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Briefe und Postkarten an den Rias

Moderator und Texteschreiber beim Rias: Christian Bienert besuchte am Dienstag die Ausstellung in der Viadrina.ert, 1987 bis 2012 Moderator der Sendung, Gast der Eröffnung.
Moderator und Texteschreiber beim Rias: Christian Bienert besuchte am Dienstag die Ausstellung in der Viadrina.ert, 1987 bis 2012 Moderator der Sendung, Gast der Eröffnung. © Foto: MOZ
Frank Groneberg / 19.10.2016, 06:14 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) "Abgeschickt. Abgefangen. Aufgefunden. ,Das klingende Sonntagsrätsel' und die Postkontrolle in der DDR", ist eine Ausstellung überschrieben, die am Dienstag im Gräfin-Dönhoff-Gebäude eröffnet worden ist. Radiomoderator Christian Bienert erzählte am Rande vom besonderen Verhältnis der DDR-Bürger zu der beliebten Sendung im Rias.

Sie hätten den ganzen Rias mit Christstollen aus Sachsen versorgen können. Und wohl jeden Flecken der DDR bereisen, wenn sie allen Einladungen gefolgt wären. Christian Bienert und Marlies Kahlfeldt lächeln am Dienstag im Gräfin-Dönhoff-Gebäude der Viadrina, als sie am Rande der Ausstellungseröffnung über die Zeit, da DDR-Bürger ihnen per Post ihr Herz ausschütteten, erzählen. Post, mit der die Hörer der beliebten sonntäglichen Sendung "Das klingende Sonntagsrätsel" eigentlich nur an der Verlosung kleiner Sachpreise teilnehmen wollten. Briefe und Postkarten, die für die Absender aber viel mehr waren als nur Medien zur Übermittlung eines Lösungswortes. Und von denen nur ein geringer Teil die Adressaten beim Rundfunksender Rias in Westberlin tatsächlich erreichte.

"Wir haben in einem Jahr 27 Christstollen geschickt bekommen", erzählt Marlies Kahlfeldt. Sie war schon Redaktionssekretärin, als Hans Rosenthal, der die im März 1965 gestartete Sendung "Das klingende Sonntagsrätsel" bis zu seinem Tod 1987 moderierte, an jedem Sonntagvormittag im Rias zu hören war und jeweils sechs Melodien spielte, aus deren Titeln sich ein Lösungswort ergab. Und als 1987 Christian Bienert, der 15 Jahre lang für Hans Rosenthal die Moderation geschrieben hatte, dessen Nachfolge antrat, blieb sie der Sendung treu. "Unsere Hörer in der DDR haben uns auch Räuchermännchen und Holzschnitzereien geschickt", erinnert sie sich, "das war schon ein ganz besonderes Verhältnis."

Etwa 500 Karten und Briefe aus der DDR kamen bis zum Mauerfall wöchentlich beim Rias an. Nur ein geringer Teil dessen, was tatsächlich abgeschickt worden war. Denn Post, die mit der Senderadresse in 1000 Berlin 62 beschriftet war, wurde vom Ministerium für Staatssicherheit abgefangen. Seit den 1970er-Jahren, so ist in der Ausstellung zu erfahren, wurde die gesamte Post in die BRD und nach Westberlin kontrolliert - und zwar flächendeckend. Und alles, was an den Rias, der in der DDR als "Feindsender" galt, adressiert war, wurde einbehalten.

Briefe und Postkarten, die in der Redaktion von "Das klingende Sonntagsrätsel" ankamen, waren meist über Deckadressen im Westen dorthin gelangt. Eine dieser Adressen war die private Anschrift von Marlies Kahlfeldt. "Hans Rosenthal war es sehr wichtig, dass wir die Zuschriften aus der DDR beantworten", sagt sie. "Als Absender haben wir irgendwann meine Adresse angegeben - die wurde weitergegeben und so gab es immer neue Kontakte." Was sie und Christian Bienert, der die Sendung bis 2012 moderierte, bis heute bewegt, ist: Viele Briefe enthielten ganz persönliche Zeilen. "Die Leute haben uns als Vertrauenspersonen gesehen", erzählt Christian Bienert, "haben uns ihre Wünsche und Sehnsüchte geschildert, ihre Lebensgeschichten geschrieben." Teilweise seien vier, fünf Seiten lange Briefe gekommen, "so etwas kann man ja nicht ignorieren", betont Marlies Kahlfeldt.

Wie beliebt "Das klingende Sonntagsrätsel" in der DDR war, zeigte sich nach dem Mauerfall. Plötzlich gab es keine Stasi mehr, welche die Post abfing. Und plötzlich stieg die Zahl der Briefe und Postkarten, die beim Rias ankamen, enorm: Bekam die Redaktion im September 1989 noch 12 000 Zuschriften pro Woche, waren es im Dezember schon 54 000. Im Januar 1990 wurden 155 000 gezählt, davon 126 000 aus der DDR, im März 1990 sogar 355 000 - darunter 333 000 aus dem Osten. "Plötzlich hatten wir Hunderte Briefe pro Woche zur Beantwortung auf dem Tisch", sagt Christian Bienert. "Das war gar nicht zu schaffen, wir haben dann angefangen, die Leute anzurufen, wenn das ging."

In der Ausstellung sind Briefe und Postkarten zu sehen, die zwischen 1982 und 1989 im Raum Dresden an den Rias geschrieben und dann von der Stasi abgefangen wurden. 4500 waren vor 14 Jahren bei der Stasiunterlagen-Behörde in Dresden entdeckt worden. Studenten der Humboldt-Universität Berlin hatten sie in monatelanger Arbeit gesichtet. Auch Marlies Kahlfeldt und Christian Bienert durften die Karten und Briefe lesen. "Das war sehr emotional, wir waren abends völlig fertig", sagen sie. "Das hat uns tief berührt."

bis 9. Dezember, geöffnet montags bis freitags, 9-20 Uhr

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