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Literarischer Reiseführer der Borgsdorfer Autorin Roswitha Schieb macht Lust aufs Lesen und auf tschechische Kurbäder

Borgsdorfer Autorin schreibt Reiseführer

Schrieb öfter kulturhistorische Reisebücher: die Autorin Roswitha Schieb
Schrieb öfter kulturhistorische Reisebücher: die Autorin Roswitha Schieb © Foto: MZV
Heike Weißapfel / 17.02.2017, 11:38 Uhr
Borgsdorf/Böhmen (OGA) Was für ein Gedränge! Wer soll denn da etwas vom Abendkonzert am Kreuzbrunnen hören können? Wenn die Postkarte, die um 1900 für Marienbad entstanden ist, eine Werbung für das Bad sein sollte, ist da wohl was schiefgegangen. Doch vielleicht war es nicht immer überall so überfüllt. Oder soll es heißen: Alle Welt kommt nach Marienbad - und wer nicht, mit dem stimmt doch was nicht? Dann passt die Karte wieder. Wer Roswitha Schiebs literarischen Reiseführer über das Böhmische Bäderdreieck Karlsbad (Karlovy Vary) - Marienbad (Mariánské Lázne) - Franzensbad (Františkovy Lázne) liest, wäre zu den Hochzeiten dieser idyllisch gelegenen, mondänen Kurorte jedenfalls gerne mal dabei gewesen.

Goethe liebt die ganze Gegend, in der ihm mehrere Denkmäler gesetzt werden. In Marienbad soll er zum letzten Mal verliebt gewesen sein - in die junge Ulrike von Levetzow, die seinen Heiratsantrag zurückweist. Franz Kafka jammert in Marienbad, weil es ihm gesundheitlich schlecht geht, aber auch, weil er andauernd Ärger mit seiner Freundin Felice hat. Den Aufenthalt in Marienbad hält er aber auch kaum besser aus, als sie abgereist ist. Johannes Brahms trinkt 1896 in Karlsbad täglich um fünf Uhr morgens zwei Becher Schlossbrunnen und fühlt sich danach viel gesünder als er in Wirklichkeit ist. Marie von Ebner-Eschenbach dagegen hält von der Wunderkraft der Franzensbader Heilquellen nichts und findet für die berühmten Moor- und Wannenbäder vor allem satirische Zeilen.

Siegmund Freud und Johannes Brahms, Karl Marx, Egon Erwin Kisch und W. G. Sebald, Anton Dvorak und Friedrich Gilly, Jan Neruda, Klemens Metternich und Gustav Stresemann - ob Schriftsteller oder Komponist, Baumeister oder Staatsmann: alle fuhren sie ins Böhmische. Manche reisten viele Male in eines der Kurbäder, andere probierten alle drei aus, wieder andere verspotteten diejenigen, die auf die Heilkraft der Mineralquellen schworen oder starben sogar während der Kur.

Der Sprudel heißes Wasser, der in Karlsbad bis zu zwölf Meter hoch aus dem Erdinnern schießt, sorgte schon im Mittelalter für Faszination. Roswitha Schieb widmet Karlsbad, dem ältesten und geschichtsträchtigsten der drei Bäder, mit 130 Seiten den längsten Spaziergang. Der kann natürlich nach Belieben in Abschnitten unternommen werden. Auf 100 Seiten blättert die Borgsdorfer Autorin kenntnisreich Marienbads Licht- und Schattenzeiten auf. Dort wird beispielsweise 1933 der Schriftsteller und Gerichtsreporter Theodor Lessing von Nationalsozialisten ermordet.

Das wesentlich kleinere, nach seinem Förderer Kaiser Franz II benannte Franzensbad, wird nicht weniger akribisch recherchiert und anregend beschrieben. Mit literarischen Zeugnissen zeichnet Roswitha Schieb die Geschichte der Bäder nach, die sich im Laufe der Jahrhunderte und unter dem Druck unterschiedlicher Staatsformen und wechselndem Publikum stark verändert haben. Dazu gehört, dass eben auch in den Kurorten nicht nur auf den Promenaden und durch Trinkhallen flaniert oder fröhliche Weltpolitik verhandelt wurde, sondern das Land zuweilen auch zerrissen war. Gemälde vom regen Treiben zu den Spitzenzeiten, historische Fotografien und heutige Ansichten runden den Reiseführer ab. Die 1962 geborene Autorin mit Affinität zu Tschechien und zum alten Schlesien hat schon mehrere kulturhistorische Reisebücher veröffentlicht.

Bei der Vorstellung des Reiseführers in der Tschechischen Botschaft in Berlin in dieser Woche genossen mehr als 200 Gäste sogar ein wenig musikalisches Kurbadflair. Das Salonorchester "Berliner Melange" spielte Werke von Johann Strauß sowie Joseph Labitzky und dessen Sohn August, wie sie um 1840 in den Bädern erklungen sind. Die zur Präsentation anwesende, in Franzensbad geborene Dichterin Alena Vávrová bezeugte, wie wichtig Literatur in ihrem Heimatort heute wieder ist. Sie war Mitinitiatorin des seit 1982 stattfindenden Wettbewerbs "Literarisches Franzensbad" für Nachwuchsdichter. Zwei Experten haben zu dem Buch beigetragen: Tanja Krombach, die stellvertretende Direktorin des Deutschen Kulturforums östliches Europa, und Václav Petrbok, der am Institut für tschechische Literatur an der Prager Karlsuniversität lehrt. Er stellte am Abend dar, wie tschechische Autoren die Kurorte beschrieben haben.

Das Buch macht Lust auf die Literaten wie auf die Orte. Es ist ja keiner gezwungen, im Gehen zu lesen: Mit Roswitha Schiebs Reiseführer die Karlsbader Sonne am Sprudel oder vom Dreikreuzberg aus genießen, in Marienbad neben der "singenden Fontäne" an der Kolonnade zu sitzen oder in Franzensbad im Kurpark auf einer Bank zu schmökern -wie schön!

Roswitha Schieb: "Literarischer Reiseführer Böhmisches Bäderdreieck", unter Mitarbeit von Tanja Krombach und Václav Petrbok, Deutsches Kulturforum östliches Europa, 361 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-936168-59-4.

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