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Mit Sensoren und Diagnoseprogrammen will die Bahn die Zahl betriebsbedingter Störungen halbieren

Weichen werden aufgerüstet

Beim IT-Projekt "Diana" der Deutschen Bahn können Weichen quasi an ein Dauer-EKG angeschlossen werden
Beim IT-Projekt "Diana" der Deutschen Bahn können Weichen quasi an ein Dauer-EKG angeschlossen werden © Foto: MOZ/Henning Kraudzun
Henning Kraudzun / 19.05.2017, 20:15 Uhr - Aktualisiert 19.05.2017, 21:04
Potsdam (MOZ) Die Deutsche Bahn will in der Region mehrere Tausend Weichen mit einem elektronischen Diagnosesystem nachrüsten. Dadurch sollen die Störungen halbiert werden. Aber auch andere Bereiche der Instandhaltung werden zunehmend digitalisiert.

Ein spürbares Klacken und schon ist die Weiche "05W595" in Berlin-Rummelsburg von einem Motor nach links gestellt. Metall trifft auf Metall, Zunge auf Backenschiene. Das Signal kommt aus dem nebenan gelegenen Stellwerk, dort wiederum traf kurz zuvor ein elektronischer Befehl aus der Betriebszentrale in Berlin-Pankow ein. Ein automatischer Prozess. Doch wenn die Weiche klemmt, droht auf dem Gleis der Infarkt.

Dies soll nach dem Willen von Philipp Raffelsieper künftig kaum noch passieren. Der Leiter des Projekts "Diana" bei der Deutschen Bahn ist sozusagen als Chefarzt für ein großflächiges Weichen-EKG zuständig. Wenn diese Herzstücke der Infrastruktur irgendwo aus dem Takt geraten, erhalten die zuständigen Bahn-Mitarbeiter eine Meldung auf ihr Smartphone. Die kritischen Kurven werden direkt aufs Display gesendet.

"Wir wollen unsere Anlagen besser im Blick haben", sagt der Ingenieur, der früher beim Flugzeugbauer Airbus gearbeitet hat. Die Diagnoseplattform "Diana" ist derzeit eines der größte digitalen Projekte der DB Netz. Bis 2020 soll die Hälfte der bundesweit 67000 Weichen an Sensoren angeschlossen werden. In der Region ist die Umrüstung im vollem Gange: Das Stellwerk Cottbus war das erste überhaupt, in dem das System lief. Die Gesamtkosten darf Raffelsieper nicht verraten. Pro Weiche sei es eine vierstellige Summe, sagt er.

Der Fachmann zieht ein Beispiel aus dem Fahrzeugbau heran, um die Notwendigkeit dieser Investitionen zu verdeutlichen. "In vielen Autos messen Sensoren den Reifendruck und senden Alarm, bevor etwas passiert", erklärt der 32-Jährige. "Diana" nutzt den Stromverbrauch als Indikator. Wenn sich eine Weiche durch Rost oder Fremdkörper nur schwer stellen lässt, arbeitet der Motor intensiver. Dies wird in einer Kurve sichtbar, die von der Norm abweicht. Dann wird eine gelbe Warnmeldung abgesetzt.

Auf rot springt der Status einer Weiche, wenn sie nicht mehr schließt und somit komplett ihren Dienst versagt. Diese "Weichenstörungen" sorgen immer wieder für massive Zugverspätungen - verärgerte Bahnkunden sind die Folge. Vor allem im Winter häufen sich die technischen Pannen.

Aus Sicht von Marko Dörschel, Chef der Instandhaltung bei der DB Netz in Berlin, macht sich der Einsatz von "Diana" auch in den Arbeitsabläufen bemerkbar. "Wir können unsere Wartungsteams gezielter einsetzen, wenn wir frühzeitig erkennen, dass mit einer Anlage etwas nicht stimmt", sagt er. Bei einer unverhofft auftretenden Störung müssten die Mitarbeiter bei anderen Instandhaltungsmaßnahmen abgezogen werden, die dadurch zum Erliegen kommen. Allein 300 Mitarbeiter kümmern sich in Berlin um die Reparaturen von Weichen, Signalen und Schranken.

Ein Schwerpunkt der "Diana"-Techniker ist in diesem Jahr das dicht befahrene S-Bahn-Netz, wo sich Störungen besonders gravierend auswirken. Dabei werden in den Diagnoseboxen künftig noch weitere Geräte angeschlossen, die unter anderem die Weichenheizungen und die Umgebungstemperatur messen. "Wir haben es in den vergangenen Tagen wieder gemerkt: Wenn plötzlich die Hitze kommt, haben wir ein erhöhtes Störungsaufkommen", sagt Dörschel. So waren diesmal Kabelsysteme am Südkreuz betroffen, was zum Ausfall verschiedener Anlagen führte.

Die Bahn will die "vorausschauende Instandhaltung" aber auch in anderen Bereichen ausbauen. So werden immer mehr Gleise mit speziellen Mikrofonen ausgestattet, die akustische Profile von vorbeirauschenden Zügen messen. Auf diese Weise werden Bauteile im laufenden Betrieb überwacht - was die Zahl der Totalausfälle verringern soll.

Auf dem Betriebsgelände Rummelsburg, wo die Bahn eine Vielzahl von Fernzügen in riesigen Werkstatthallen warten lässt, ist Mario Heyer für die Steuerung der Gleise zuständig. Er führt durch ein Stellwerk, in dem nur noch Lämpchen blinken und keiner seiner Mitarbeiter mehr Hebel umlegen muss. Die Datenverarbeitung spiele heute eine zentrale Rolle, sagt er. "Doch die Arbeit an den Gleisen lässt sich dadurch nicht ersetzen."

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