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Die Sonnenscheinkinder

Haben Spaß gemeinsam: Bernd und Peggy Wöhlke, hier mit Lisa-Marie (7) und Marlon (4), zwei ihrer drei Kinder. Marlon hat das Down-Syndrom, die Behinderung war bereits während der Schwangerschaft bei der Pränataldiagnostik festgestellt worden.
Haben Spaß gemeinsam: Bernd und Peggy Wöhlke, hier mit Lisa-Marie (7) und Marlon (4), zwei ihrer drei Kinder. Marlon hat das Down-Syndrom, die Behinderung war bereits während der Schwangerschaft bei der Pränataldiagnostik festgestellt worden. © Foto: Andreas Gora
Viola Petersson / 21.03.2017, 06:50 Uhr
Eberswalde (MOZ) Mélanie Ségard hat sich einen Traum erfüllt. Vorige Woche durfte die 21-Jährige mit Down-Syndrom im französischen TV als Miss Météo die Wetteraussichten präsentieren. Millionen Zuschauer waren begeistert. Viele andere Betroffene, wie der Eberswalder Marlon (4), stehen nicht im Rampenlicht.

"Wir sind nicht betroffen", sagt Bernd Wöhlke (50), der Vater des quirligen Marlon, sogleich. Denn es sei eine bewusste Entscheidung für dieses Leben gewesen, damals vor fünf Jahren. Klar, zunächst war es ein Schock, als das Ehepaar, bereits zweifache Eltern, von der Diagnose erfuhr. Im fünften Schwangerschaftsmonat. Vor allem die Art und Weise, wie die Ärzte über die Ergebnisse der Gen-Untersuchung und Tests informierten, habe sie erschüttert, erinnert sich Peggy Wöhlke (44) noch genau. Unter anderem war davon die Rede, dass sie - eben aufgrund der Behinderung und eines bereits festgestellten Herzfehlers - noch bis zum sechsten Monat abbrechen könne.

Eine Woche haben sie sich gegenseitig gegeben, um die Nachricht zu verarbeiten - und dann gemeinsam eine Entscheidung zu treffen. Sie waren hin- und hergerissen. "Wir wussten vom Herzfehler. Aber was möglicherweise noch alles an Problemen auf den Kleinen und uns zukommen würde - das konnte niemand sagen", beschreibt Peggy Wöhlke die Gefühlslage zu jener Zeit. Was ist richtig, was falsch?

Und während sie und ihr Mann von ihrem inneren Kampf damals erzählen, kommt Lisa-Marie herein. Die Siebenjährige, die mittlere der drei Wöhlke-Kinder, will einen Tanz zeigen. Mutter Peggy soll die Musik starten. Lisa-Marie bewegt sich zur Melodie, hüpft. Und prompt ist Marlon dabei. Er ahmt die Schritte und Bewegungen seiner Schwester nach. Und hat sichtlich Freude daran. "Sehen Sie, das ist es. Dieses Lachen, dieser Spaß", sagt Peggy Wöhlke. Das sei die Bestätigung: Ja, sie haben die richtige Entscheidung getroffen.

"Marlon versucht seiner Schwester alles nachzumachen", fügt der Vater hinzu. Das sei mitunter nicht nur lustig anzuschauen. Auf diese Weise lerne Marlon eben auch ganz viel, haben die Eltern festgestellt. Doch was gab damals, in der Schwangerschaft, den Ausschlag bei der Entscheidung? "Es war das Ultraschallbild", sagt Peggy Wöhlke. "Er sah einfach so süß aus." Die ersten Monate nach der Geburt waren jedoch alles andere als ein Zuckerschlecken. Wegen des Herzfehlers, der für viele Down-Syndrom-Kinder typisch ist und der nach sieben Monaten operativ behoben wurde, bekamen Wöhlkes für ihren Kleinen ein Überwachungsgerät. "Und wir mussten, um für den Notfall gerüstet zu sein, einen Reanimationskurs belegen." Das sei der "pure Stress" gewesen.

Glücklicherweise habe Marlon die OP gut überstanden und sich schnell erholt. "Im Dezember waren wir wieder zur Kontrolle. Alles in Ordnung. Wir müssen jetzt nur noch einmal im Jahr zum Kardiologen." - "Marlon ist eigentlich ein ganz normaler vierjähriger Junge", sagt der Vater mit Blick auf den Wirbelwind. Fast. Natürlich seien da die Entwicklungsrückstände, erst mit drei Jahren habe der Sohn Laufen gelernt, er spreche nicht, gerade habe er mit der Logopädie begonnen, ergänzt Peggy Wöhlke. "Er ist auf dem Stand eines Zweijährigen."

Klar, das Leben mit einem behinderten Kind sei mit Einschränkungen verbunden. Beruflich etwa. Und um vieles müsse man kämpfen. Um Therapien. Oder um die Anerkennung des Handicaps. "Wegen des Grades der Behinderung mussten wir vor dem Sozialgericht klagen. Drei Jahre hat es gedauert", berichten die Eltern, die am Ende obsiegten. Das koste Kraft und Nerven, wobei das Ehepaar auch viele positive Erfahrungen in puncto Förderung und Resonanz gemacht hat. Das Leben mit Marlon sei aber auch und vor allem eine Bereicherung. "Man lebt viel intensiver", sagt Bernd Wöhlke. Was kommt, wissen die Eltern nicht. Sie leben mehr im Hier und Jetzt. Mut gibt ihnen Marlon selbst. "Wenn er lacht, dann lacht er mit dem ganzen Körper", sagt Mutter Peggy. "Während Lisa-Marie morgens immer ein paar Anlaufschwierigkeiten hat, ist Marlon schon früh gut gelaunt und strahlt einen an." Und mit einem Lachen geht es auch in die Kita.

In Eberswalde gibt es eine Selbsthilfegruppe von sechs, sieben Familien mit Down-Syndrom-Kindern: die Gruppe "Sonnenscheinkinder". Silke Ahlgrimm, Mutter eines 13-jährigen Jungen mit Trisomie 21, leitete bislang die Gruppe. Zurzeit gebe es leider keine Treffen, bedauern Wöhlkes. Denn man habe keinen Treffpunkt, keinen Raum. Dabei sei der Austausch sehr hilfreich. Gerade für junge Familien.

Wer der Selbsthilfegruppe "Sonnenscheinkinder" helfen möchte, kann sich unter Tel. 0152 02872629 melden.

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