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Produktionsorte, die Berlin einst groß machten

Maria Neuendorff / 12.11.2016, 07:45 Uhr
Berlin (MOZ) Um 1900 war Berlin die modernste Metropole Europas. Bis heute erzählen zahlreiche steinerne Zeitzeugen von dem rasanten Aufstieg der Stadt zur weltweit bewunderten "Elektropolis". Die "Route der Industriekultur" soll sie für Besucher zugänglich machen.

Wer mit offenen Augen durch die Stadt fährt, begegnet ihnen fast überall: stillgelegten Umspannwerken, alten Brauereien, imposanten Gewerbehöfen, verfallenden Fabriken von monumentalem Ausmaß. "Alle reden immer über die historische Mitte und das Schloss, dabei sind es gerade diese Industriebauten, die die Identität Berlins ausmachen", findet Regula Lüscher.

Die Senatsbaudirektorin will nun gemeinsam mit dem Berliner Zentrum für Industriekultur die "riesigen Schätze" in das Bewusstsein von Einheimischen und Touristen rücken. Über eine "Route der Industriekultur" sollen langfristig bis zu 120 Orte, die von der Industrialisierung der Stadt erzählen, vernetzt werden.

Den Anfang macht eine Broschüre mit zwölf Bauten. Sie führt Besucher zum Beispiel in das bisher noch eher unbekannte Energie-Museum nach Steglitz. In dem ehemaligen Elektrizitätswerk am Teltowkanal wurde ab 1911 Strom für die Straßenbahn und eine Eisfabrik erzeugt. Als West-Berlin im Kalten Krieg zur autarken "Strominsel" wurde, entstand dort der größte Batteriespeicher der Welt.

Für Strom und Wärme sorgte auch über hundert Jahre lang das Kesselhaus der "Irren-Anstalt Herzberge". In dem roten Backsteinbau in Lichtenberg können Besucher nach Anmeldung für zwei Euro Eintritt nicht nur drei Generationen von Kesseln besichtigen, sondern auch etwas über den Krankenhaus-Boom im Zuge des rasanten Bevölkerungswachstums Ende des 19. Jahrhunderts erfahren.

Ohne Eintritt kommt man in den Industriesalon Schöneweide, an der Wiege von "Elektropolis". AEG errichtete auf der "schönen Weyde" an der Spree ab 1895 das erste Drehstromkraftwerk Europas. Noch zu DDR-Zeiten arbeiteten in der Industriestadt 25 000 Menschen. Dann kam der Niedergang. Die verbliebenen Fabrikkathedralen stehen unter Denkmalschutz. Teile des ehemaligen Kabelwerks werden als Hochschule genutzt. "Viele alte Industrieareale sind nicht nur Zeugen einer vergangenen Zeit, sondern gleichzeitig Schauplatz der heutigen Stadtentwicklung und einer Berliner Wirtschaft, die sich neu erfinden musste", erklärt Lüscher. So manche Fabrik ist inzwischen wieder Arbeitsstätte der Kreativwirtschaft, andere wurden zu Party- und Kunsthallen umfunktioniert.

Oft ist es auch gar nicht so einfach, die Orte Besuchern zugänglich zu machen. Um in die Route aufgenommen zu werden, müssen mindestens Toiletten, im Idealfall ein Café vorhanden sein.

Werksführungen bei laufendem Betrieb bietet BMW in seinen Hallen am Spandauer Juliusturm an. In der Gewehr- und Munitionsfabrik, die Friedrich Wilhelm I. 1722 für die preußische Armee errichten ließ, läuft heute alle 75 Sekunden ein fertiges Motorrad vom Band. Große Maschinen werden durch das Dach gehoben, weil sie nicht durch die historischen Tore passen.

So sorgfältig wird nicht immer mit dem Erbe umgegangen. "Es wurde auch viel kaputt gemacht", sagt Dietmar Arnold, Chef des Vereins Berliner Unterwelten. Der neue Eigentümer des Kaiserlichen Postfuhramts in der Oranienburger Straße habe zum Beispiel jüngst aus dem Keller die gut erhaltene Rohrpostanlage herausgerissen. "Ein Trauerspiel", findet Arnold. Mehr Glück hatte sein Verein mit der Rettung des einzig erhaltenen Steingasometers in Kreuzberg oder dem Museum im Alten Wasserwerk in Köpenick, in dem eine schnaufende Dampfmaschine von 1893 angeworfen werden kann. Das Museum am Müggelseedamm wurde erst 2014 von den Wasserbetrieben wegen zu weniger Besucher aufgegeben. Arnold hofft, dass die neue Broschüre mehr Interessierte an den Stadtrand lockt.

Die Broschüre "Route der Industriekultur" liegt in Bibliotheken aus. Oder ist abrufbar unter: www.industriekultur.berlin

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