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Hans Still 07.02.2017 07:05 Uhr - Aktualisiert 07.02.2017 14:55 Uhr
Red. Bernau, bernau-red@moz.de

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"Kreisreform spart kein Geld ein"

Bernau (MOZ) "Ex-Ministerin, Landtagsabgeordnete, eine Frau mit einer bewegten Biografie", lautete die Ankündigung für Anita Tack (Linke) im Gesprächsformat "Offene Worte". Mit der Moderatorin Dagmar Enkelmann sollte sich am Sonntagvormittag eine muntere Unterhaltung entwickeln.

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Manchmal ein Paar, manchmal auch ein Pärchen: Dagmar Enkelmann (l.) und Anita Tack bei "Offene Worte" im Treff 23

© MOZ/Hans Still

Manchmal, wenn es der aus Potsdam angereisten Landtagsabgeordneten womöglich zu heiß wurde, kam ihr ein Satz über die Lippen, der mindestens einmal vom Publikum mit einem wissenden "Aha, offene Worte" kommentiert wurde. "Daran kann ich mich jetzt nicht mehr so genau erinnern", bekannte Anita Tack beispielsweise bei der Frage, ob denn während ihrer Zeit im Potsdamer Büro für Territorialplanung die Erhebungen zum Bau von Atomkraftwerken (Akw) nicht im Panzerschrank verschwunden sind. Seit 1983 war sie dort die Chefin und hatte beispielsweise zu untersuchen, ob in Potsdam ein Akw gebaut werden könne. "Zum Glück fügte es sich, in Potsdam gab es nicht genügend Kühlwasser", berichtete sie aus dieser Zeit. Somit verlagerte sich die Suche nach einem Akw-Standort in Richtung Stendal und Elbe.

Überhaupt hatte Anita Tack durch die kundigen Fragen der Bernauer Fraktionschefin der Linken, Dagmar Enkelmann, ausreichend Gelegenheit, ihren Werdegang mit wichtigen Stationen darzustellen. In Dresden geboren, absolvierte sie eine Berufsausbildung mit Abitur als Mechanikerin bei Pentacon Dresden, dann folgte ein Studium in der Fachrichtung Stadtentwicklung in Weimar. Ihre erste Anstellung führte sie nach Potsdam. Eine Stadt, die ihr ähnlich miefig vorkam wie zuvor Weimar.

Weil sie ab 1987 als stellvertretende Vorsitzende der Bezirksplankommission in Potsdam Verantwortung trug, ihr aber die Parteihochschule und die Akademie fehlten, verabschiedete sie sich später zum ZK-Lehrgang (Zentralkomitee) nach Moskau. Diesen Aufenthalt - in der Sowjetunion wälzte gerade die Perestroika das Land um - schildert die Linken-Landtagsabgeordnete als "eine Zeit mit unglaublichen Nachrichten und Enthüllungen". Nach dem Jahr verabschiedete Michael Gorbatschow die Teilnehmer persönlich, sie erhielten ein Diplom und als Geschenk einen Wecker.

Nicht minder interessant: ihre Beschreibungen der Zeit unter Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) in Brandenburg. Aus der SED war bereits die PDS geworden, die Vereinigung zur Linken kam erst später. Stolpe hatte mit Regine Hildebrandt den "Brandenburger Weg" ausgerufen, von vielen als kleine DDR bezeichnet. "Bei der Bewältigung und Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit gab es damals schlimme Wörter, das war in Brandenburg nicht so der Fall. Stolpe hatte frühzeitig mit IM-Vorwürfen zu tun. Akzeptanz statt Ausgrenzung bestimmte das Verhältnis zur SPD", wusste Anita Tack zu berichten. Seit 1994 gehört sie dem Brandenburger Landtag an, von 2009 bis 2014 verantwortete sie das Ministerium für Umwelt, Verbraucherschutz und Gesundheit.

Spätestens ab dieser Station ranken sich ihre Beschreibungen um aktuelle Landespolitik. So kommt das Thema BER-Flughafen auf. "An der Erweiterung von Schönefeld hat schon die Interflug gearbeitet. Allerdings flächenmäßig in eine andere Richtung", heißt es beispielsweise. Und sie erinnert an Minister Klaus-Dieter Kühbacher, der für 650 Millionen D-Mark das Baufeld Ost gekauft habe, das aber niemand brauchen kann. "Aus dem 19. Jahrhundert gibt es ein Gesetz, das Minister und Staatssekretäre vor persönlicher Haftung schützt. Deshalb gibt es keine Mithaftung von Regierungsmitgliedern", erklärt Anita Tack, die sich trotz ihrer BER-Kenntnisse nicht auf einen Eröffnungstermin festlegen lassen möchte. "Er wird eröffnet, die Leute werden alles vergessen und kräftig feiern", so ihre Prognose.

Zur Kreisgebietsreform äußert sie sich auf Nachfrage der Zuhörer und räumt mit der Mär auf, derartige Reformen würden tatsächlich Geld oder Personal einsparen. "Wer damit rumrennt, das ist totaler Schnulli", macht sie klar und klärt auf, worum es aus ihrer Sicht wirklich geht. Nämlich um das Wachsen im Speckgürtel und das Schrumpfen in Regionen wie der Uckermark. "Dort verlieren wir Einwohner, und dieser Trend wird anhalten. Aber wir verfolgen die Gleichrangigkeit im Land, deshalb brauchen wir eine Kreisgebietsreform. Die Bevölkerung erwartet zu Recht eine gute Verwaltung, aber Vernetzung kostet eben."

Dagmar Enkelmann führt die ausstehende Funktionalreform ins Feld. "Liebe Anita, das ist doch bisher nur Kleckerkram, Aufgaben müssen doch mit Personal und Finanzen heruntergebrochen werden", fordert sie. Anita Tack beginnt ihre Antwort ebenfalls mit der Anrede "liebe Dagmar", um dann aber festzustellen, wie schwer es beispielsweise beim Hochwasserschutz sei, für künftige zehn Kreisverwaltungen Fachingenieure für Wasserbau zu finden. "Die Forderungen verstehe ich ja, aber es müssen doch auch Fachkräfte vorhanden sein, um die Aufgaben zu erfüllen." Nicht anders sei es bei anderen Landesbehörden wie beispielsweise den Immissionsschutzämtern.

So richtig unbequem wird es nur einmal während des gut zwei Stunden währenden Gespräches für Anita Tack. Dagmar Enkelmann fragt nach den Ideen, wie die Linken aus ihrem Umfragetief mit aktuell 15 Prozent Zuspruch im Land herauskommen wollen. "Das ist erschreckend für mich, ist das enkeltauglich", legt die Moderatorin fragend nach. Da lehnt sich Anita Tack erstmalig zurück, bläst demonstrativ die Backen auf und stellt zunächst fest: "Die Landespartei müsste selbstbewusster sein." Schwierig sei der Spagat als Regierungspartei einerseits und als Vertreter lokaler Interessen andererseits. "Wir müssen gegenseitig partizipieren und sollten nicht zwei Ebenen einziehen", rät Tack und fügt dann interessanterweise an: "Ich kann für Brandenburg keine Antwort geben. Ich nehme meine Verantwortung wahr."

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