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Das digitale Zeitalter aks Chance sehen

Zugewandt: Firmenchefs wie Thorsten Ladwig (links) und Andreas Leske (rechts) sehen die Digitalisierung als Chance. Foto: Tilman Trebs
Zugewandt: Firmenchefs wie Thorsten Ladwig (links) und Andreas Leske (rechts) sehen die Digitalisierung als Chance. Foto: Tilman Trebs © Foto: Tilman Trebs/MOZ
Tilman Trebs / 12.05.2017, 01:00 Uhr
Hennigsdorf (HGA) Digitalisierung ist ein Thema, das die Gesellschaft in den kommenden Jahren mehr verändern wird, als die Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge. Mit der zunehmenden Automatisierung von Produktionsabläufen und dem Einsatz künstlicher Intelligenz werden viele Berufsbilder verschwinden, sich zumindest aber verändern. Worauf sich das Metall verarbeitende Gewerbe in der Region einstellen muss, darüber diskutierten Unternehmer am Donnerstag auf Einladung des Regionalen Wachstumskerns Oranienburg-Hennigsdorf-Velten in Hennigsdorf.

Unter Arbeitern ist vor allem die Furcht groß, ihren Job an Maschinen und Roboter zu verlieren. "Die Digitalisierung wird großen Einfluss auf die Beschäftigung haben, auch wenn neue Arbeitsplätze entstehen", sagte Hennigsdorfs Bürgermeister Andreas Schulz (SPD). Er sei gespannt, welche Antworten die Wirtschaft darauf finde. Flammsyscomp-Geschäftsführer Thorsten Ladwig, dessen Unternehmen Stanzteile aus Metall für die Auto- und Haushaltsgeräte-Industrie liefert, ist in Oberhavel einer der Pioniere der vollautomatischen Produktion. Einige Teile, die er für Haushaltsgerätehersteller liefert, lässt er inzwischen vollständig von Maschinen und Robotern produzieren. Die Entscheidung dafür war aus der Not geboren worden. Ein Kunde war unzufrieden mit Teilen, die er aus China bezog. Er wollte bessere Ware von den Hennigsdorfern, aber zum selben Preis, den er den Chinesen bezahlte. Zehn Jahre brauchte Flammsyscomp für Planung, Entwicklung und Aufbau der vollautomatischen Produktionsstrecke. Nebenbei entwickelte das Unternehmen ein Verfahren, das die beim Stanzen zurückbleibenden Metallreste auf ein Minimum reduziert. Dadurch wurde der Materialeinsatz optimiert. Ergebnis: Bauteile für Waschmaschinen von Flammsyscomp sind heute sogar billiger als die chinesischer Produzenten. Der Kostendruck zwinge Unternehmer, Produktionsprozesse durch Innovationen effektiver zu gestalten. Dadurch werde Abwanderung von Massenproduktion in Niedriglohnländer verhindert und man erhalte die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produzenten. Die digitale Automatisierung eröffne Möglichkeiten, die Unternehmen vor zehn Jahren noch nicht hatten. "Wir haben bislang keine Arbeitsplätze abgebaut. Im Gegenteil. Die Zahl der Stellen ist mit den Jahren gestiegen". so Ladwig. Wichtig sei, die Mitarbeiter mitzunehmen und zu qualifizieren, auch komplexere Produktionsabläufe begleiten zu können. Aktuell arbeiten 150 Menschen im Hennigsdorfer Flammsyscomp-Werk.

Dass der Flammsyscomp-Weg nicht überall anwendbar ist, weiß auch Diana Zeitschel vom Innovationszentrum des Landes Brandenburg an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus und Senftenberg. "Digitale Automatisierung macht vor allem dort Sinn, wo es um die Produktion großer Stückzahlen geht. Bei kleineren Serien kann die vollautomatische Produktion auch teurer sein." Dennoch empfahl sie den Unternehmern in Hennigsdorf, Abläufe in Frage zu stellen, nicht einfach nur zu sagen: "Das haben wir immer so gemacht." Mit dieser Haltung habe man in ein paar Jahren vielleicht schon das Nachsehen. Sie weiß aber auch, dass das nicht so einfach ist. "Viele Geschäftsführer kleiner und mittelständischer Betriebe erledigen oft Einkauf, Vertrieb, Produktionsleitung und Personalführung allein." Da bleibe kaum Zeit, über neue Wege nachzudenken.

Das müssen sie aber, befand Andreas Leske von der Neuruppiner Firma ALS, die sich auf die Automatisierung von Produktionsabläufen spezialisiert hat. Das Unternehmen arbeitet wie Flammsyscomp für namhafte Autobauer und andere industrielle Herrsteller. "Wichtig ist, das Thema ganzheitlich zu denken. Automatisierung ist nur ein Baustein der Digitalisierung. Für Betriebe fangen die Herausforderungen beim Einkauf an und hören beim Vertrieb auf."

Dass einige das noch überfordert, beschrieb ein Zehdenicker Unternehmer. Er habe bei einer Ausschreibung oft nur wenig Zeit, zu überlegen, wie er die Produktion gestaltet. Er könne sie nicht so schnell umstellen.

Solche Probleme zu lösen, hat sich das Innovationszentrum des Landes auf die Fahnen geschrieben. Im Auftrag des Landes bietet es Unternehmern Beratung und Unterstützung an. Dazu stehen an der BTU unter anderem Innovationslabore und eine Modellfabrik zur Verfügung.

"Wir wollen Sie motivieren, neue Wege zu gehen", lud Diana Zeitschel die Unternehmer ein, die Hilfe von Experten auch wirklich zu nutzen.

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