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5000 Jahre Geschichte an einem Platz

Grabunsgleiterin Karoline Müller vom Archäologiebüro ABD-Dressler zeigt die Steinaxt, die an der Poststraße ausgegraben wurde.
Grabunsgleiterin Karoline Müller vom Archäologiebüro ABD-Dressler zeigt die Steinaxt, die an der Poststraße ausgegraben wurde. © Foto: MZV
Markus Kluge / 19.04.2016, 23:36 Uhr
Neuruppin (RA) Die tiefe Baugrube an der Neuruppiner Poststraße hat seit Februar den einen oder anderen interessierten Fußgänger dort immer wieder minutenlang verharren lassen. Schicht für Schicht haben sich Archäologen in die Geschichte Neuruppins gegraben, bevor neue Wohnungen gebaut werden können. Sie legten altes Mauerwerk frei und machten sogar eine spektakuläre Entdeckung: eine Steinaxt aus der Zeit um 3000 vor Christus.

"So etwas findet man nur einmal in zehn Jahren", sagt Torsten Dressler. Sein ABD-Archäologiebüro gibt es seit 20 Jahren und ein solcher Fund aus der Jungsteinzeit sei die Ausnahme.

Für die Denkmalschutzbehörden und die Forschung hat es sich in mehreren Punkten gelohnt, dass die Archäologen auf dem Baufeld in die Tiefe gegangen sind. Bis zum März 2017 werden dort im Auftrag der Dr.Kaatzsch Immobilien GmbH neue Wohnungen gebaut. Da es sich bei Neuruppins Kernstadt um ein Bodendenkmal handelt, gibt es für die Bauherren die Auflage, vorab den Baugrund untersuchen zu lassen. "Das ist immer eine Herausforderung", sagt Dressler. Schließlich seien solche Untersuchungen mit viel Zeit und Kosten verbunden. Im Fall der Poststraße waren die Vorbereitungen bereits im Dezember angelaufen. Für die neuen Häuser mit den Nummern 2, 3 und 4, die in dieser Gliederung auch wieder zu erkennen sein werden, waren die Vorarbeiten sogar etwas umfangreicher. Zum einen, weil das Areal mit mehr als 500 Quadratmetern sehr groß ist. Zum anderen, weil dort auch eine Tiefgarage - die erste innerhalb der Stadtmauern - gebaut wird. Deshalb mussten die Archäologen mehr als zwei Meter in die Tiefe gehen. Bis heute hatten sie für die Hauptuntersuchung der Fläche genau 56Tage Zeit. 56 Tage, in denen sogar das Wetter mitspielte und die Baugrube weitgehend trocken blieb.

Was für alle Spaziergänger vom Gehweg aus gut sichtbar war, waren die freigelegten Kellermauern. "So ein richtiges Feldsteinfundament ist auch immer wieder schön", findet Grabungsleiterin Karoline Müller. Spannender waren aber die Funde, die noch unter dem Kellerboden lagen. So entdeckten die Archäologen Spuren eines Backofens und die Reste eines ringförmigen Brunnens aus dem 13. Jahrhundert. In der Fassung aus Feldsteinen steckte schließlich die deutlich ältere Steinaxt. Ein rotes Kreuz kennzeichnet in der Dokumentation den Fundort.

Karoline Müller und ihre Kollegen sind überzeugt davon, dass die Menschen im Mittelalter auf das Werkzeug aus der Steinzeit gestoßen waren. Seinerzeit galt so etwas noch als etwas Mystisches, als Glücksbringer. Die Steinaxt, auch als Donnerkeil bezeichnet, ist damals vermutlich in den Brunnen eingelassen worden, um diesen vor Blitzschlag oder anderem Ungemach zu schützen. Die Archäologen gehen davon aus, dass diese Steinaxt auch aus der Region stammt und zuvor nicht noch über hunderte Kilometer transportiert worden war. Aus der Jungsteinzeit tauchten im Boden ansonsten nur kleinere Klingensplitter von Feuersteinen auf.

Umfangreicher sind hingegen die Funde aus dem Mittelalter. Sie reichen vom besagten Brunnen über Grundmauern bis hin zu Scherben der sogenannten Grauware. "Das war die Leitware im Mittelalter, schlicht und in vielen Haushalten verbreitet", so Torsten Dressler. Entdeckt wurde außerdem ein runder Mahlstein, der vermutlich ebenfalls als Glücksbringer ins Mauerwerk eingelassen worden war.

"Unsere Funde reichen an dieser Stelle von 3000 vor Christus bis ins 20. Jahrhundert", freut sich Torsten Dressler über dieses ergiebige Projekt. Zu den jüngsten Stücken zählen Flaschenverschlüsse aus Keramik, die die Namen wie "E. Büttner Neuruppin", "Ch. Schulz Neu Ruppin" und "Aug. Kohlmetz" tragen. Ob unter diesen Deckeln einst Bier oder anderes Gebräu in Flaschen gehalten wurde, ist nicht bekannt.

Münzen, die sonst häufiger auftauchen, waren auf dieser Fläche die absolute Ausnahme. Entdeckt wurde ein Geldstück aus dem Jahre 1950, eines der ersten aus der damals noch jungen DDR. "So etwas sammeln wir dann auch schon mal ein", sagt Dressler, dessen Büro in der Fontanestadt schon mehr als 30 Projekte betreut und begleitet hat: "Neuruppin ist unsere Hauptstadt."

Die Fundstücke und Aufzeichnungen von der Poststraße kommen nun erst einmal ins Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum nach Wünsdorf. Dort müssen sie laut Torsten Dressler nicht unbedingt bleiben. Archäologische Fundstücke sind zwar Eigentum des Landes. Aber sowohl das Museum Neuruppin als auch der Grundstückseigentümer können einen Antrag an die Behörde auf eine Dauerleihgabe stellen. "Das wird immer beliebter", so der Archäologe. Privatpersonen müssen zuvor aber nachweisen, dass die Fundstücke gesichert gelagert beziehungsweise präsentiert werden. Vielleicht gibt es im nächsten Jahr für die Bewohner der neuen Häuser historische Dinge aus Neuruppins Stadtgeschichte zu entdecken.

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