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Stefan Kegel und Guido Bohsem 20.02.2017 08:22 Uhr - Aktualisiert 22.02.2017 14:46 Uhr

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MOZ-Interview zur Wahlforschung: Schulz hat den Knoten gelöst

Berlin (MOZ) Die Politik ist süchtig nach Umfragen. Auch die Medien berichten groß über immer neue Zahlen. Doch führten viele Umfragen zuletzt in die Irre. Guido Bohsem und Stefan Kegel sprachen mit dem Politikwissenschaftler Thorsten Faas über die Lage bei den Meinungsforschern.

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Die Demoskopen besser lesen lernen: Der Mainzer Politologe Thorsten Faas glaubt, dass die Umfragen zu Wahlergebnissen einen fälschlich präzisen Eindruck vermitteln

© dpa

Herr Faas, wir wollen eine Einschätzung widerlegen, die sie vor nicht allzu langer Zeit getroffen haben…

Legen Sie los.

Sie sagten, die SPD stehe in Umfragen so schlecht da, weil die Leute ihr Hartz IV und andere Einschnitte nicht verzeihen. Dann kam Martin Schulz.

Es ist jetzt anders, weil mit Martin Schulz ein Kandidat da ist, der nicht für die Agenda-Politik steht, der auch nicht in die große Koalition eingebunden ist. Politisch sind Schulz und Sigmar Gabriel gar nicht weit auseinander. Doch hat Gabriel ein Glaubwürdigkeitsproblem, und Schulz hat das nicht, auch weil man ihn noch nicht so gut kennt.

Haben die Leute Gabriel nicht getraut, der SPD aber schon?

Die Verwurzelung der SPD in der Bevölkerung war immer größer als ihre Umfragewerte. Die SPD hat es lange Zeit nicht geschafft, dieses Potenzial zu heben. Diesen Knoten scheint Schulz gelöst zu haben.

Gelöst? Die Werte schießen geradezu nach oben. Wie kommt das?

Schulz erzeugt eine gute Stimmung in der SPD und bei ihren Anhängern, und die Umfragen belegen, dass die Stimmung tatsächlich gut ist. Das zusammen erzeugt ein Momentum, das wiederum von neuen Umfragen verstärkt wird. Und Schulz hat zwei Wochen gehabt, in denen er ohne Gegenwind gefeiert wurde. Das war für die SPD und für ihn wertvolle Zeit.

Kann sich die SPD auf die Zahlen verlassen?

Im aktuellen Politbarometer beträgt die politische Stimmung für die SPD 42 Prozent. Das sind die gemessenen Rohdaten. Würden deshalb auch 42 Prozent SPD wählen? Wissen wir nicht. Vielleicht gab es methodische Probleme bei der Umfrage. Vielleicht entscheiden sich viele Menschen um, wenn tatsächlich am Sonntag Wahlen wären. Aber es zeigt erst mal, was für die SPD möglich ist.

Die Umfragen lagen zuletzt oft daneben. Ist die Demoskopie in einer Krise?

Wenn wir uns die falschen Ergebnisse der Umfragen zur AfD 2016 und zu Trump anschauen, dannscheint es ein Problem zu geben.

Wo liegt das Problem?

Es geht vor allem um die sogenannten scheuen Wähler. Diese wollen entweder nicht an der Umfrageteilnehmen oder sie sagen nicht die Wahrheit auf die Frage, wen sie denn wählen würden. Und so entstehen Ergebnisse, die am Wahlabend viel höher liegen als vorher auf der Basis von Umfragen erwartet. Wenn eine Umfrage 1000 oder 2000 Befragte ausweist, wissen wir nicht, wie viele tatsächlich zunächst eingeladen wurden, um letztlich auf diese Befragtenzahl zu kommen. Darüber reden die Institute nicht gerne, obwohl es eine wichtige Information wäre.

Wird diese Gruppe größer?

Die Zahl der Nichtteilnehmer nimmt zu. Eine längerfristig angelegte wissenschaftliche Studie zeigt, dass die Teilnahmequote zwischen 2005 und 2013 von 38 auf 16 Prozent gefallen ist. Die Ursachen dafür sind unklar. Aber es wird schwieriger, die Leute zu motivieren.

Es gab in den USA Institute, die besser waren. Warum?

Es gibt allenfalls leichte Hinweise darauf, dass die Online-Umfragen besser waren. Vielleicht haben sich die Trump-Wähler daran aktiver und ehrlicher beteiligt. Aber ich fürchte, die abschließende Antwort darauf steht noch aus.

Erhalten wir überhaupt noch realistisches Abbild der Stimmung in der Bevölkerung?

Wenn Sie ein wirklich repräsentatives Abbild der gesamten Bevölkerung zeichnen wollen, entsteht durch eine zunehmende Verweigerung bei Umfragen ein Problem. Es kann ein Zerrbild der öffentlichen Meinung entstehen.

Sollte man den Anteil der Nichtwähler ausweisen?

Das wird zum Teil gemacht. Allerdings liegen die Werte für die Nichtwähler in den Umfragen dann im einstelligen Bereich. Und das ist nun definitiv nicht realistisch.

Muss die Branche um ihr Renommee fürchten?

Mehr Offenheit würde ihr sicherlich nicht in dem Maß gefährlich werden wie die Institute das befürchten. Im Gegenteil, es würde sich zeigen, wie schwierig dieses Geschäft ist und wie gut die Institute es in normalen Zeiten beherrschen.

Werden umgekehrt die Ergebnisse der Umfragen wenigstens richtig verstanden?

Weder Politik noch Medien oder Bürger haben bislang einen Weg gefunden, die Unsicherheiten von Umfragen angemessen zu vermitteln und darauf zu reagieren. 2013 bei der Bundestagswahl hieß es beispielsweise morgens in den Medien, die FDP kriegt sechs Prozent. Tatsächlich waren es dann 4,8 Prozent. Vielleicht war die Umfrage trotzdem richtig, aber eben ein Signal, dass es nicht nötig ist, für die FDP zu stimmen, weil sie es schon schaffen würde.

Wie sollte man sie stattdessen lesen?

Als Werte mit einer Bandbreite von plus/minus zwei bis drei Prozentpunkten. Bei kleinen Parteien ist sie etwas kleiner als bei größeren.

Könnte man nicht einfach einen Durchschnitt bilden?

Es gibt Prognosemodelle, die so arbeiten. Eine Garantie für bessere Ergebnisse sind sie aber nur, wenn die Fehler in den Umfragen nur zufallsbedingt auftreten. Wenn aber alle beispielsweise die AfD systematisch unterschätzen, liegt auchdieser Ansatz daneben.

Wenn die Demoskopen immer weniger wissen, wie die Leute ticken – wie kann es den Parteien denn gelingen?

Um Leute zu erreichen, die sie nicht über ihre üblichen Wege mobilisieren können, müssen sie neue Wege suchen – vom Haustür-Besuch bis zum Social-Media-Kontakt. In den USA werden die so erzielten Ergebnisse sehr intensiv von den Parteien ausgewertet. Oft haben die Parteien mehr Daten denn je. Es ist aber keineswegs einfacher geworden, aus ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Den Medien stehen diese Mittel nicht zur Verfügung ...

Das stimmt. Aber auch Medien haben Mittel und Wege, auch jenseits von Umfragen etwas über die Stimmung in der Bevölkerung zu erfahren. Viele US-Journalisten, die mit Donald Trump durchs Land gefahren sind, berichteten von einem Gespür, dass Trump eine gute Chance habe zu gewinnen.

Hat die Politik noch eine Idee davon, wie das Volk tickt?

Das Volk gibt es nicht. Wir sollten uns vor allem von der Vorstellung verabschieden, dass sich alle für Politik interessieren. Durch die neuen Medien kann man das Thema „Politik“ inzwischen gänzlich umgehen. Bei den meisten taucht Politik doch gar nicht in ihrem Facebook-Account auf. Die Debatte um die gefälschten Nachrichten auf Social Media betrifft tatsächlich nur einen kleinen Teil der Wählerschaft.

Die Leute sind heute nicht politischer als früher?

Nein. Sie bewegen sich aber in einem anderen Umfeld. Es ist weniger der Stammtisch, wo gleichlautende Meinungen ausgetauscht werden, sondern immer mehr das Netz – mit der Tendenz, dass bestehende Grundhaltungen nochmal verstärkt werden. Ein echter Diskurs über Lager hinweg wird schwieriger.

Die SPD versucht mit dem Thema soziale Gerechtigkeit zu mobilisieren. Kann das funktionieren bei steigenden Löhnen und Renten und einem boomenden Arbeitsmarkt?

Wir wissen, dass Wähler nicht unbedingt egoistisch denken. Das eigene Einkommen ist nicht die stärkste Motivation. Sie nehmen einen größeren Kontext wahr, beobachten, wie es Nachbarn oder Bekannten geht. Es kommt auf das größere Bild an.

Und trotzdem könnte man sagen, es geht Deutschland gut.

Das stimmt, es gibt aber auch andere Darstellungen. Ganz unbestreitbar herrschen ja große Unterschiede zwischen Arm und Reich. Ob die Schere nun weiter aufgeht oder nicht, spielt gar keine so große Rolle. Soziale Gerechtigkeit war schon immer ein Thema für die SPD. Seit der Agenda 2010 war sie damit aber offensichtlich nicht glaubwürdig. Mit Schulz ändert sich das gerade. Er wird ein unbequemer Gegner für Frau Merkel.

Welche Koalition wird ab Herbst regieren und welches Institut wird die Zahlen am besten vorhersagen?

2013 lag der Anteil der Wähler, die sich erst in der letzten Woche oder gar am letzten Tag für eine Partei entschieden haben, bei 40 bis 50 Prozent. Daher kann ich die Fragen nicht seriös beantworten.

ZUR PERSON

Thorsten Faas (41), geboren in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz), ist seit 2012 Professor für Politikwissenschaft im Bereich "Empirische Politikforschung" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er studierte Politologie in Bamberg und London und promovierte 2008 an der Universität Duisburg-Essen über Erfahrungen von Arbeitslosigkeit und ihre politischen Folgen in Ost- und Westdeutschland, bevor er von 2009 bis 2012 als Juniorprofessor an der Universität Mannheim lehrte. Faas wohnt in Stuttgart, ist verheiratet und hat eine Tochter.

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