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Butterfahrten durch zwei Kreise

© Foto: Andreas Gora
Viola Petersson / 02.12.2016, 07:10 Uhr
Chorin (MOZ) Mehr als zehn Kilometer für ein Stück Butter, die Zahnpasta-Tube oder ein Bund Radieschen. Für 38 Dörfer seit einigen Monaten Einkaufsrealität. Das Frischemobil hatte im Sommer seinen Dienst eingestellt. Gisa Rothe aus Brodowin wandte sich mit einem Hilferuf an Amtsdirektor Jörg Matthes.

Die Versorgung der Bevölkerung "mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs (Grundversorgung)" sei nicht mehr gesichert, schreibt Gisa Rothe, Vorsitzende des Vereins Mensch Brodowin und Mitglied des Ortsbeirates, an Britz-Chorin-Oderbergs Amtsdirektor. Genau die aber soll nach den Grundsätzen und Zielen der Raumordnung und Landesplanung gewährleistet werden. Rothe verweist auf Paragraf 5, Absatz 4 des "Landesprogramms 2007 Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg".

Der Dorfkonsum sei vielerorts längst Geschichte. Das Frischemobil habe diese Lücke bis zum Sommer geschlossen. Doch mit der letzten Tour im August sei auch dieser Ersatz weggebrochen. Rothe bittet Jörg Matthes, "mit den Kollegen der angrenzenden Amtsbereiche und den Landkreisen eine Strategie zur Lösung der Versorgungsengpässe zu entwickeln". Immerhin ginge es um 38 Dörfer bzw. Ortsteile in Barnim und Uckermark.

Rothe bietet auch sogleich eine mögliche Lösungsvariante an: die Gründung eines Vereins durch die betroffenen Gemeinden. Dieser, so ein Gedanke, könnte die Versorgung übernehmen, sei aber auf Zuschüsse durch die jeweiligen Ämter oder Kommunen angewiesen, um dauerhaft kostendeckend arbeiten zu können.

Jörg Matthes erklärte auf Anfrage dazu: Kommende Woche treffe er sich mit dem Angermünder Bürgermeister. In der Beratung werde es um gemeinsam tangierende Fragen wie die "Uckermarktrasse" (die geplante 380-kV-Stromleitung), die Biosphäre und eben um die ländliche Versorgung gehen. Der Amtsdirektor sichert privaten oder gemeindlichen Initiativen zwar seine Unterstützung zu, gleichzeitig spricht er sich aber vehement gegen den Einsatz öffentlicher Mittel aus.

Aus seiner Sicht gebe es durchaus marktwirtschaftliche Angebote, um das Problem zu lösen. Etwa in Form von Einkaufsfahrten. Im Übrigen rollen Bäcker und Fleischer mit Verkaufswagen übers Land. Mit der Inhaberin des Marktes in Joachimsthal, die bislang das Frischemobil betrieb, habe er gesprochen. Eine Reaktivierung des Konsums auf Rädern werde es demnach nicht geben. Der rollende Laden rechne sich einfach nicht, sei ein Zuschussgeschäft, gibt Matthes die Position der Unternehmerin wieder.

Für Matthes zählt die Versorgung mit Lebensmitteln, das Einkaufen nicht zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Im Gegensatz zur Wasserversorgung oder zur Abfallbeseitigung etwa. Der Verwaltungschef verweist auf die medizinische Versorgung. Auf den meisten Dörfern gebe es inzwischen keinen Hausarzt mehr. "Das heißt, hier müssen sich die Bürger auch selbst behelfen, müssen unter Umständen Fahrten organisieren, in der Familie oder über Nachbarschaftshilfe", erklärt der Amtsdirektor.

Zählt die Versorgung mit Lebensmitteln, mit Waren des täglichen Bedarfs zur Daseinsvorsorge? Für die Landtagsabgeordnete Margitta Mächtig (Linke) eine überaus "spannende Frage". Sie hat diese deshalb an die Arbeitsgruppe der Enquete-Kommission "Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels" im Landtag weitergeleitet. Gleichzeitig habe sie sich, nachdem sie jüngst beim Verein Mensch Brodowin im Erzählcafé zu Gast war, an die Discounter beziehungsweise an die Zentralen von Aldi, Lidl und Co. in Ostdeutschland gewandt. "Ich glaube, diese Einkaufsmärkte haben sich mit dem Problem der älteren, nicht mobilen Bürger auf dem Lande bislang nicht beschäftigt." Eine Antwort stehe aus. Auch mit dem Edeka-Markt in Lunow, der bereits einen Bringeservice anbietet, sollte man reden. Ebenso wie mit örtlichen Akteuren. Im Januar sei sie erneut im Ökodorf zu Gast. Um das Gespräch fortzusetzen, sagte Mächtig.

Unterdessen hat Gisa Rothe auch einen Beitrag für das Britz-Chorin-Oderberger Amtsblatt verfasst. Darin wirbt sie für die Idee des "rollenden Konsums". Leider habe sich bislang kein Interessent gefunden. In Niederfinow indes ist es auf Initiative der Bürgermeisterin 2015 gelungen, nach dem Aus des alten Dorfkonsums einen neuen, einen "Gesunden Konsum" zu eröffnen. Mit viel ehrenamtlichem Engagement.

Interessenten können sich melden unter Tel. 033362 70372 oder rothebrodowin@t-online.de

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Benno Koch 02.12.2016 - 14:39:48

Brodowin: Keine Butterfahrten durch zwei Kreise

"Gisa Rothe aus Brodowin wandte sich mit einem Hilferuf an Amtsdirektor Jörg Matthes. Die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs (Grundversorgung) sei nicht mehr gesichert." Kennt man sich auf dem Dorf nicht mehr oder ist es einfach nur Boykott? Genau das hätte der Inhalt des Artikels der Märkischen Oderzeitung sein müssen. Und die Märkische Oderzeitung sollte endlich normale Mobilität jenseits des Autos normal und täglich erklären. Nicht nur wenn gerade etwas bei der Bahn oder wo auch immer schief geht. Gerade Brodowin ist doch ein Musterbeispiel für dörfliches Engagement – ich kenne kein anderes Dorf in Brandenburg, wo ein Lebensmittelladen sieben Tage in der Woche auch im Winter selbst bis 17 oder 18 Uhr offen hat: https://www.brodowin.de/der-betrieb/hofladen/ Wo liegt das Problem, dass Gisa Rothe dort nicht einkaufen geht? Da kann man zu Fuß hingehen oder mit dem Rad fahren und spart noch Fahrzeit und Fahrkosten. Sollte es besondere Wünsche geben, sollten sich diese mit den vorhandenen Strukturen eines Ladens in Brodowin so leicht lösen lassen, wie in kaum einem anderen Dorf. Unabhängig von Brodowin stimmt es in einzelnen Dörfern, dass es dort mal einen (in der Regel teuren und schlecht sortierten) Konsum gab, den es heute nicht mehr gibt. Die Mehrzahl der Dörfer ist aber heute so gut und mit so preiswerten Lebensmittelläden ausgestattet wie nie zuvor – siehe Britz, Oderberg, Angermünde und Eberswalde. Gleich nebenan ist es für mich in Joachimsthal mit seinen 3.292 Einwohnern immer noch ein Wunder, dass es hier gleich zwei Discounter und einen Supermarkt gibt – eine solche Dichte pro Einwohner gibt es in Berlin in der Regel nicht. Im konkreten Fall Eberswalde verkehrt der Bus 912 täglich acht Mal in 32 Minuten für 2,70 Euro von Brodowin nach Eberswalde und zurück. Für 51 Euro pro Monat in allen Bussen und Bahnen in ganz Berlin-Brandenburg als 65plus Ticket auch noch so preiswert wie nie zuvor. In Berlin sind die Monatskarten für die meisten Berliner teurer und Fahrwege pro Richtung von einer Stunde vollkommen normal. Was in jedem Fall richtig ist, dass viele Strukturen im Land Brandenburg besser sein könnten. Ich denke da an die Neuvergabe des Busverkehrs an die Barnimer Busgesellschaft ab Januar 2017 für einen Zeitraum von 10 Jahren – und wieder ohne die im Nahverkehrsplan geforderte Fahrradmitnahme in jedem Bus. Das würde den leeren Bussen gut tun und die Mobilität in der Fläche signifikant erhöhen. Und praktisch in jedem Dorf in Brandenburg fehlt ein erkennbares Bürgercafé – als sichere Anlaufstelle an jedem Tag für Einwohner und Touristen. Mit selbstgebackenen Kuchen, heißem Kaffee, regionalen Produkten und freundlichen Gastgebern. Wenn sich Einwohner wie in einem nahe Brodowin gelegenen Dorf in der Vergangenheit zusammengeschlossen haben und zum Beispiel am Wochenende Kaffee und selbstgebackenen Kuchen angeboten haben, wurden sie von den Nachbarn, der Gema, der Gewerbeaufsicht, dem Finanzamt, der Hygiene und der Bauaufsicht verklagt. Hier sind das Land Brandenburg und die Landkreise gefordert, endlich eine Förderstruktur ähnlich der Straußwirtschaften in fremdenfreundlichen Regionen zu schaffen und diese mit Know-how und Fördergeldern zur Anschubfinanzierung zu unterstützen – anstatt immer und immer wieder Millionenprojekte für Luftschlösser in Brandenburg in den Sand zu setzen.

Piefke Saga 02.12.2016 - 12:47:42

Versorgung vs. "öffentliche Daseinsvorsorge"

"Öffentliche Daseinsvorsorge" ... das lasse ich mir lieber nicht auf der Zunge zergehen, das bleibt mir im Halse stecken, klingt von selbst nach "Würgedeutsch" Man googled ... Vo̱r·sor·ge Substantiv [die] alle Maßnahmen, mit denen man unangenehme Situationen verhindern will. Für was soll die öffentliche Daseinsvorsorge gut sein, wenn es niemand mehr gibt, dem "vorgesorgt" werden soll? Oder ist eines Tages die öffentliche Vorsorge, sprich Wasserversorgung oder Abfallbeseitigung nur noch für die dort verbliebenen Wildschweine und Wölfe gedacht? ach ja, Elche kommen auch wieder Gibt's 'nen Elchtest für die "öffentliche Daseinsvorsorge"?

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