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Zurück in die Vergangenheit

Zu den Schauplätzen von "Verschleppt" gehört auch die gewaltige Halle 2 des Kranbau-Geländes. Sie misst ganze 23 000 Quadratmeter. In ihrem Inneren wurden die Frauen vom Außenlager des KZ Ravensbrück 1944 und 1945 ausgebeutet und zur Arbeit gezwungen.
Zu den Schauplätzen von "Verschleppt" gehört auch die gewaltige Halle 2 des Kranbau-Geländes. Sie misst ganze 23 000 Quadratmeter. In ihrem Inneren wurden die Frauen vom Außenlager des KZ Ravensbrück 1944 und 1945 ausgebeutet und zur Arbeit gezwungen. © Foto: Ulrich Wessollek
Simon Rayß / 17.05.2017, 07:50 Uhr
Eberswalde (MOZ) Theater kann beglücken und deprimieren. Es kann belehren, belustigen und einfach zum Denken anregen. Beim Kanaltheater geschehen meist mehrere dieser Dinge in einem Stück, kurz hintereinander oder zur sogar selben Zeit. So auch bei einer aktuellen Wiederaufführung und einem neuen Projekt.

Mit "Verschleppt jung ohne ich - wywiezli sama nic ja" ist am Sonntag und Montag ein Stück Erinnerungsarbeit erneut zu erleben. Eine Gruppe Jugendlicher führt das Publikum durchs Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers an der Eisenspalterei. Vier der Darsteller sind polnisch, sechs deutsch, hinzu kommen ein junger Somalier und die professionelle Schauspielerin Jacqueline Sophie Pawliczek, die selbst erst 25 Jahre alt ist.

Sie sprechen deutsche und polnische Zeilen der Erinnerung von Frauen, die dort zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten mussten. Frauen, die von den Nazis gedemütigt und ausgebeutet wurden. Doch auch dieses dunkle Thema bricht das Kanaltheater mit Trotz, Lebenswillen und Musik.

Bis auf eine Teilnehmerin sind alle Jugendlichen wieder mit dabei. "Sie sind noch ein Jahr reifer geworden", sagt Regisseurin Heike Scharpff. "Das finde ich sogar noch passender." Die Arbeit mit den mittlerweile 15- bis 17-Jährigen läuft gut. "Wir haben nochmal ganz viel hinterfragt", erklärt sie. Doch die Änderungsvorschläge, die Heike Scharpff vorbringt, lehnen die Jugendlichen ab: "Sie haben mit inhaltlich überzeugt, dass die alte Variante doch besser ist", sagt Heike Scharpff.

Noch im Findungsprozess ist das Kanaltheater derweil bei ihrem neuen Groß-Projekt. Fest steht, dass es am 29. September Premiere feiert und anschließend fünf weitere Aufführungen erlebt. Auch ein Arbeitstitel ist bereits bekannt: "Kohlhaas - Anatomie eines Aufstands" heißt das Stück.

Es orientiert sich lose an Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas". Die Wahl der Vorlage habe schon mit dem Brandenburg-Bezug des Stoffes zu tun, erklärt Heike Scharpff. "Außerdem war Kohlhaas so ein rebellischer Typ." Der Pferdehändler, der an der Havel lebt, wird Opfer eines Betrugs. Als ihm das Gericht nicht helfen will, startet er einen Rachefeldzug. "Das passt zur Bewegung der Wutbürger", sagt die Regisseurin.

Deswegen führen sie und Dramaturgin Katja Kettner derzeit auch Interviews mit Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen. "Menschen, die die Schnauze voll haben, weil ihnen etwas querliegt", wie Produzent Kai Jahns es ausdrückt. "Ob zu recht oder zu unrecht, das ist erst einmal egal." Das Ensemble ruft Betroffene dazu auf, sich zu melden: "Wir suchen auch noch Kandidaten, denen ein Unrecht widerfahren ist", sagt Heike Scharpff.

Aus den Interviews und der Vorlage entsteht ein Stück rund um die Frage: "Wie gehen Menschen heute mit Rachegedanken um?" Einen ästhetischen Referenzpunkt sollen dafür zeitgenössische Filme bieten, zum Beispiel die von Quentin Tarantino.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Musikalisch in die Vergangenheit schaut das Ensemble bereits am 9. Juni: mit dem Abend "Kanal Radikal - Ein Haufen Lieder". "Da gibt es die besten Stücke, die in allen Stücken vorgekommen sind, und auch unveröffentlichtes Material", kündigt Kai Jahns an. Das wird natürlich vor allem unterhaltsam. Doch beim Kanaltheater sollte sich das Publikum da nie zu sicher sein.

Kontakt für Kohlhaas-Interviews: info@kanaltheater.de; Termine "verschleppt jung ohne ich": Sonntag, 18 Uhr, Montag, 18 Uhr, Schulvorstellung Montag, 15 Uhr; Konzert mit Kanaltheater-Songs: 9. Juni, 20 Uhr, "Exil", Am Bahnhof Eisenspalterei

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