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Das Aroma guter Geschichten

Auf Papier gebannter Genuss: Für die Bloggerin Katharina Höhnk sind Kochbücher wie Romane.
Auf Papier gebannter Genuss: Für die Bloggerin Katharina Höhnk sind Kochbücher wie Romane. © Foto: Christine Kisorsy
Inga Dreyer / 17.02.2017, 14:13 Uhr
Berlin (MOZ) Liebe geht durch den Magen, heißt es. Aber die Liebe zum Essen geht nicht nur durch den Bauch. Wenn Katharina Höhnk über ihre Leidenschaften spricht, wird klar: Hier geht es um mehr. Sehen, riechen, schmecken, fühlen. Die Berliner Kochbuch-Bloggerin liebt frische Zutaten, vielfältige Aromen und neu entdeckte Rezepte beim Kochen genauso wie schön gemachte Bücher, die zum Lesen, Angucken und Anfassen einladen.

In Kochbüchern gehen Genuss und Fantasie eine Verbindung ein, die die 47-Jährige seit ihrer Kindheit faszinieren. Damals, in einem Dorf mit sechs Häusern zwischen Bremen und Bremerhaven, saß sie gerne mit ihrer Familie auf dem Sofa. Gemeinsam blätterten sie in Kochbüchern und redeten über Rezepte. Und schon seinerzeit sah sie in ihnen mehr als Anleitungen für etwas, das einfach nur satt machen sollte.

Dabei waren vor allem deutsche Kochbücher damals noch anders als heute: traditioneller, weniger inspirierend und verspielt, erzählt Katharina Höhnk. Seit zehn Jahren rezensiert sie auf ihrem Internetblog Neuerscheinungen - inzwischen mit einem Team von Autoren. Mit dem Mix aus lebendigen Rezensionen, Rezepttipps sowie Interviews trifft Höhnk offensichtlich einen Nerv. Etwa 100000 sogenannte Unique Visitors hat die Seite pro Monat, also Zugriffe von so vielen unterschiedlichen Internetadressen.

Dass es so weit kommt, habe sie nicht gedacht, verrät die Bloggerin. Inzwischen klinge das fast alltäglich, "einen Blog betreiben". Doch vor zehn Jahren war das neu und aufregend. Sie wollte einfach etwas ausprobieren. "Das war reine Spielerei."

"Blog" setzt sich zusammen aus den Begriffen Web (Internet) und Log (aufzeichnen, protokollieren) und bezeichnet so etwas wie ein Online-Tagebuch. Auch, wenn diese Konnotation vielen Blogs inzwischen abhanden gekommen ist - bei Katharina Höhnk stimmt das noch. Vielleicht ist sie auch deswegen so erfolgreich, weil sie Geschichten erzählt. "Klassisches "Storytelling' würde man heute sagen", erläutert sie.

Nicht nur Kochen selbst ist im Trend - auch die Beschäftigung mit dem Thema. Beim Kochbuch-Blog ist es ähnlich wie bei Magazinen zum Landleben, die von Städtern gekauft werden, um sich aufs Land zu träumen - und nicht, weil sie jemals einen Fuß dorthin setzen würden. Viele Menschen lesen einfach gerne Rezepte und betrachten Bilder. Das funktioniere wie bei Gemälden im Museum, sagt Katharina Höhnk. "Das ist schon ein Genuss an sich." Und wer gerne koche, könne Rezepte schmecken lernen. So ähnlich, wie Musiker beim Notenlesen Musik hören.

Aber auch die Praktiker unter den Rezepte-Lesern spricht der Blog an. Bevor ein Buch rezensiert wird, probieren Katharina Höhnk und ihr Team mindestens fünf Rezepte daraus aus.

Beruflich kommt die Berlinerin, die zurzeit als digitale Produktmanagerin bei der Funke Mediengruppe arbeitet, aus einem ganz anderen Bereich. Sie hat Jura studiert und sich dabei auf Strafrecht und Urheberrecht spezialisiert. Bei dem Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach war sie als Referendarin tätig. Der erzählerische Aspekt eines Strafprozesses habe ihr damals schon gefallen, berichtet sie.

Einen Besuch bei der Frankfurter Buchmesse beschreibt sie als "Erweckungserlebnis". Von diesem beruflichen Milieu fühlte sie sich angezogen. So ging sie zur Klett Gruppe und arbeitete dort als Produktentwicklerin von Fachbüchern für Kultureinrichtungen. Ihr Mann, der als Webdesigner arbeitet, bloggt schon lange über Architektur. Die Faszination für die neuen Möglichkeiten sprang auf seine Frau über. Das logische Denken habe sie auch am Jurastudium schon gereizt, sagt Katharina Höhnk über die Informationsarchitektur im Web. "Man konnte plötzlich publizieren, ohne eine Druckerpresse zu haben." Gleichzeitig war da der Wunsch, etwas Eigenes zu erfinden, ein Produkt zu kreieren. Dass es um Kochbücher gehen sollte, war schnell klar.

So ein Projekt neben dem Job aufzuziehen kostet viel Zeit. Der Blog ist ein bisschen wie ihr zweites Kind - nicht nur dem Namen nach. Valentina war auf Platz zwei der Lieblingsnamen für ihre heute 13-jährige Tochter Mathilde. Einen Tag in der Woche reserviert die Bloggerin ganz für Valentina.

Inzwischen schreiben 20 Autoren regelmäßig für "Valentinas Kochbuch", und zwei freie Mitarbeiter kümmern sich um die redaktionelle Aufbereitung der Inhalte. "Ich hatte recht schnell die Idee, nicht alleine Rezensionen schreiben zu wollen. Die Vielstimmigkeit ist das Interessante." Jede und jeder ihrer Autoren habe andere Ideen und einen anderen Schreibstil. Teilweise sind es Menschen, die Katharina Höhnk über das Internet kennengelernt hat, andere auch persönlich - wie die Mutter einer Freundin ihrer Tochter. Ob Archäologin, Stadtführerin, Orientwissenschaftlerin, Juristin, Journalistin, Seminarleiterin oder Bibliothekar: Das Kochen verbinde ganz unterschiedliche Menschen. Alle Rezensenten schreiben aus reiner Freude in ihrer Freizeit.

Denn trotz der hohen Nutzerzahlen: Mit einem Blog Geld zu verdienen ist schwierig. Sogenannte Advertorials, mit denen Werbung als redaktionelle Beiträge verpackt werden, will Katharina Höhnk nicht nutzen. So etwas verunsichere die Leser.

2015 hat sie eine Paywall, eine Bezahlschranke, eingeführt. Eine heikle Angelegenheit. Katharina Höhnk erzählt, sie sei mit der Einstellung herangegangen: "Entweder klappt es oder das war's". Es klappte. "Es sind viele Stammleser mitgekommen." Ein paar Artikel kann jeder Nutzer umsonst lesen, für 2,50 Euro pro Monat oder 19,50 Euro im Jahr kann man für das gesamte Angebot einen Zeitpass erwerben.

Kochen und Bücher faszinieren Katharina Höhnk auch zehn Jahre nach dem Start des Blogs. "Die Leidenschaft für dieses Thema bleibt." Kochen ist für sie ebenso ein Grundbedürfnis wie Essen. "Ich muss kochen, weil ich so gerne esse und nicht irgendwas essen kann", sagt sie lächelnd. Ein gutes Kochbuch sei für sie wie ein Roman. Kochbücher schafften es, alle Möglichkeiten des Mediums auszukosten: Fotos, Layout, aber auch die verständliche Aufbereitung der Rezepte und die Geschichte drumherum. Als gelungenes Beispiel nennt sie das im Brandstätter-Verlag erschienene Buch "Love Kitchen" von Eschi Fiege und Vanessa Maas.

Früher habe sie vor allem für englischsprachige Autoren wie Nigel Slater und Diana Henry geschwärmt, aber auch auf dem deutschen Markt gäbe es immer mehr tolle Bücher. Dafür sprechen auch die Zahlen: Allein im Jahre 2015 sind nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels mehr als 2100 Bücher im Bereich Essen und Trinken erschienen. In dieser Gruppe sind Themenkochbücher die größten Umsatzbringer.

Aus den Neuerscheinungen trifft Katharina Höhnk eine Vorauswahl. Die Rezensenten suchen sich dann Bücher aus, die sie interessieren. Ihr selbst machen im Moment die koreanische und die chinesische Küche besonderen Spaß, erzählt die Bloggerin. Aber auch Trends aus der vegetarischen und veganen Küche seien derzeit beliebt - etwa Bowls, bei denen verschiedene Komponenten in einer Schüssel angerichtet werden. Gerade für den Winter zu empfehlen seien Knochenbrühen, die sechs bis zehn Stunden gekocht haben. "Das ist abends eine Wohltat, so eine Brühe zu essen", erzählt sie.

Menschen vorzuschreiben, was und wie sie essen sollen, davon hält sie nichts. Genauso wenig wie von übertriebenem Gesundheitsdenken. Wenn man selber kocht, sei das automatisch gesund, sagt sie. Denn dann fange man an, sich Gedanken über die Zutaten zu machen: "Kochen beginnt beim Einkauf." Das müsse nicht teuer sein. "Man kann schlicht und gut kochen." Dafür sei etwa die italienische Küche genial. Und je mehr Erfahrung man habe, desto sparsamer koche man und desto weniger werde weggeworfen.

Aber klar, man muss sich Zeit nehmen. Am Wochenende auf den Markt gehen und mehrere Geschäfte abklappern - das gehört für Katharina Höhnk dazu. Beim Kochen hält sie sich gerne genau ans Rezept: "Ich möchte dann eins zu eins die Idee eines tollen Autors nachkochen."

valentinas-kochbuch.de

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