Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

"Dieses Weihnachten vergess' ich nicht", sagen Bewohner der Alloheim Seniorenresidenz, die von Nachbarn beschenkt werden

Päckchen gegen die Einsamkeit

Trautchen Koll (v.r.) und Mitbewohnerin Ursula Frey freuen sich darüber, dass es Menschen gibt, die an sie denken. Anita Obst (h.r.) und Rita Schade von der Seniorenresidenz koordinieren die diesjährige Frankfurter Wichtel-Aktion.
Trautchen Koll (v.r.) und Mitbewohnerin Ursula Frey freuen sich darüber, dass es Menschen gibt, die an sie denken. Anita Obst (h.r.) und Rita Schade von der Seniorenresidenz koordinieren die diesjährige Frankfurter Wichtel-Aktion. © Foto: MOZ/Thomas Gutke
Thomas Gutke / 02.12.2016, 06:55 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) "Dieses Weihnachten vergess' ich nicht" - mit dieser Serie startet die MOZ in die Adventszeit und erzählt Ihnen, liebe Leser, jeden Tag eine neue Geschichte. Heute geht es um eine Geschenkaktion für einsame Senioren, die keine Angehörigen mehr haben. So wie Trautchen Koll.

"Weihnachten werde ich immer traurig", sagt Trautchen Koll und holt tief Luft. Die 85-Jährige zog 2012 von Potsdam nach Frankfurt in die Seniorenresidenz "An der Lehmgasse". Einen Ehemann hat sie nicht mehr, er verstarb vor Jahren. Und zu ihren beiden Kindern brach der Kontakt irgendwann ab. Einzige Bezugsperson von außen ist ihre gesetzliche Betreuerin. Für die pflegebedürftige Rentnerin ist die familiäre Einsamkeit vor allem im Dezember schwer erträglich. Es kommt keine Weihnachtspost, kein Enkelbesuch, es ist niemand da, dem man selbst eine Freude machen könnte. Wenn sie an die bevorstehende Weihnachtsfeier im Wohnheim denkt, steigen ihr Tränen in die Augen. "Es tut wirklich weh, wenn ich allein sitze, und viele andere haben ihre Angehörigen dabei".

86 Senioren leben in der stationären Pflege der Einrichtung, die zur Alloheim-Gruppe gehört. Hinzu kommen 52 Mieter im betreuten Wohnen. So wie Trautchen Koll hätten rund ein Drittel der Bewohner keinen Kontakt mehr zu nahen Verwandten, berichtet Leiterin Anita Obst. "Immer mehr Familien brechen heute auseinander". Streit mag ein Grund dafür sein. Ein anderer: berufliche Flexibilität. Zum Arbeiten zieht es die Kinder und Kindeskinder heute oft weit weg, weil es in Hamburg, Stuttgart oder München oft die attraktiveren Jobs und mehr Geld gibt.

Zurück bleiben die Großeltern.Im vergangenen Jahr traf Edeka hier mit einem Werbespot über einen älteren, einsamen Herrn einen echten Nerv. In dem Kurzfilm verschickt der Rentner Einladungen für seine eigene Trauerfeier - nur damit ihn seine schwer beschäftigten Angehörigen an Weihnachten besuchen.

"Wir wollen ein Zeichen setzen gegen die zunehmende Vereinsamung in unserer Gesellschaft", erklärt Anita Obst. Deshalb beteiligt sich ihre Einrichtung ebenso wie alle anderen bundesweit 135 Alloheim-Standorte seit 2012 an einer besonderen Wichtelaktion. Die Idee: Nachbarn, Firmen oder Vereine bringen kleine Geschenke vorbei, die dann Heiligabend von den Mitarbeitern an einsame Bewohner aber auch andere alleinlebende Senioren in der Region verteilt werden - als Zeichen, dass auch an sie gedacht wird. Kommen mehr Pakete an, als im Haus verteilt werden können, verteilen ambulante Pflegedienste, mit denen die Seniorenresidenz zusammenarbeitet, Geschenke an Rentner, die noch allein in ihrer Wohnung leben.

In den vergangenen Jahren sei die Aktion meist sehr erfolgreich verlaufen, berichtet Rita Schade, Verantwortliche im Bereich Betreuung des Wohnheims. "Es kamen viele, die sonst gar keine Beziehung zu unserem Haus haben. Sogar eine Schulklasse hat Pakete vorbeigebracht."

Selbstgebasteltes, Bücher oder Rätselhefte, Schmuck, Düfte, Pflegeprodukte, Gutscheine oder Süßigkeiten - das alles kann in die Päckchen, die vor der Abgabe mit einem F für Frau und einem M für Mann markiert werden sollten. Gut wäre auch ein persönlicher Gruß. Wer mitmachen möchte, kann sein Geschenk bis 24. Dezember an der Rezeption in der Walter-Korsing-Straße 16 abgeben oder per Post schicken.

"Heiligabend gehen die Mitarbeiter dann in jede Wohnung und überreichen das Geschenk. Viele sind überwältigt und fragen: Für mich? Da kullern einige Tränen", sagt Rita Schade. Anita Obst kann das nur bestätigen. "Auch wir als Mitarbeiter waren überwältigt vom Ideenreichtum der Bevölkerung, den liebevoll verpackten Geschenken und teils sehr persönlichen Grußkarten und vor allem von den strahlenden Gesichtern der Senioren beim Auspacken", erzählt sie.

Auch Trautchen Koll freut sich, als Anita Obst ihr ein Foto zeigt, auf dem sie mit einem Päckchen zu sehen ist. Die Erinnerung daran ist noch wach - dieses Weihnachten vergisst sie nicht.

Kommentare

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG