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RB26-Strecke: "Unübersichtlich, menschenunwürdig, unzumutbar"

Pendler in Lauerstellung: Auf dem Bahnhof Müncheberg warten am Dienstag Passagiere auf einen zweiten Waggon. Die Züge auf der Regionalbahnlinie 26 sind hoffnungslos überfüllt.
Pendler in Lauerstellung: Auf dem Bahnhof Müncheberg warten am Dienstag Passagiere auf einen zweiten Waggon. Die Züge auf der Regionalbahnlinie 26 sind hoffnungslos überfüllt. © Foto: Andreas Wendt
Andreas Wendt / 30.11.2016, 13:21 Uhr
Seelow (MOZ) Pleiten, Pech und Pannen kennzeichnen die Situation auf der Bahnstrecke zwischen Küstrin und Berlin-Lichtenberg. Immer mehr Pendler kehren der Regionalbahnlinie 26 frustriert den Rücken, weil das Reisen mehr Frust als Lust bringt.

Als der Zeiger der Bahnhofsuhr in Seelow-Gusow (Märkisch-Oderland) am Dienstagmorgen bei frostigen Temperaturen auf 6.26 Uhr vorspringt, setzt sich zeitgleich die Laufschrift des Informationssystems am Bahnsteig in Bewegung und informiert die Pendler über eine 15-minütige Verspätung der Regionalbahn nach Berlin-Lichtenberg. Kaum einer stöhnt, keiner mault und schimpft auf die Bahn, in diesem Fall die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB). Die meisten nehmen es gelassen. Macht der Gewohnheit. Sie wissen: Pendler müssen zwischen Küstrin und Berlin mit allem rechnen. Nur auf eines können sie sich verlassen: auf volle Züge.

Spätestens seit die NEB die vom polnischen Hersteller konstruierten Fahrzeuge vom Typ Pesa-Link auf die eingleisige, nicht elektrifizierte Strecke schickt, hagelt es Kritik. Haltestangen sind kaum erreichbar an den Außenkanten des Waggons angebracht, an den beiden einzigen Zustiegen sind vier Klappsitze montiert, die das Ein- und Aussteigen behindern, im Katastrophenfall sogar zum unüberwindbaren Hindernis werden können. Erst Anfang Januar war auf der RB26 ein NEB-Zug vom Typ Talent mit 150 Reisenden an Bord in Flammen aufgegangen.

Dieter Eberding aus Berlin hat die alte Ostbahn-Hauptstrecke mehr als zehn Jahre mit seiner Frau befahren. Seit Sommer dieses Jahres sind beide überzeugte und entspannte Autofahrer, "weil wir uns die teilweise menschenunwürdigen Zustände auf dieser Bahnlinie nicht mehr gefallen lassen wollen", klagt Eberding. Auch im Triebwagen am Dienstagmorgen sitzen und stehen die deutschen und polnischen Pendler dicht an dicht. "Wenn der Zug voll ist, kommt das Personal erst gar nicht durch", weiß Klaus Falk aus Erfahrung. Er pendelt täglich von Alt-Rosenthal nach Lichtenberg und kennt die Probleme der RB26: "Sehr häufige Verspätungen und sehr anfällige Fahrzeuge. Nach der Kollision mit Wild falle gleich das ganze Fahrzeug aus", weiß Falk.

Beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) runzelt man angesichts solcher Schilderungen die Stirn. Verspätungen? Unzufriedene Fahrgäste? Konstruktionsmängel des Zuges? Man habe gute Erfahrungen mit dem polnischen Hersteller, die RB 26 sei in der hauseigenen Qualitätsanalyse die Linie im Verkehrsverbund mit den besten Bewertungen durch Kunden, und die NEB sei ein zuverlässiger, professioneller Partner, der sich mit dem Zuschlag weiterer Strecken im Verbund auch nicht übernommen habe. "Wir sind allgemein lediglich Opfer unseres Erfolges: Die Züge werden besser als erwartet angenommen", sagt VBB-Sprecher Eike Arnold. Deshalb sei man mit der NEB im Gespräch, die Kapazitäten anzupassen.

Dem Seelower Bundestagsabgeordneten Hans-Georg von der Marwitz (CDU) drängen sich ganz andere Eindrücke auf. Als am Bahnhof Müncheberg die kritische Situation durch ein zweites Fahrzeug entlastet werden soll, er mit weiteren Passagieren den überfüllten Triebwagen verlässt, um in den zweiten zu steigen, schließen sich unerwartet vor ihm die Türen und er bleibt mit weiteren Pendlern auf dem Bahnsteig zurück. Grob fahrlässiges Verhalten wirft von der Marwitz dem Zugpersonal vor, das sich offensichtlich nicht vergewissert hatte, ob noch Menschen auf dem Bahnsteig stehen. Ähnlich ging es Wochen zuvor Torsten Labahn, als er seine Frau in Rehfelde am Bahnhof abholen wollte, der Zugführer aber offensichtlich vergaß, beim Halt die Türen zu entriegeln. Zwischen 20 und 30 Reisende, die dort aussteigen wollten, mussten bis zum nächsten Bahnhof an Bord bleiben. "Ich bin dann mit dem Auto nach Müncheberg gefahren und holte meine Frau dort ab", berichtet er.

All das bestätigt den Abgeordneten von der Marwitz in seinem Verdacht, dass es bei der RB26 nicht rund läuft. "Eine Tour, die muss man nicht haben", sagt er und schildert die Zustände in einem Brief an VBB-Geschäftsführerin Susanne Henckel. "Die derzeitige Situation auf der Ostbahnstrecke ist für Pendler nicht nur unübersichtlich, sondern eine Zumutung", heißt es darin. Wenn sich daran etwas ändern soll, sagt der CDU-Politiker, müssten die Region und auch das Land Druck aufbauen.

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Marco Habeck 30.11.2016 - 16:26:59

Vom Land so gewollt

Während Milliarden in den BER fließen werden die Mittel für den Nahverkehr immer weiter herunter gefahren. Was sich durch Fahrpreiserhöhungen nicht ausgleichen lässt müssen die Verkehrsunternehmen selber ausbaden. Die Mitbewerber der DB werden bei der Verteilung der Gelder stark benachteiligt. Die Situation wird vom VBB bewusst geduldet. Mit der neuen VBB-Geschäftsführerin Susanne Henckel hat sich vieles verschlimmert. Wieder gibt es verstärkt dreckige Züge, keine Kundenbetreuer und entgegen den Verträgen kommt verstärkt altes Zugmaterial zum Einsatz. Das QualitätsScouts Programm wurde eingestellt somit hat der VBB kaum noch Kenntnis von den wahren Tatsachen mit den Fahrgäste täglich zu kämpfen haben. Kontrollen über Soll und Ist finden so gut wie nie statt. Das alles lässt sich auf eine Ursache festmachen "Geld" . Das Land will kein Geld für Zusätzliche Züge bezahlen und der Vertragspartner will sie ohne Bezahlung nicht auf die Strecke setzen. So geht das Lustige Spiel immer hin und her.

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