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Maria Neuendorff 08.01.2017 17:52 Uhr - Aktualisiert 11.01.2017 18:00 Uhr

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Die digitale Hebamme

Berlin (MOZ) Sabine Kroh ist seit 27 Jahren Hebamme in Berlin. Über das Internet betreut sie inzwischen auch Mütter in New York, Kiew oder Südafrika. Denn nirgends in der Welt gibt es ein so gutes Hebammen-System wie in Deutschland.

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Sabine Kroh berät unter der Überschrift "Call a midwife" als Hebamme Frauen in der ganze Welt

© MOZ

Der Arbeitstag von Sabine Kroh beginnt in der sechsten Etage eines 60er Jahre Baus in Wedding. Von ihrem Wohn- und Arbeitszimmer blickt die Hebamme über die Dächer von Berlin. Vor dem Fenster krümmen sich kahle Äste im Januar-Wind. Sabine Kroh muss heute nicht hinaus in den stürmischen Wintermorgen. Um zu arbeiten, braucht sie lediglich ihren Laptop aufzuklappen. Neben ihrer Tasse mit Morgenkaffee liegen auf dem hölzernen Bürotisch auch ein iPad und das Smart-Phone bereit. Es sind die Werkzeuge der "Digitalen Hebamme".

Eine Bezeichnung, die wie ein Widerspruch in sich klingt. Schließlich ist kein Beruf so alt, so intim und persönlich, so nah am Menschen wie die Wochenbettbetreuung. Krankenkassen bieten zwar schon interaktive Anti-Stress-Trainings an. Alkoholiker können eine Online-Therapie machen. Doch ein Hebammen-Online-Dienst namens "Call a Midwife" klingt wie der endgültige Untergang des realen Abendlandes.

Für Sabine Kroh aber, die seit fast drei Jahrzehnten schwangere Frauen und Neugeborene betreut, ist der Gang ins Internet nur ein logischer Schritt. Seit Jahren schon bekommt sie von den Frauen, die sie zu Hause besucht, auch regelmäßig Bilder per SMS und Whats App geschickt. Dann soll sie mal schnell aus der Ferne begutachten, ob die plötzlich auftretenden Pickel ein typischer Schwangerschaftsausschlag sind oder vielleicht doch den Gang zum Arzt erfordern. "Auch einen wunden Babypopo kann man wunderbar in die Kamera halten", sagt die Berlinerin. Möglichkeiten der Kommunikation, die Frauen und Hebammen gleichermaßen entspannen. "Die Mütter sind schnell beruhigt, und ich muss nicht mehr wegen jedem Nabelbluten durch die Stadt fahren."

Dass sich jedoch aus diesen Möglichkeiten ein Start Up entwickelte, ist einem ganz normalen Hausbesuch zu verdanken. Vor zwei Jahren betreute Sabine eine Berliner Mutter bei ihrer zweiten Schwangerschaft. "Alles lief bei Mutter und Kind sehr gut. So erzählte sie mir stattdessen von ihrer schwangeren Freundin in Kiew, die große Probleme hatte." Irgendwann kümmert sich Sabine Kroh während der Besuche mehr um die werdende Mutter in der Ukraine, fing an, mit ihr zu skypen. Als es nach dem Kaiserschnitt auch mit dem Stillen nicht klappen wollte, half Sabine Kroh das erste Mal per Bildschirm beim Anlegen des Säuglings. Für die perfekte Perspektive musste der Ehemann das ipad vor die Brust seiner Frau halten. "Ich war selbst überrascht, was alles möglich ist", gesteht die Hebamme.

Für die damalige Hilfe wollte sie kein Geld. Doch die Ukrainerin bestand darauf, zu bezahlen, und erzählte wiederum Freundinnen von der digitalen Beratung. Aus dem bloßen Gefallen ist inzwischen eine Dienstleistung geworden. 39 Euro, beziehungsweise 44 US-Dollar, kostet die halbe Stunde. Bezahlt wird über Pay Pal und Kreditkarten-Konten. Die ersten E-Mail-Kontakte und SMS werden nicht berechnet. Für viele Frauen, die aus ihren Ländern gar keine Hebammen kennen, sei das Angebot immer noch sehr preiswert, erklärt Kroh. "Wer in Russland zum Kinderarzt geht, muss bisweilen nicht nur lange auf einen Termin warten, sondern dazu rund 250 Dollar zahlen.".

Inzwischen hat Sabine Kroh Frauen in New York, Südafrika und Budapest online beraten. Ihr mehrsprachiger Hebammen-Service richtet sich vor allem auch an Auswandererinnen, die sich nach dem deutschen Hebammen-System zurücksehnen. Das gilt als das beste der Welt. "Nur in Österreich, der Schweiz und Großbritannien gibt es überhaupt Vergleichbares."

Die Internetseite "Call a Midwife" ging im Frühjahr 2016 online. Sabine Kroh, die in Dresden aufwuchs, hatte schon für die immer internationaler werdende Kundschaft in Berlin-Prenzlauer Berg Englisch lernen müssen. Ihre bisher vier Mitstreiterinnen schickt sie zu Sprachfachkursen. "Inzwischen können wir Beratung in Deutsch, Russisch, Türkisch, Spanisch und Italienisch anbieten."

Die Schwangeren füllen vorher per E-Mail einen Anamnese-Bogen aus. Die Hebammen legen für jede ein Büchlein an, in dem sie die Online-Sprechstunden dokumentieren. "Einen Milchstau kann ich auch aus 1000 Kilometer Entfernung beurteilen", nennt Kroh ein Beispiel. Sie bittet die Frau vor dem Monitor dann selbst auf die geschwollene Brust zu drücken. Die Art der Rötung gibt Aufschluss. "Kommt Fieber hinzu, wird der Kontakt engmaschiger. Ich frage dann ein paar Stunden später nochmal per SMS nach, ob es gesunken ist."

Natürlich habe das Angebot auch Grenzen. "Vorzeitige Wehen kann ich am Bildschirm nicht beurteilen. Aber ich kann der Frau erklären, woran sie sie erkennen kann."

Das Erklären gehört sowieso zur Hauptaufgabe einer Hebamme. Warum schreit das Baby? Warum sieht der Stuhlgang so komisch aus? "Die Mütter von heute sind sehr verunsichert. Über Google oder Mütter-Blogs suchen sie schnelle Antworten. Die aber oft nicht wirklich helfen." Direkte Expertenhilfe sei das, was die Frauen bräuchten, weiß die 47-Jährige. Erklären, warum Dinge so sind wie sie sind, das beruhigt ungemein. Und den Müttern zu sagen: "Du schaffst das".

Dabei sind die Kulturen, mit denen die digitale Hebamme konfrontiert wird, oft völlig unterschiedlich. "Eine afrikanische Frau legt ihr Baby zum Beispiel ungerne ab." Der Grund sei ganz einfach: "Die Umgebung bedeutet im allgemeinen Schmutz und Gefahr für das Kind. So trägt sie es immer am Körper."

Europäische Frauen kämpften dagegen oft damit, das Kind irgendwo hinzulegen. Dann schreit es. "Ein Neugeborenes muss aber erst lernen, dass es sicher ist und nicht irgendwo im Wald liegt und gleich vom Wolf gefressen wird", so Kroh. Ein ureigener menschlicher Prozess, der Wochen, wenn nicht Monate brauche. Da könne das Apartment in Prenzlauer noch so komfortabel sein. Auch dort kämen Mütter schnell an ihre Grenzen. "Wir sind von Natur aus nicht dafür gemacht, 16 Stunden mit dem Neugeborenen alleine zu sein. "Normal wäre es, wenn Oma und Schwester helfen."

Doch in der globalisierten Welt sind Familien oft auseinandergerissen. So hat Sabine Kroh auch schon deutsche Auswanderinnen in New York, Südafrika und Budapest per Skype betreut. Über ein Art Spenden- und Umverteilungs-System will Kroh ermöglichen, dass bald auch Frauen im armen Senegal oder Albanien von dem Hebammen-Dienst profitieren können.

Im November gewann ihr Start Up beim Social Impact Lab, einem vom Bundesinnenministerium, der Deutschen Bank und dem Softwareunternehmen SAP unterstützen Wettbewerb, einen "Pitch." Das heißt, Sabine Kroh durfte ihre Idee vorstellen und bekommt nun fachliche Hilfe bei der Weiterentwicklung. Das ist auch nötig. "Ich bin ja weder Managerin noch Online-Spezialistin", sagt die Gründerin, die nach Geldgebern und Spezialisten sucht, die zusammen mit ihr die Webseite weiterentwickeln. Auf der sollen Frauen in Zukunft auch Online-Geburtsvorbereitungs - und Rückbildungskurse buchen können.

Das deutsche Hebammen-Problem wollen die Berliner Hebammen mit dem Angebot aber weder revolutionieren, noch lösen. "Hier muss die Politik endlich etwas tun", stellt Kroh klar. Die hohen Haftpflichtprämien hätten den Berufsstand sehr in Bedrängnis gebracht. Der starke Kontrast zwischen Aufwand und Verdienst brächten Kolleginnen dazu, den Job an den Nagel zu hängen oder gar nicht erst zu ergreifen. "In Ballungsräumen mit hoher Geburtenrate herrscht deshalb schon eine problematische Unterversorgung."

Doch auch in Flächenländern wie Bayern oder in Brandenburg hat Sabine schon Nothilfe über den Computer leisten müssen. Sie erzählt von einer Frau in Kyritz. "Sie saß da mit aufgebissenen Brustwarzen und starken Schmerzen auf dem Sofa, und es war einfach niemand da, der draufschauen konnte." "Natürlich ist es immer schöner vor Ort zu sein", sagt Kroh, die nach wie vor auch Hausbesuche macht. "Doch es ist immer noch besser, man hilft am Bildschirm, als gar nicht."

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