to_top_picture
Anmelden
Anmelden

Donnerstag, 17. August 2017
ABO-ButtonePaper-ButtonKONTAKT-Button


Sie haben 8 von 10 Gratis-Artikeln gelesen.
x
Registrieren Sie sich jetzt und lesen Sie im Monat bis zu 20 Artikel kostenlos.
Jetzt kostenlos registrieren
Bereits registriert? Bitte anmelden

Ina Matthes 26.09.2016 08:13 Uhr

artikel-ansicht/dg/0/

Das Erbe von Elektropolis

Berlin (MOZ) Sie sind oft aufwendig und schön gebaut: alte Fabriken, Lagerhallen, Verkehrsanlagen. Viele erfüllen ihren ursprünglichen Zweck heute längst nicht mehr. Was fängt man an mit diesem Erbe? Das Berliner Zentrum für Industriekultur beschäftigte sich auf einem Forum mit dieser Frage.

artikel-ansicht/dg/0/1/1518417/
 

Überbleibsel: Teile des Anhalter Güterbahnhofs, einst größter Warenumschlagplatz Berlins, sind erhalten. Sie werden vom Technikmuseum für Ausstellungen genutzt.

© MOZ/Ina Matthes

Vor knapp 70 Jahren wäre das noch eine ganz normale Begrüßung gewesen. Heute ist es ein Scherz. "Willkommen", sagt Nico Kupfer. "Willkommen auf dem Anhalter Bahnhof." Der Industriearchäologe steht auf einem staubigen Weg zwischen Robinien, Eschen und Kartoffelrosen. Von Zügen keine Spur. Früher befand sich hier die Einfahrt zu "Berlins Tor zum Süden" - dem Anhalter Bahnhof, erklärt Kupfer, der zum Berliner Zentrum für Industriekultur gehört, einer Gruppe geschichtsinteressierter Besucher. Jenseits der Wege, von Gesträuch überwuchert, sind noch immer Reste der Bahnsteige und Gleise zu sehen, von denen aus die Berliner einst in die Sommerfrische nach Italien reisten. Jetzt laufen Jogger durch die kleine Grünanlage zwischen Tempodrom und Technikmuseum. Schilder neben den Wegen warnen vorm Betreten der "Gleis-Wildnis".

Von dem imposanten Bahnhof ist kaum noch etwas zu sehen. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigten Gebäude und Gleisanlagen wurden Ende der 50er- bis Anfang der 60er-Jahre fast vollständig abgerissen. Auf dem Gelände des Bahnhofsgebäudes steht heute das Tempodrom, Haus für verschiedenste Veranstaltungen. Nur Teile des dazugehörigen Anhalter Güterbahnhofs, einst größter Warenumschlagplatz Berlins, sind erhalten. Sie werden vom Technikmuseum für Ausstellungen genutzt.

Die Überbleibsel des Anhalter Bahnhofs sind ein Stück Berliner Industriekultur, deren Pflege sich das Berliner Zentrum für Industriekultur BZI verschrieben hat. Es versteht sich als Plattform für alle, die sich mit Industriekultur beschäftigen - Hochschulen, Denkmalschützer, Verwaltungen. Vor wenigen Tagen hatte es zu seinem vierten Forum für Industriekultur und Gesellschaft ins Technikmuseum eingeladen.

Seit einigen Jahren besteht nach Angaben des BZI ein wachsendes Interesse am industriellen Erbe der Stadt. Das soll nicht als Sammelsurium von Gebäuden und Maschinen, sondern als Zeugnis der Geschichte Berlins und seiner Bewohner bewahrt werden. Auch wenn es der Anhalter Bahnhof nicht ganz in die Neuzeit schaffte: "Viele Bauwerke und Industriedenkmale sind erhalten", sagt Dorothee Haffner vom BZI. Besonders die Elektroindustrie hat die Stadt Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt. Berlin war "Elektropolis". Siemens und AEG produzierten an der Spree. In der Elektrobranche arbeiteten 1936 knapp 113 000 Berliner. Kraftwerke erzeugten Strom in der Stadt, es gab zahlreiche Umspannwerke, die teils noch heute existieren. Im Zuge der Elektrifizierung entstanden aber auch große Lichtspielhäuser und Revuen - das Nachtleben blühte auf. Doch die Teilung der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg brachte auch das Ende von Elektropolis. Viele Betriebe waren im Krieg zerstört worden. Die Sowjetunion demontierte Anlagen als Reparationsleistung. Firmen wanderten teilweise oder ganz aus Berlin ab.

Heute beschäftigt die Berliner Elektroindustrie noch rund 12 000 Menschen. Noch immer wird Strom in der Stadt selbst erzeugt, aber wie schon zu den Zeiten von Elektropolis kommt er auch aus der Lausitz. Denn die Industriegeschichte Berlins ist eng mit der Brandenburgs verknüpft - und eigentlich müsste das Berliner Zentrum für Industriekultur wohl Berlin-Brandenburger Zentrum heißen. "Berlin ist aus dem Kahn gebaut", sagt Matthias Baxmann vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. "Alles was Berlin für seine Entwicklung brauchte, kam auf dem Wasserweg. Wichtige Teile dieses Wasserwegenetzes hat Brandenburg gebaut - den Finowkanal zum Beispiel. Berlin wäre auch kaum zur Großstadt gewachsen ohne das Baumaterial aus der Mark - für eine Berliner Mietskaserne inklusive Hinterhaus wurden beispielsweise 877 862 Ziegelsteine und das Holz von 400 Bäumen aus dem Umland nach Berlin verschifft. Telegraphen- und Funkstationen für die Kommunikation der Hauptstadt entstanden in Königs Wusterhausen und Potsdam. Dort gab es weniger Störungen als in der hektischen Großstadt.

Berlin brauchte Brandenburg nicht nur für Infrastruktur und als Rohstoffreservoire - die Stadt fraß sich auch ins Umland hinein. Betriebe errichteten dort Produktionsstätten, weil es in Berlin zu eng für sie wurde. Ein Beispiel sind die Pintsch-Werke in Fürstenwalde, die Beleuchtung herstellten.

Einige Zeugnisse dieser so eng mit Berlin verwobenen Brandenburger Industriekultur sind heute Denkmale - wie der Museumspark Rüdersdorf mit seinen ehemaligen Kalksteinbrüchen und Brennereien. Für viele historische Industriegebäude und Anlagen allerdings fehlt eine Nutzung, sagt Matthias Baxmann. So ist die ehemalige Hutfabrik in Luckenwalde zwar saniert, aber eine neue Verwendung wird noch immer gesucht.

Ganz anders in Berlin. Hier haben vor allem Jungunternehmer die alten Gebäude mit ihrer oft schönen Architektur entdeckt. Inzwischen, so hieß es auf dem Berliner Forum, gebe es kaum noch solche Räume für die Kreativ-Wirtschaft der Hauptstadt. Sie nutzt die alten Häuser und Hallen als Büros, Werkstätten, Galerien. Darin befinden sich aber auch Restaurants oder sie werden als Veranstaltungsorte genutzt.

Auch Teile des Anhalter Bahnhofs dienen heute dem Freizeit-Vergnügen. Wo früher Gleise des alten Güterbahnhofes verliefen, erstreckt sich nun ein weitläufiger Erholungspark. Industriearchäologe Nico Kupfer forscht zu diesem Areal. Nicht alle Details der Geschichte seien bekannt, sagt er. Es gehe darum, "ein Gesamtbild" der Entwicklung dieser früheren Bahnhofslandschaft zu bekommen. Ein kleines Mosaiksteinchen dafür sind die Reste alter Verladerampen, die hier und da im Park noch zu sehen sind. Sie wurden gebaut, um die Milch möglichst rasch umschlagen zu können. Die kam - aus Brandenburg. Und das oft in Personenzügen - weil die schneller waren als Güterzüge.

Artikel empfehlen

Artikel kommentieren

Seite empfehlen

Nachricht an die Redaktion

Druckversion

Lesen Sie auch...

Artikel kommentieren   Lesezeichen setzen   Nachricht an die Redaktion   Druckversion

Regionalnavigator

Landkreiskarte Brandenburg Ostprignitz-Ruppin Potsdam-Mittelmark Brandenburg/Havel
MOZ

Ort, PLZ oder Redaktion