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Öl-Lager wird Modellstadt

Zentral, aber ungenutzt: Auf dem Gelände eines alten Tanklagers in der Nähe des Charlottenburger Mierendorffplatzes sollen in den kommenden Jahren 1100 Wohnungen entstehen.
Zentral, aber ungenutzt: Auf dem Gelände eines alten Tanklagers in der Nähe des Charlottenburger Mierendorffplatzes sollen in den kommenden Jahren 1100 Wohnungen entstehen. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 23.04.2016, 09:48 Uhr
Berlin (MOZ) Wie kann modernes, soziales und nachhaltiges Wohnen in einer boomenden Stadt wie Berlin aussehen? Der Werkbund will gemeinsam mit 33 Architekten darauf eine Antwort finden und auf dem Gelände eines Charlottenburger Tanklagers eine Modellstadt mit Mietshäusern errichten.

Die riesigen einhundert Millionen Liter Öl fassenden Tankkessel wirken wie aus der Zeit gefallen. Seit 1992 entsprechen die runden Metallmonster auch nicht mehr umweltrechtlichenNormen. Seitdem liegt das vergessene Industrie-Gelände in eigentlich recht guter Innenstadtlage an der Spree brach. Das Ufer lässt sich von der Quedlinburger Straße nicht einmal erahnen. So sind Anwohner und Charlottenburger Bezirkspolitiker von der Idee des Werkbundes angetan, das rund 29 000 Quadratmeter große Gewerbegebiet als Wohnquartier zu erschließen und damit auch den Nachbarn Spaziergänge am Wasser zu ermöglichen.

Und auch sonst handelt es sich hier nicht um eines der typischen Bauprojekte, die derzeit in der wachsenden Stadt in fast jedem Bezirk aus dem Boden schießen.

Der 1907 gegründete Werkbund will weder Massenunterkünfte für Flüchtlinge noch luxuriöse Town Houses bauen. Seine Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, modellhafte Antworten auf drängende Frage nach zeitgemäßem städtischem Wohnen mit Mustersiedlungen zu finden. Die Mitglieder des Zusammenschlusses kommen nicht nur aus der Architektur, sondern auch aus der Kunst, dem Handwerk und der Industrie.

Eine seiner berühmtesten Modellversuche ist die Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Sie wurde 1927 unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe und teilweise unter Verwendung experimenteller Materialien errichtet.

Der Anspruch dabei ist, dem "Bauen von der Stange" künstlerische Individualität entgegen zu setzen. "Allerdings geht es mehr um Qualität als um Stil", sagt Paul Kahlfeldt, Vorsitzender des Deutschen Werkbundes.

Im Berlin des 21. Jahrhunderts könne und wolle man sich nun nicht mehr mit einer reinen Wohnsiedlung begnügen. Das sei nicht zeitgemäß. "Werkbundstadt" ist das Bauprojekt stattdessen überschrieben. Nicht weniger als 33 Architekten aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Holland und England sollen dabei rund 1100 Wohnungen in verschiedenen Formen, Größen und Ausstattungsniveaus errichten.

Die Liste strotzt vor Namen bekannter Planer-Büros wie Christoph Mäckle, Jan Leinhues, Kollhoff und Brandlhuber. Großbüros mit 300 Architekten sind genauso dabei wie Zwei-Mann-Teams. Es gibt Alt-Väter und junge Pioniere.

Gemeinsam hat man sich, bisher noch völlig unentgeltlich, sechs Wochenenden zu Symposien getroffen, um den städtebaulichen Entwurf zu erarbeiten. Geplant sind demnach insgesamt 33 Häuser, die mit ihren Innenhöfen ein wenig an typische Berliner Mietshäuser erinnern. Um Platz und Geld zu sparen, sind die meisten acht Stockwerke hoch. Zudem sind in dem neuen autofreien Quartier direkt neben dem nur noch geringfügig arbeitenden Kraftwerk Charlottenburg zwei Hochhäuser mit 16 Etagen geplant.

In viele Erdgeschosse sollen Geschäfte und Restaurants, in die ersten Etagen Büros einziehen. 30 Prozent der Flächen sollen mietpreisgebunden sein. Weitere Vorgaben sind: Aus ökologischen Gründen keine innenliegenden Bäder. "Und jede Wohnung muss einen Raum haben, in dem zwei Leute frühstücken können", erklärt Werkbund-Chef Kahlfeldt vom Vorstand Deutscher Werkbund. "In erster Linie geht es um Funktionalität und soziale Durchmischung", betont er. Es soll keine Leistungsschau und Materialschlacht wie am Friedrichwerderschen Markt geben.

Derzeit arbeiten die Architekten an ihren Entwürfen. Sie sollen anlässlich des Deutschen Werkbundtages (23. bis 25. September) vor Ort ausgestellt werden. Statt auf die Hilfe von städtischen Wohnungsbaugesellschaften setzt der Werkbund auf sozial verantwortliche Einzel-Investoren, die dann die Häuser gemeinsam mit den Architekten in den kommenden drei Jahren errichten sollen. "Die sind in Berlin momentan sicher nicht schwer zu finden", glaubt Kahlfeldt.

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