Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Als Wittstocker ein Wildschwein opferten

Wertvolle Funde: Die Holzbohlen einer mittelalterlichen Straße.
Wertvolle Funde: Die Holzbohlen einer mittelalterlichen Straße. © Foto: MZV
Christian Schönberg / 21.04.2016, 18:29 Uhr
Wittstock (MZV) Munteres Pferdegetrappel, das Rasseln der Räder von schwer beladenen Kutschwagen und die eilenden Schritte der Marktfrauen - all diese Geräusche mögen einst auf der Holzstraße zu hören gewesen sein, die in dieser Woche tief unter dem Wittstocker Erdboden entdeckt wurde.

Vor mehr als 700 Jahren war sie einer der innerstädtischen Hauptachsen, die zum Markt führte. Doch die Wittstocker ließen den Holzweg irgendwann Holzweg sein und überbauten ihn. Jahrhunderte lang schlummerte er in der Erde unter einer dicken, Sauerstoff abweisenden Lehmschicht und Gemäuer, das Menschen beherbergte. Ans Tageslicht geraten, wurden die uralten Holzbohlen jetzt geborgen - in einem guten Zustand, der erstaunlich wirkt, angesichts der langen Zeit, die mittlerweile vergangen ist. Doch Stefan Muhr war nicht erstaunt, als die hölzernen Fundamente der alten Wegstrecke in solch augenscheinlicher Qualität zutage traten.

Der Mitarbeiter des Archäologiebüros Dressler (ABD) wusste, dass bei Bauarbeiten in Wittstock manche Schätze zutage gefördert werden können. Das hat einen Grund: "Die Erde ist in dem einst sumpfigen Gelände sehr feucht", sagte er. Das macht die Stadt für Archäologen aus zweifacher Hinsicht zu einem El Dorado: Einerseits müssen die Bauherren - in diesem Fall Rossmann, der seinen Markt erweitert - sehr tief graben, um Fundamente legen zu können. Nur das verhindert, dass der Neubau irgendwann absackt. Und tief ins Erdreich zu gehen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, wirklich alte Fundstücke freizulegen.

Zum zweiten hat die feuchte Erde einen konservierenden Effekt, so Muhr: "Die Wittstocker haben im Spätmittelalter extreme Lehmpakete aufgetragen, um den sumpfigen Boden tragfähig zu halten", sagte er. Das verstärkte noch den Effekt, dass alles in der Erde unter Sauerstoffabschluss blieb - und kaum verrotten konnte.

Umso schneller und sensibler musste bei der Bergung vorgegangen werden. Am Donnerstag war die Grube schon wieder zu. Das mittelalterliche Straßenholz ist geborgen und gleich mit speziellen Flüssigkeiten konserviert worden. "Sonst fängt das Material schnell an zu schimmeln", erzählte Muhr. Alles, was Archäologen sammeln, gehört erst mal dem Land und kommt nach Wünsdorf ins dortige Landesmuseum. Teile der geborgenen Holzstraße haben aber auch die Kreismuseen "Alte Bischofsburg" erhalten, die neben dem Museum des Dreißigjährigen Krieges unter anderem auch das Ostprignitz-Museum beherbergten.

Gefunden wurde aber viel mehr: Brunnen älteren und neueren Datums zum Beispiel. Hausgrundrisse können deutlich nachgezeichnet werden. Zum Teil steckten noch wandtragende Pfosten in ihren Löchern - auch ein Indiz für die guten Konservierungseigenschaften des Bodens.

Für Muhr der spektakulärste Fund ist aber etwas, was einst gelebt hat: ein Skelett. Der Schädel kompakt, lang und spitz auslaufend, die Wirbelsäule reichlich gebogen und der Schwanz kurz. Die Hinterläufe sind lang. Muhr findet den Fund deshalb so spannend, weil sich mit ihm im wahrsten Wortsinne Geschichte erzählen lässt. "Es ist ein Bauopfer", sagt er. Die damaligen Bauherren haben ein Wildschwein genommen und durch seinen Hals Pfähle getrieben. Das blutige und für das Tier sicherlich qualvolle Schauspiel sollte dem damaligen Aberglauben nach dem Gebäude und seinen Bewohnern Glück und Segen bringen. So ließe sich laut dem ABD-Mitarbeiter der Fund jedenfalls interpretieren.

Die Knochen wurden ebenso geborgen wie mittelalterliche Münzen, Bohrer und anderes Werkzeug, Keramikscherben sowie Lederfragmente. Das Skelett wird noch von einem Spezialisten, einem Archäozoologen, unter die Lupe genommen. Die Grabungen im Rahmen der Bauarbeiten, die im November begonnen haben, setzen sich im Juni fort. Dann wird im Speicherhaus Erde ausgehoben. Dieses denkmalgeschützte Gebäude muss in den Erweiterungsbau des Drogerie-Marktes miteinbezogen werden, aber in seiner Erscheinung erhalten bleiben. Deshalb wird der Speicher zuletzt angepackt. "Dann findet auch wieder ein Bodenaustausch statt und wir kommen erneut zum Zuge", so Stefan Muhr. "Eigentlich wollten wir schon Ende vorigen Jahres fertig sein." Aber die Erde habe sich dann doch als aufregender entpuppt als gedacht - herausfordernd für den Bauherren wie für die Archäologen selbst.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG