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Jeden Dienstag lädt die evangelische Gemeinde am Karl-Ritter-Platz zum Begegnungscafé.

Integration bei Kaffee und Kuchen

Mit dem Herzen dabei: Die 74-jährige Rentnerin Renate Grahl war selbst einst Flüchtlingskind. Deshalb und aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus ist es ihr ein Anliegen, im Begegnungscafé zu helfen - unter anderem in der Kleiderkammer.
Mit dem Herzen dabei: Die 74-jährige Rentnerin Renate Grahl war selbst einst Flüchtlingskind. Deshalb und aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus ist es ihr ein Anliegen, im Begegnungscafé zu helfen - unter anderem in der Kleiderkammer. © Foto: MOZ
Frauke Adesiyan / 19.04.2016, 06:09 Uhr - Aktualisiert 19.04.2016, 16:07
Frankfurt (Oder) (MOZ) Jeden Dienstag ab 16 Uhr füllt sich der Saal im Gemeindehaus St. Georg mit Flüchtlingen und Frankfurtern. Im Begegnungscafé kommen sie ins Gespräch, eine große Gruppe von Freiwilligen sorgt für Kuchen, Musik, Spiele und eine Kleiderkammer.

Wer an einem Dienstagnachmittag die mächtigen Türen zum Gemeindehaus St. Georg am Karl-Ritter-Platz aufdrückt, kann schon im Erdgeschoss erahnen, was zwei Etagen darüber passiert. Musik klingt durchs Treppenhaus, Geschirrklappern, Gespräche und vor allem Kinderstimmen in allen Gemütslagen. Es ist Zeit für das Begegnungscafé der evangelischen Gemeinde, das so lange existiert, wie die Erstaufnahmeeinrichtung schräg gegenüber. "Und wer drüben wohnt, der kommt auch her, zwischen 70 und 80 sind wir meist", sagt Pfarrerin Gabriele Neumann.

In dem großen Saal ist jeder Tisch besetzt. Frauen mit und ohne Kopftuch sitzen hier vor Kaffeetassen und Tellern mit Kuchen und Keksen, Männer mit ihren Handys, Kinder, die nur schwer von der Spielecke fernzuhalten sind. Auf der Bühne singen Mädchen und Jungen der evangelischen Grundschule "Komm lieber Mai". Hinter einem Vorhang bereiten freiwillige Helferinnen die Kleiderkammer vor.

Eine von ihnen ist Renate Grahl, die in den vergangenen Monaten "Herzzerreißendes" miterlebt hat. "Die Letzten haben erst jetzt ihre Badeschlappen ausgezogen, die kamen im Januar hier ohne Socken an", gibt sie ein Beispiel. Auf die Frage, warum sie als Rentnerin ihre Freizeit im Begegnungscafé verbringt, sagt die 74-Jährige: "Ich bin selber Flüchtlingskind." Kurz erlischt ihr strahlendes Lächeln und sie kämpft mit den Tränen, wenn sie daran denkt, wie ihre Cousine am Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Flucht verhungerte. Heute die Kinder aus geflüchteten Familien zu erleben, gebe ihr viel Kraft. "Die haben so viel Freude und Urvertrauen, nach allem, was sie durchgemacht haben", sagt sie staunend. Letztendlich sei ihr Engagement gelebte christliche Nächstenliebe.

Wenig später ist die Kleiderkammer voller Besucher. Schuhe werden gesucht, Koffer für die Reise zum nächsten Unterbringungsort, Kinderhosen. Währenddessen spielen Helfer an verschiedenen Stationen mit den Kindern Halligalli, puzzeln, halten sie davon ab, samt Puppenwagen die Treppe hinunterzurennen.

An den Tischen wird nun geredet - auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Persisch, mit Hilfe von Stadtplänen und Landkarten, Handy-Anwendungen und Bild-Wörterbüchern. Einer der gefragtesten Männer ist Salar Khalaf. Der junge Syrer kann in gutes Deutsch übersetzen, er lebt seit einem Jahr in Frankfurt und hat gerade seine Stelle als Bundesfreiwilliger in der Kirchengemeinde angetreten. Er übersetzt, was die Syrerin Esra Monif über ihr Leben berichtet. Die 27-Jährige lebt seit einem halben Jahr mit ihrer achtjährigen Tochter und dem vierjährigen Sohn in der Unterkunft am Karl-Ritter-Platz. In dem Begegnungscafé suche sie vor allem Rat und praktische Hilfe wie Kleidung für ihre Kinder. "Ich warte hier auf meinen Mann, er ist auf der Flucht im Libanon zurück geblieben", erzählt sie, während ihre Tochter Siba mit ihrem Schulranzen auf dem Rücken und großer pinkfarbener Blume im Haar neben ihr steht.

Gabriele Neumann freut sich, mit Salar Khalaf nun einen Bundesfreiwilligen zu haben. Seit dem ersten Begegnungscafé im November hat sie neben der großen Anzahl der Helfer vor allem überrascht, dass ihre Angst vor Verständigungsproblemen unbegründet war. "Es gibt immer eine Möglichkeit, sich zu unterhalten", berichtet die Pfarrerin. Ihre Grundidee der Begegnung erfüllt sich. Nun müsse sie nur darauf achten, dass ihr die "Helfer heil bleiben", wie sie es formuliert.

Das Begegnungscafé findet jeden Dienstag ab 16 Uhr statt. Wer etwas spenden möchte - derzeit werden vor allem Koffer und Thermoskannen benötigt - kann die Sachen täglich im Gemeindehaus St. Georg abgeben.

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