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Uwe Stiehler 07.04.2017 18:42 Uhr

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Auf der Schulter von Riesen

Biesenthal (MOZ) Als Kind stellte sich Friedrich B. Henkel vor, die Hügel und Felsen der Rhön seien Riesen, auf denen er herumturnte. Er hatte eine Landschaft voller großer Kumpel vor Augen und unter den Füßen. So ein Zauber geht nicht verloren, selbst wenn man nicht mehr an ihn denkt. Als er nach Jahrzehnten wieder in das Landschaft seiner frühen Jahre zurückkehrte, erinnerte er sich, was er längst vergessen glaubte. Wie die Höhen und Täler zu Figuren werden, wie sich die Landschaft in einen Körper verwandelt. Von diesen Metamorphosen, die sich in ihm abspielen, erzählt der Bildhauer nun in einer kleinen Ausstellung im Kulturbahnhof in Biesenthal. "Landschaften. Metamorphosen" heißt die Schau lakonisch.

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Bildhauer Friedrich B. Henkel in seiner Ausstellung im Kulturbahnhof Biesenthal

© MOZ/Uwe Stiehler

Sie zeigt, wie sein Schaffen seit Jahrzehnten um das Thema Landschaft kreist. Er sagt, er fühle sich als Multiplikator, der anderen von Dingen erzählen möchte, die er auf seinen Reisen gesehen hat. Ohne sich aufs reine Abbilden beschränken zu wollen. Kunst, sagt er, müsse darüber hinaus und dem Gesehenen einen neuen Ausdruck geben.

An der Frage, wie sich die Empfindung für und die Verbundenheit mit einer Landschaft darstellen lässt, war Henkel zunächst gescheitert. Seine ersten beiden Radierungen, in denen er die Rhön fassen wollte, seien ihm misslungen, sagt er. Aber als er beim dritten Versuch die Landschaft mit einem weiblichen Torso verschmelzen ließ, der sich für ihn aus der Topografie abhob, hatte er seinen Weg gefunden. Das ist nun 51 Jahre her. Veröffentlicht ist das Blatt in einem großformatigen, gerade im Lukas Verlag erschienenen und das gesamte Schaffen Henkels abbildenden Katalog. Ein hervorragendes Kompendium über einen der wichtigsten Bildhauer Ostdeutschlands - der die Figur gestalten wird, mit der dieses Jahr die Gewinner des Kunstpreises der Märkischen Oderzeitung ausgezeichnet werden.

Was der neue Katalog auf knapp 300 Seiten ausbreitet, ist in Henkels aktueller Ausstellung sehr verdichtet zu beobachten: Wie der Künstler in seinen Skulpturen und Steingüssen die Sinnlichkeit, die Verträumtheit und die Verletzlichkeit von Landschaften darstellt. Und wie umgekehrt Körper zurückfließen in die Urstromtäler und sich in die Endmoränen einbetten, denen sie für die kurze Spanne eine Menschenlebens entstiegen sind. Die von der Eiszeit geformte Gegend um Biesenthal ist für Henkel sehr wichtig geworden, seit 1970 etwas abseits in Wullwinkel von einem Kollegen ein winziges Sommeratelier übernahm, eine schöpferische Einsiedelei mit Panoramablick Anhöhen und Vertiefungen, die sich vor seinen Augen in schlafende Riesen verwandeln oder Riesinnen.

Seit mehr als 40 Jahren breiten sich die Biesenthaler Metamorphosen in Henkels Oeuvre aus. Erst er sie nur gezeichnet, dann auch modelliert. Beides sieht man in der Ausstellung, die auch etwas von seinen Reisen und seinem Gewordensein erzählt.

Aus seinen kubisch zergliederten Biesenthaler Landschaftsfiguren schimmert etwas von Theo Balden durch, der ihn im Grundstudium an der Hochschule in Berlin-Weißensee unterrichtete. Das Schicksal beschenkte Henkel, Jahrgang 1936, mit mehreren Lehrern und Mentoren dieses Formats: Waldemar Gzimeck, Fritz Cremer und Gerhard Marcks. Voller Hochachtung und Warmherzigkeit schreibt er üben er sie selbst auf den letzten Seiten des Katalogs. Sie haben ihn gelehrt, wie wichtig künstlerische Tradition ist und dass ein Künstler, um Bestand zu haben, sie von dieser Tradition freischwimmen und ihr etwas eigenes hinzufügen muss.

Gerhard Marcks, einer der Götter der deutschen Bildhauerkunst des 20. Jahrhunderts, war Henkel sehr zugetan, hat dessen Landschaftsreliefs aber nicht verstanden. Sie hatten ihm zu viel "Raum". Henkel dachte nicht daran, seine Reliefs deshalb zu vermarcksen.

Einige frühe, zu dem ihn sein erster Aufenthalt in der Sowjetunion (1968??) inspiriert hatte, hängen in nun im Kulturbahnhof. Sie zeigen georgische Höhlenstädte, ein Struktur, die das Staunen des Betrachters mit offenen Mund- und Augenhöhlen reflektiert.

Und so reist man in dieser Schau mit Henkel von Georgien, nach Andalusien, Marokko und in die rumänische Maramures, wo die Heuhaufen wie eine Armee von Wiesenbewachern aufgestellt sind. Ein Bild, das Henkel sehr beeindruckt hatte. Genauso wie die erodierten Felsen Kappadokiens die wie eine Parade riesig versteinert Zipfelmützen in der Landschaft herumstehen. Für Henkel ist das ein Arsenal interessantester Figuren. Man muss nur genau hinsehen.

Bis 14.5., Kulturbahnhof Biesenthal, Bahnhofsplatz 1, Sa/So 15-18 Uhr (am Osterwochenende geschlossen)

"Friedrich B. Henkel. Skulpturen, Collagen, Zeichnungen, Graphik, hrsg. v. Anita Beloubek-Hammer, Lukas Verlag, 272 S., 25 Euro

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