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Der Chef der Unterlagenbehörde, Roland Jahn, beklagt die ausgebliebene Debatte zwischen einstigen Opfern, Mitläufern und Tätern

"DDR-Vergangenheit zu stark auf das Thema Stasi reduziert"

(v.l.) Roland Jahn, Johannes Weberling und Frank Mittag
(v.l.) Roland Jahn, Johannes Weberling und Frank Mittag © Foto: Europa-Uni/Heide Fest
Dietrich Schröder / 30.11.2016, 07:37 Uhr - Aktualisiert 05.12.2016, 13:55
Frankfurt (Oder) (MOZ) "Warum gibt es eigentlich so viel DDR-Nostalgie? Hat das damit zu tun, dass es für viele Menschen nach 1989 nicht so einfach war, zu ihrer Vergangenheit zu stehen?" Die Teilnehmer des Workshops "Aufarbeitung und Recht" an der Frankfurter Europa-Universität erlebten am Dienstag einen Roland Jahn, der nachdenkliche Fragen stellte.

Vor allem, dass trotz umfangreicher Bemühungen kein offener Diskurs zwischen den einstigen Opfern und den Mitläufern sowie Beteiligten der SED-Herrschaft zustande gekommen sei, bewegt den 63-jährigen Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Dass die Aufarbeitung der DDR bisher "zu stark auf das Thema Stasi konzentriert und reduziert" ist, beklagt er sogar selbst. "Die Aufarbeitung ist eigentlich eine gesellschaftliche und keine staatliche Aufgabe", sagt der gebürtige Jenaer, der 1983 wegen seiner oppositionellen Tätigkeit von den DDR-Behörden zwangsausgebürgert worden war. Das öffentliche Interesse daran ist in seinen Augen jedoch zu gering.

Der von dem Medienanwalt und Viadrina-Professor Johannes Weberling geleitete Workshop drehte sich vor allem um die Frage, wie es mit der Behörde des Bundesbeauftragten künftig weitergehen soll. Im Sommer hatte der Bundestag Jahns Amtszeit zwar verlängert, ihm zugleich aber den Auftrag erteilt, einen Vorschlag zu erarbeiten, wie die Akten künftig an das Bundesarchiv übergeben und im Gegenzug die Bundesbehörde verkleinert und schließlich aufgelöst werden kann.

Seither schlägt sich Jahn mit vielen technischen Details herum. "Es geht aber vor allem darum, wie wir das Gedächtnis der Nation so effizient wie möglich organisieren", erläutert er. Um das Recht der Opfer auf Einsichtnahme in ihre Akten macht er sich die wenigsten Sorgen. Diese Errungenschaft der friedlichen Revolution, mit der sich der Osten Deutschlands von allen anderen früheren sozialistischen Staaten unterscheidet, sieht er als gesichert an.

Zwar sei die Zahl der individuellen Anträge in diesem Jahr um 20 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig bleibe das Interesse der Medien und Forschung konstant, und es interessierten sich immer mehr Kinder und Enkel für das Verhalten ihrer Vorfahren in der DDR. Am wichtigsten erscheint dem 63-Jährigen, wie künftige Generationen die Funktionsweise einer Diktatur verstehen können, um daraus zu lernen. Die Türkei nennt er als aktuelles Beispiel, wie neue Diktaturen entstehen.

Weberling plädiert für eine zentrale Forschungseinrichtung, die sich - ähnlich wie die Forschungsstelle Ludwigsburg mit dem Nazi-Regime - mit der DDR-Geschichte beschäftigen sollte. Jahn sieht es dagegen als notwendig an, Gedenkstätten als authentische Orte zu bewahren und besser als bisher auszustatten.

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Roland Totzauer 30.11.2016 - 10:51:52

Wir waren und wir sind keine große Familie!

In Frankfurt (Oder) ist leider nie ein offener Diskurs zwischen den einstigen Opfern und den Mitläufern sowie Beteiligten der SED-Herrschaft zustande gekommen. Solch ein Diskurs war hier nie gewollt. Im Gegenteil: Seit Jahren "schmückt" hier in der Stadt ein DDR-Propaganda-Titel eine kommunale Weihnachtsfeier, die den zahlreichen DDR-Opfern ins Gesicht schlägt und sie verhöhnt. Der Veranstaltungstitel "Wir sind eine große Familie" wischt die erlebte DDR-Geschichte brutal vom Tisch und behauptet etwas, was sowohl in der DDR-Realität als auch jetzt nach der Wende nie real existierte. Meine Hoffnung liegt bei kommenden Generationen, die dieses Frankfurter politische "Alleinstellungsmerkmal" analysieren und Fragen an die angebliche "Familie" stellen, die bisher heute hier leider noch immer verdrängt werden.

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