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Sandra J√ľtte 02.12.2016 07:13 Uhr
Red. Seelow, seelow-red@moz.de

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Unterm Tannenbaum wiedervereint

Seelow (MOZ) Fast jeder verbindet mit Weihnachten Erlebnisse, die er nie vergisst. Wir wollen bis Heiligabend jeden Tag Geschichten unserer Leser erzählen. Heute: Gisela Reich, deren Vater kurz vor Weihnachten 1946 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte - für die Seelowerin das schönste Weihnachtsgeschenk.

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Ihre sch√∂nste Weihnachtserinnerung: Gisela Reich zeigt ein Foto mit ihrem Stiefvater. Dieser war Anfang der 40er-Jahre eingezogen worden und kehrte kurz vor Weihnachten 1946 nach einem Jahr ohne Lebenszeichen zu seiner Familie zur√ľck.

© MOZ/Sandra J√ľtte

Weihnachten ist am schönsten, wenn man es im Kreis der Familie feiern kann. Was aber, wenn der Krieg Familien entzweit hat? Im Jahr 1946 sah es für die 14-jährige Gisela Reich, damals noch geborene Röbert, so aus, als würde sie Weihnachten erneut alleine mit ihrer Mutter Maria verbringen. Ihr Bruder war bereits 1941 gefallen, Vater Wilhelm Graack, der eigentlich ihr Stiefvater war, im selben Jahr als Soldat eingezogen worden. "Mein leiblicher Vater war schon früh verstorben. Ich war gerade mal ein Jahr alt", erzählt die heute 85-jährige Seelowerin. "Mein Stiefvater war für mich mein Vater."

Wilhelm Graack diente nach dem Marschbefehl in Jüterborg (Landkreis Teltow-Fläming) bei der Wehrmacht. "Ab Krugau im Spreewald fuhr er auf Munitionszügen mit", erinnert sich Giesela Reich. "Wie wussten damals nie so genau, wo er war." Ab und zu sei er mal nach Hause gekommen. 1944 sieht Gisela Reich ihren damals 44-jährigen Vater vorerst zum letzten Mal. Denn Graack gerät 1945 in französische Kriegsgefangenschaft. "Wir haben nichts mehr von ihm gehört. Aber da wir keinen Brief bekommen haben, hofften wir immer, dass er noch lebt", erzählt die Rentnerin. Während sie darüber spricht, bricht ihre Stimme leicht.

Damals lebte die heutige Seelowerin mit ihrer Mutter noch in Luckau (Dahme-Spreewald). Kurz vor dem Weihnachtsfest 1946 - "das muss um den 22. Dezember gewesen sein", erinnert sie sich - wollte sie eine Freundin vom Bahnhof abholen. "Ich bin die Bahnhofstraße entlang gelaufen und da kam mir auf dem Bürgersteig ein Mann entgegen", schildert sie die Geschehnisse. "Ich sehe ihn heute noch vor mir." Ein stattlicher Mann in Wehrmachtsuniform, mit Rucksack, Brotbeutel und langem, schwarzen Bart.

"Das Gesicht und der Gang kamen mir bekannt vor. Aber der Bart war für meinen Vater völlig untypisch", sagt Gisela Reich. "Ich habe mich umgedreht und "Vati?' gefragt. In dem Moment drehte sich der Mann auch um, und es war tatsächlich mein Vater. Wir haben uns sofort wiedererkannt", beschreibt sie die Szene. Bei der Erinnerung huscht ihr ein Lächeln übers Gesicht. "Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk!"

Über die Wiedersehensfreude geriet die Freundin völlig in Vergessenheit. Gisela Reich nahm ihren Vater gleich mit nach Hause, wo sie auf eine erstaunte Mutter trafen. "Wen schleppst du denn da an, wollte meine Mutter von mir wissen", lacht die 85-Jährige. Ob sie ihren Mann nicht erkenne, habe sie die Mutter gefragt. "Dann haben wir uns alle sehr gefreut und ein ganz besinnliches Weihnachtsfest miteinander verbracht. Man hatte ja durch den Krieg genug durchgemacht", ergänzt die engagierte Seelowerin.

Zunächst verlangte die Mutter vom Vater aber, dass er sich den Bart abrasiere, erinnert sich die Pensionärin. Dann gab es, wie in jedem Jahr, selbstgebackenen Christstollen. Gisela Reichs Familie stammt ursprünglich aus Annaberg im Erzgebirge, wo auch sie geboren wurde und das Gebäck Tradition hat. "Mein Vater war damals einfach froh, wieder zu Hause zu sein, obwohl er erzählte, dass es ihm in Gefangenschaft einigermaßen gut gegangen sei", weiß die 85-Jährige noch.

Bis heute ist es der Rentnerin sehr wichtig, Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen, zu der mittlerweile neben ihren Kindern auch sechs Enkel und fünf Urenkel zählen. Den Christstollen gibt es dann auch immer noch - extra bestellt aus dem Erzgebirge. "Aber den Tag, an dem mein Vater zurückkehrte, werde ich nie vergessen", sagt sie mit einem seligen Lächeln auf den Lippen.

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