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Hans Still 13.05.2016 08:00 Uhr
Red. Bernau, bernau-red@moz.de

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Soziale Kälte und großes Misstrauen

Wandlitz (MOZ) Mit der neuen Sonderausstellung "Waldsiedlung Wandlitz - Eine Landschaft der Macht" macht das Wandlitzer Barnim-Panorama auf sich aufmerksam. Für Diskussionen scheint gesorgt. Beispielsweise haben die Ausstellungsmacher teilweise bewusst auf die Befragung von Augenzeugen verzichtet.

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Thomas Keller erklärt dem Hobby-Fotografen und früheren Berufspolitiker Rainer Eppelmann (CDU) die auf der Karte zu sehenden Wohnhäuser der Mitglieder des SED-Politbüros.

© MOZ/Sergej Scheibe

Wer mit Elke Kimmel durch die neue Exposition geht und auf die zur Ausstellung führenden Beweggründe zu sprechen kommt, erhält zunächst eine nicht unerwartete Antwort. "Wir wollen zur Diskussion und zur Konfrontation anregen", erklärt die Kuratorin routiniert und legt dann eine Erkenntnis nach, die in Wandlitz für Verwunderung sorgen könnte. "Ich hatte eigentlich gedacht, über die Waldsiedlung müsste es jede Menge Material geben, aber dem ist gar nicht so. Es gibt natürlich Veröffentlichungen, es mangelt aber an systematischem Material."

An dieser Stelle, so der Vorsatz der Ausstellungsmacher Elke Kimmel, Jürgen Danyel von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Wandlitzer Kulturamtsleiterin Claudia Schmid-Rathjen, sollte also nachgelegt werden. So erinnert Danyel in seiner Pressebegrüßung an die Aufregung im Jahr 1989, als mit der Wende die Presseberichte über die Waldsiedlung "zum Sargnagel der DDR" wurden. Selbstzufrieden und ohne Einsicht lebten die Mitglieder des Politbüros sicher im inneren Ring der Siedlung, abgeschottet vom Alltag der Republik. "Man wusste wenig, aber alle wussten etwas", beschreibt Danyel die "Projektionsfläche Waldsiedlung". Und schließlich stehe die Waldsiedlung für einen bestimmten Stil der Politik in der DDR.

So erfährt der Besucher in der Ausstellung, wie sich die Aufwendungen für die höchste Kaste der DDR-Regierung über die Jahrzehnte veränderten. Waren 1960 noch 140 Bedienstete für 22 Mitglieder des Politbüros zuständig, erhöhte sich dieser Bedarf in den Jahren kolossal. 1989 konnten die 26 Mitglieder im Politbüro auf die Leistungen von 650 Angestellten zurückgreifen. Dass sich dahinter auch ein gehöriger Immobilien-Aufwand verbarg, belegt die große Bodenkarte im Barnim-Panorama. Dort wurden alle Flächen grün schraffiert, die unter Verantwortung der Staatssicherheit angekauft und bewirtschaftet wurden.

Die finanziellen Aufwendungen für die Versorgung der Politbüro-Oberen lagen 1980 bei 4,4 Millionen DDR-Mark, 1883 schon bei 5,4 Millionen DDR-Mark und zum Ende der DDR gar bei 8,6 Millionen DDR-Mark. Vor allem um die Weihnachtszeit herum sorgten die für die "Sonderversorgung der Spitzenfunktionäre" verantwortlichen Mitarbeiter für "ein ausreichendes Angebot an Süßwaren und Geschenkartikeln", heißt es auf einer Tafel. Hilfreich war dabei die Leipziger Messe, ein internationaler Handelsplatz. Aber auch das Vermittlungsgeschick von Devisen-Beschaffer Alexander Schalck-Golodkowski half weiter.

"Aus heutiger Sicht erscheint die Waldsiedlung langweilig und unspektakulär. Und wir wissen mittlerweile auch, welchen Aufwand Politiker heute für ihre Sicherheit betreiben", ordnet Danyel diese uns ähnliche Zahlen ein. Auch sei es nicht darum gegangen, eine voyeuristische Ausstellung auf die Beine zu stellen. "Es ging uns nicht um Honeckers Frühstückseier, sonders wir wollen Strukturen sichtbar machen." So habe sich herausgestellt, in welchem sozialen Klima die Regierenden ihre Macht ausübten. Ein Klima der sozialen Kälte habe nämlich geherrscht, auch hätten sich die Oberen wie im Ghetto gefühlt. Und obendrein habe untereinander großes Misstrauen bestanden. "Das waren Symptome dieser Politik. Die DDR hatte ihre Spannkraft und ihre Ideen verloren", urteilt Danyel.

Das galt besonders, nachdem sich Honecker mit Einwilligung des russischen Staatschefs Leonid Breschnew an die Spitze der DDR-Regierung befördert hatte. Als Ulbricht noch lebte, hätten "menschliche Beziehungen" bestanden. Die wurden unter Honecker zu einem "Arbeitsverhältnis". "Eine Gemeinschaft, die sich suchte, die existierte nicht", kann der Ausstellungsbesucher beispielsweise nachlesen.

Neben Walter Ulbricht und Erich Honecker beleuchten die Ausstellungsmacher auch das Schicksal von Konrad Naumann, dessen Auftreten 1985 als "parteischädigendes Verhaltens" gewertet wurde. Mit dem Ergebnis, dass er das vermeintliche Paradies verlassen musste.

Neben der Sonderausstellung im Barnim-Panorama führt die Ausstellung die Besucher auch an originale Standorte. In der damaligen Waldsiedlung, heute Standort der Michels-Klinik, finden sich Info-Stelen vor den Häusern der damaligen Politbüro-Mitglieder. Hier verbinden die Ausstellungsmacher die Hoffnung, sich mit den Klinikeignern über eine Dauerausstellung einigen zu können.

Die Ausstellung ist bis zum 9. November, dem Jahrestag des Mauerfalls, zu sehen. Geöffnet ist täglich außer Freitag von 10 bis 18 Uhr, Einlass bis eine Stunde vor Schließung. Begleitend zur Ausstellung sind zwei Publikationen erschienen, die vor Ort erworben werden können.

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