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Hans-J. Schmahl 01.09.2016 11:44 Uhr

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Renten-Streit auf falscher Basis

(MOZ) Es stehen goldene Zeiten für Alter und Arbeit bevor - prophezeien jedenfalls die Befürworter einer weiteren Erhöhung des Rentenalters über die schon beschlossenen 67 Jahre hinaus. Denn die Lebenserwartung steigt. Wer 1960 in den Ruhestand trat, konnte im Schnitt rund 13 Rentenjahre erwarten. Heute sind es schon fast 20 - Tendenz: alle zehn um 2,5 Jahre weiter steigend.

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Hans-J. Schmahl

© MOZ

Und viele dieser zusätzlichen Jahre werden auch noch bei besserer Gesundheit verbracht als früher. Davon einige wenige Jahre durch einen späteren Ruhestand wieder abzugeben, wäre also durchaus zumutbar, argumentieren die Befürworter. Axel Börsch-Supan, Ökonom für Altersfragen am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, erklärt: "Wenn die Lebenserwartung um drei Jahre steigt, kann man zwei Jahre länger arbeiten - und sich dennoch ein Jahr mehr Rente gönnen."

Was die Renten-Ökonomen umtreibt, ist der möglichst gerechte Ausgleich zwischen der Rentenzahlung und der Beitragslast für die jüngeren Generationen. Bisher reicht der offizielle Zeithorizont bis 2030. Bis dahin steigt die Regelaltersgrenze auf 67 Jahre. Das Rentenniveau soll gleichzeitig von heute 48 Prozent auf etwas mehr als 44 Prozent des durchschnittlichen Netto-Verdienstes fallen, damit der Beitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung nicht stärker als von 18,7 auf 22 Prozent steigt.

Weil die größere Belastung des Rentensystems durch den Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge ("Babyboomer") in den Ruhestand erst danach erfolgt, hat die Bundesbank eine Rechnung bis 2060 angestellt: Wenn das Rentenniveau nicht weiter fallen und der Beitragssatz nicht stärker als auf 24 Prozent erhöht werden soll, müsste das Rentenalter auf 69 Jahre erhöht werden.

Das hat prompt Protest ausgelöst. "Ein Facharbeiter, eine Krankenschwester, eine Altenpflegerin halten das für eine bekloppte Idee. Ich auch", befand Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Und löste damit ebenso prompt den Protest der Befürworter aus. Länger zu arbeiten sei nun einmal der Königsweg, um die Renten zu stabilisieren. Und das werde keine Qual sein - auch nicht für Facharbeiter und Altenpfleger.

Selbst für die, die es körperlich nicht mehr schaffen, gebe es Verwendung. Handwerker könnten Lehrlinge schulen, Pflegekräfte in die Verwaltung wechseln. Alters-Ökonom Börsch-Supan: "Ein Dachdecker gehört zwar mit 50 nicht mehr auf das Dach. Er kann aber immer noch im Betrieb Dachziegel verkaufen oder im Büro eingesetzt werden." Und es stimme auch nicht, dass Ältere zu unproduktiv für die Unternehmen seien: "Sie sind körperlich vielleicht weniger fit und nicht so schnell, aber profitieren von mehr Erfahrungen."

Leider ist diese schöne heile Alters-Arbeitswelt bislang nur eine Wunschvorstellung. Von einer Hochrechnung der heutigen Realität lässt sie sich jedenfalls nicht herleiten. Tatsächlich ist die Erwerbstätigenquote der 60- bis 65-Jährigen im zurückliegenden Jahrzehnt zwar deutlich gestiegen - auf zuletzt über 50 Prozent. Damit hatte immerhin jeder Zweite dieser Altersgruppe eine Beschäftigung. Dazu gehörten allerdings auch Beamte und Selbstständige: schön für sie, aber irrelevant für die Rente.

Dafür entscheidend ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer. Deren Beschäftigungsquote ist zwar auch gestiegen - aber nur auf 35 Prozent. Das bedeutet: In dieser Altersgruppe hat auch heute noch nur jeder Dritte eine Renten-relevante Beschäftigung. Gleichzeitig hat die Zahl der Arbeitslosen in dieser Gruppe gegen den allgemeinen Trend um mehr als das Dreieinhalbfache zugenommen.

Die Wunschvorstellungen der Befürworter eines späteren Renten-Eintritts werden also noch von den Realitäten der Arbeitswelt widerlegt. So bekommt der Rat der Besonnenen seinen Sinn: Sie empfehlen, erst einmal die Wirkungen der Rente mit 67 zu prüfen - und dann immer noch rechtzeitig, aber realistischer über die Renten-Zukunft der späteren Jahrzehnte zu entscheiden.

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