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Antje Scherer 23.09.2016 05:03 Uhr - Aktualisiert 23.09.2016 20:18 Uhr
Red. Frankfurt (Oder), frankfurt-red@moz.de

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Zwischen Panik und Hoffnung

Frankfurt (Oder) (MOZ) Sechs Menschen, sechs Geschichten - der junge Regisseur Hannes Langer hat mit Geflüchteten ein beeindruckendes Theaterstück über Heimat, Verlust und Neuanfang erarbeitet. Am Wochenende gibt es im Kleist Forum die letzten drei Vorstellungen.

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Harte Geschichte: Sami Nazari berichtet von seinen Erfahrungen auf der Flucht aus Afghanistan.

© FOTO Michael Benk

Sie sehen so normal aus - junge Leute eben, in T-Shirts und Turnschuhen; hübsch, freundlich. Und sie hatten bis vor Kurzem auch ganz normale Leben: Aziz Dyab (21) mit der Hipsterbrille hat am liebsten Gitarre gespielt und ging jeden Samstag zu seinen Großeltern zum Mittagessen. Astronaut wollte er werden. Bis in Syrien plötzlich tote Menschen auf der Straße liegen und nicht nur seine Gitarre zerstört wird.

Sami Nazari (22) ist Atheist, hält sich mit Boxen fit und war in Kabul viel auf Facebook unterwegs. Bis er dort einen etwas zu kritischen Kommentar über den Islam schrieb. Das reicht in Afghanistan für Morddrohungen. Und als an seiner Stelle versehentlich sein Nachbar getötet wird, flieht er quer durch Europa.

Shefaa Alfrag (22) hatte als Nesthäkchen ihrer wohlhabenden Familie ein schönes Leben in Syrien - bis der Krieg kam. Ihre kleine Cousine stirbt bei einem Bombenangriff und wird im Garten begraben. Danach geht sie fort, erst ein Stück mit ihren Schwestern, dann ganz alleine.

Bei der 79-jährigen Edith Fröhlich ist die Flucht schon viel länger her: Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie aus Böhmen vertrieben, im Rucksack nur ein Buch und eine Puppe. Wie hart der Neuanfang war, weiß sie noch genau.

Sie alle sind Spieler der neuen Bürgerbühne des Kleist Forums; aus ihren und weiteren Lebensgeschichten ist in den letzten sechs Monaten das Stück "Angst - Geschichte der Unbarmherzigkeit" entstanden, gefördert unter anderem von der Landeszentrale für politische Bildung.

Erarbeitet hat es der junge Regisseur Hannes Langer aus Frankfurt - im gleichen Alter wie seine Protagonisten. Eine beeindruckende Inszenierung, die mit enormem Interesse belohnt wird: Bislang waren fast alle Vorstellungen ausverkauft.

Am Anfang dröhnen Luftschläge und Flugzeuge so laut, dass man sich die Finger in die Ohren stopfen will - und es doch lässt, weil man an die Menschen denkt, die das in Syrien monatelang aushalten müssen. Diese Nähe, die das Stück sofort erzeugt und dann über fast 90 Minuten hält, ist seine große Stärke. Das liegt an den jungen Amateur-Schauspielern, die sehr offen ihre persönliche Geschichte mit den Zuschauern teilen. Dabei kommen sie einem körperlich und emotional so nah, dass man - anders als bei der "Tagesschau" - nicht einfach wegzappen kann.

Die bequeme Schublade "Flüchtling" klemmt eben, wenn ein Mensch "in echt" vor einem steht. Und aussieht und spricht, wie ein - ziemlich wohlerzogener - Kumpel der eigenen Kinder.

Ihre Schilderungen des Lebens zu Hause und ihrer Flucht werden eindrucksvoll ergänzt von verschiedenen Medien - krasse Filmsequenzen aus den Kriegsgebieten, Erinnerungsfotos, Karten. Die Arbeit an dem Stück sei nicht einfach gewesen, berichtet Sami Nazari. Mit den Geräuschen und Bildern seien nicht nur bei ihm viele Erinnerungen hochgekommen.

Eine Ebene zu viel ist lediglich der Mythos von Odysseus, mit dem Regisseur Langer die Fluchtgeschichten immer wieder schneidet. Zu viel und zu gewollt - die Schicksale allein hätten völlig gereicht.

Für die jungen Spieler zeichnet sich inzwischen - trotz ihrer Verluste - eine halbwegs glückliche Wendung ab: Sami Nazari lernt Erzieher, Aziz Dyab hat einen Studienplatz. Sie haben Kontakte, berichten von lachen und Ausflügen. Zum Schluss vergraben sie eine Waffe - und pflanzen obendrauf ein Bäumchen.

Kleist Forum, Fr/Sa, 19.30 Uhr, So 15 Uhr, Reservierung empfohlen

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