hand. Das ist alles andere als archaisch, das ist eine wesentliche Erfahrung, wie überdies das Angeln insgesamt eine sehr reiche Naturerfahrung ist, die kaum durch alternative Freizeitformen substituiert werden kann. Nicht zu vergessen sind die wirtschaftlichen Effekte auf die Volkswirtschaft. Mit dem Argument der „Notwendigkeit“ ließe sich übrigens nahezu jede menschliche Aktivität in Frage stellen. Der Mensch lebt aber nicht nur von Proteinen und Luft alleine, sondern benötigt Naturerfahrungen und Muße für ein reiches, glückliches, selbstbestimmtes Leben. Und hier spielt das Angeln für Millionen Deutsche eine wesentliche Rolle. Auch wird durch das Angeln gewährleistet, dass sich Teile der Zivilgesellschaft – freiwillig und häufig im Ehrenamt – um Gewässer und Fische kümmern. Die meisten Gewässer in Deutschland werden von Angelvereinen und –verbänden in Schuss gehalten.

MOZ: Es gibt in Deutschland mehr als 3 Millionen Angler, davon angeln etwa 1,6 Mio. regelmäßig auch in Deutschland. Aber die Zahl ist rückläufig? Kennen Sie dafür Gründe?

Nein, die Zahl ist nicht rückläufig, sondern seit Jahren stabil. Wir haben die Phase des Rückgangs bereits hinter uns. Die wichtigsten Gründe, die historisch das Angelinteresse gesenkt haben, waren Urbanisierung, Wertewandel und erschwerter Zugang zum Angeln, zum Beispiel durch die Pflicht zur Anglerprüfung, die man so in kaum einem anderen Land findet. Angeln nimmt derzeit wieder an Fahrt auf und wird von mehr und mehr Personen als sinnvoller Ausgleich zum Arbeitsleben wahrgenommen. Es ist zu hoffen, dass die Beschränkungen der Angelei, z. B. in Naturschutzgebieten, weiter abgebaut werden, da Angeln und Naturschutz sehr gut in Einklang zu bringen sind. Leider gibt es gerade unter Naturschützern erhebliche Vorbehalte gegenüber Anglern, die einem konstruktiven Diskus im Weg stehen. Das sehen wir z. B. aktuell bei der Diskussion um die Ausweisung von Naturschutzgebieten in Nord- und Ostsee, in denen es nach Vorschlägen des Bundesumweltministeriums das Angeln gänzlich verboten werden soll, ohne dass es eine den Verbot unterstützende Datenbasis gäbe. ‚Etwas weniger Ideologie täte dem gesamten Diskus manchmal ganz gut.

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