to_top_picture
Anmelden
Anmelden

Montag, 21. August 2017
ABO-ButtonePaper-ButtonKONTAKT-Button


Sie haben 8 von 10 Gratis-Artikeln gelesen.
x
Registrieren Sie sich jetzt und lesen Sie im Monat bis zu 20 Artikel kostenlos.
Jetzt kostenlos registrieren
Bereits registriert? Bitte anmelden

Antje Scherer 07.05.2017 19:54 Uhr - Aktualisiert 07.05.2017 20:13 Uhr

artikel-ansicht/dg/0/

Für Augen, Ohren und Herz

Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein wenig besorgt ist man schon, bevor der Vorhang sich öffnet: Schaffen sie es erneut? So viele beeindruckende Produktionen hat das Dreamteam um Be van Vark und Howard Griffiths mit seinen Education-Projekten in den vergangenen Jahren hingelegt - lässt sich das noch toppen?

artikel-ansicht/dg/0/1/1572023/
 

Education-Projekt des Brandenburgischen Staatsorchesters

© promo

Aber spätestens, als am Sonnabend bei der Premiere im Frankfurter Kleist Forum die Gnome auf die Bühne kommen - Viert- und Sechstklässler von zwei Frankfurter Grundschulen -, ist klar: Wow! In grotesk ausgebeulten schwarz-beigen Anzügen und mit Strumpfmasken über dem Gesicht präsentieren sie einen Tanz, der alles schillern lässt, was einen Troll ausmachen könnte - von tollpatschig-lustig über bedrohlich bis grotesk. Ihr Gnom hat berühmte Vorfahren - den ersten Bruder im Geiste schuf im 19. Jahrhundert der Maler Viktor Hartmann. Sein Freund, der russische Komponist Modest Mussorgski, schrieb dann den Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung", in dem er Bilder des inzwischen gestorbenen Freundes in Musik übersetzte. Die Werke selbst sind fast alle verschollen. Und jetzt, im Tanz, kommt eine dritte künstlerische Ebene hinzu - ergänzt und getragen von der Musik Mussorgskis, die im Hintergrund der Bühne das sehr gut aufgelegte Brandenburgische Staatsorchester spielt, sowie beeindruckender Videokunst (Alexander Papadopoulos und Schüler).

Es agieren rund 300 Kinder aus Frankfurt, den angrenzenden Landkreisen sowie Polen, die seit Januar an diesem 8. Education-Projekt gearbeitet haben. Keine professionellen jungen Tänzer, sondern normale Schüler, die durch gewaltige Anstrengung und dank monatelanger Proben tolle tänzerische Leistungen abliefern. Eigentlich ist das Ganze ein pädagogisches Projekt, denn es ist keine Kleinigkeit, einen Rahmen zu schaffen, in dem daraus tatsächlich Kunst wird. Der Inszenierung von Be van Vark gelingt das.

Weil ihre Choreografie die Protagonisten nicht in eine Rolle zwingt, die sie nicht erfüllen können, sondern exakt auf das setzt, was sie mitbringen: Charme, Jugend, Lebendigkeit, Authentizität. "Eine Bewegung muss nicht immer schön sein", hatte sie den Schülern während der Proben erklärt. Genau das macht - in der Kombination mit dem professionellen Anspruch an Bühnentechnik, Kostüme sowie Musik - den Reiz aus. Die Kleinsten spielen in "Die Tuilerien" mit Hula-Hoop-Reifen und hüpfen quicklebendig im "Ballett der unausgeschlüpften Küken"; bei den Elftklässlern blitzt in "Die Hütte auf Hühnerfüßen" in ihrem Kampf mit Lichtschwertern schon Kraft und Erotik auf.

Das ist bei der Premiere bildmächtig, in der Kombination mit Musik und Video überwältigend. Die Kostüme waren auch in den Vorjahren schon beeindruckend, aber dieses Mal hat sich Bärbel Jahn (Mitarbeit: Ulla Hartmann, Sofie Wirth und Schüler) selbst übertroffen. Es gibt Reifröcke aus Samt, spektakuläre Hüte, wandelnde Eier. Außerdem: Schattenspiel, einen Comic-Amor, der aus dem Himmel Liebespfeile abfeuert, und sich bewegende Wände.

Ein wenig schade, dass nicht jeder Zuschauer vorher kurz einmal bei den Proben zusehen konnte. Da - ohne Kostüme, Scheinwerfer und Video - war noch besser sichtbar, was für ein Wunder diese Produktion ist. Wie sich Jugendliche, denen im Alltag quasi jeder Schritt peinlich ist, auf der Bühne aufrichten, springen und sich winden - ungeschützt, vor aller Augen. Ihren ganzen Körper benutzen, irgendwo zwischen Verlegenheit und Stolz. Eine Choreografie zu schaffen, in der all das wie ein Puzzle zusammenpasst, ist ein Kunstwerk. "Der Weg ist das Ziel", sagt Dirigent Griffiths nach dem tosenden Schlussapplaus. "Das hier heute ist einfach der Bonus obendrauf!"

Einige der vielen positiven Nebenwirkungen des Projektes sind: Disziplin, Kreativität, Neugier auf Kunst, Abbau von Vorurteilen. Das illustriert das Abschlussbild, wo sich wundervoll anrührende Paare bilden: Winziges Küken tanzt mit Jugendlichem im Muskel-Shirt, Förderschüler schwingt Gymnasiastin durch die Luft, Polin dreht sich mit Flüchtlingskind. Und ohne Wort wird klar, was Kunst vermag.

Artikel empfehlen

Artikel kommentieren

Seite empfehlen

Nachricht an die Redaktion

Druckversion

Lesen Sie auch...

Artikel kommentieren   Lesezeichen setzen   Nachricht an die Redaktion   Druckversion

Regionalnavigator

Landkreiskarte Brandenburg Ostprignitz-Ruppin Potsdam-Mittelmark Brandenburg/Havel
MOZ

Ort, PLZ oder Redaktion