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200 Werke des Museums Junge Kunst werfen im Cottbuser Kunstmuseum ihre "Schlaglichter"

Im Mahlstrom der Geschichte

Thomas Klatt / 21.03.2017, 06:00 Uhr
Cottbus (MOZ) Was war wann in der Kunst der DDR und in Ostdeutschland? An einer Antwort versuchen sich die drei großen Institutionen in Frankfurt, Cottbus und Beeskow mit einer gemeinsamen Ausstellung an unterschiedlichen Orten. Das Frankfurter Kunstmuseum zeigt in Cottbus 200 Werke aus seiner Sammlung.

Da hängen sie fast friedlich nebeneinander. Der "rote" Willi Sitte und der Leipziger "Wilde", Volkmar Stelzmann. Bernhard Heisig, der wohl wichtigste Vertreter der Leipziger Schule und Clemens Gröszer, der sich am Otto Dix der 20er-Jahre orientiert. Ebenso wie die Computergrafiken von Horst Bartnig und die Plastik "Jugend, Baumeister der DDR" von Walter Arnold aus dem Jahr 1952.

Die Ausstellung "Schlaglichter", die in den drei Standorten Frankfurt, Cottbus und Eisenhüttenstadt unter gleichem Namen zu sehen ist, zeigt das Beste, was die drei Häuser (Junge Kunst Frankfurt, Kunstarchiv Beeskow und Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus) erworben haben. Dass sie dabei an Oder und Spree entlang auf Wanderschaft gehen, soll ein erster Schritt der Annäherung sein - auf dem Weg hin zu einer Fusion der Häuser in Cottbus und Frankfurt. Am Ende dieses Prozesses steht ein wohl einzigartiges Kunstmuseum, das die größte und wichtigste Auswahl von ostdeutscher Kunst präsentieren wird - Kunst der DDR in ihren unterschiedlichsten politischen und künstlerischen Aspekten selbstredend eingeschlossen.

Wanderschaft heißt in diesen Wochen: Etwa 200 Werke aus der Frankfurter Sammlung mit ihren 11 000 Exponaten, sind jetzt in Cottbus mit 108 Künstlern aus sechs Generationen zu sehen. Dort stoßen sie bei Fachleuten und Besuchern auf positive Resonanz mit Überraschungseffekten. Das mag daran liegen, dass zum ersten Mal Frankfurter Kunst in dieser Form so großzügig in sechs Räumen präsentiert werden kann - mit einem schlüssigen Konzept, das historische Hintergründe berücksichtigt und einordnet.

Dem Frankfurter Museums-Chef Armin Hauer ist wichtig: Die Ausstellungshängung reagiert mit dem Prinzip des stilistisch und kunsthistorisch "Gleichzeitig-Ungleichzeitigem". Dadurch gerieten kulturpolitische und finanzielle Aspekte stark in den Fokus. Aspekte, die wohl bisher in den beiden Frankfurter Häusern aus Platzgründen untergingen: Wann war welcher Ankauf möglich? Wie sah zum Beispiel das Sammlungskonzept in der DDR und nach 1990 aus? So nennt Hauer die Werke aus der Mitte 70er-Jahre "Der Mensch im Mahlstrom der Geschichte und seine soziale Verortung" - wieder ist das Ankaufsdatum wichtigfür die Zusammenhänge.

Dabei hat Frankfurt den Vorteil, dass das Haus seit seiner Gründung 1964 bis heute ausschließlich Bildende Kunst vereint und mit einer üppigen Sammlung glänzen kann. In den sechs Cottbuser Ausstellungsräumen, deren Namen auf die Historie des Hauses bezugnimmt und die zum Beispiel "Schalthaus" (S 1 bis 3) und "Maschinenhaus" (M 1 bis 3) heißen, kommt es zu ungewöhnlichen Konstellationen. Grafiken von Käthe Kollwitz hängen neben einem sozialistischen Arbeiter von Willi Neubert, beide 1965 erworben. So kommt auch das Nonnenporträt von Cornelia Schleime mit einer abstrakten Gouache von Eberhard Göschel zusammen.

Hauer muss bei seiner Cottbuser Führung mit Lausitzer Kunstfreunden immer wieder Fragen beantworten. Es kommt zu regen Diskussionen. Hauer erinnert es an seine Studentenzeit, als es bei Führungen durch Dresdner Kunstaustellungen oftmals beim Publikum zu Debatten über Politik, Kultur und den Alltag kam. Etwas Besseres kann wohl einer Ausstellung nicht passieren. Über einen Zeitraum von 1964 bis 2006 ausgewählt, sind in Cottbus große Namen vertreten, von denen nur einige genannt sein sollen: Max Klinger, Georg Grosz, Gerhard Altenbourg, Neo Rauch, Werner Tübke, Hermann Glöckner, A. R. Penck, Karl Völker und Albert Ebert.

In der großzügig und "luftig" präsentierten Sammlung in Cottbus wird aber auch eins klar: Mit der immer etwas düster wirkenden Rathaushalle und dem Packhof ist die Sammlung eher unterrepräsentiert. Nicht alles passt zur Rathaus-Gotik, wenn auch der Standort mit seinem freien Platz davor "atmen" lässt. Die Frage nach einem weiteren Ausstellungsort für eine der spannenden Sammlungen von Ost-Kunst rückt näher. Und die Frage, warum es nicht möglich sein sollte, alle zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um das Frankfurter alte Kino neu zu beleben als einen Ort der Kunst.

"Schlaglichter"-Sammlungsgeschichten. Kunstmuseum Cottbus dkw. Rathaushalle und Packhof Frankfurt, Dokuzentrum für Alltagskultur Eisenhüttenstadt. Alle bis 17. April. Über Ostern geöffnet.

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