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Daniela Windolff 20.05.2017 06:50 Uhr
Red. Uckermark, schwedt-red@moz.de

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Spätfolgen politischer Traumatisierung

Angermünde (MOZ) Mit hochkarätigen Referenten und sehr großer Resonanz von Fachpublikum aus ganz Brandenburg fand am Freitag der 8. Angermünder Psychiatrietag statt, der sich den spannenden Themen Forensische Psychiatrie und Spätfolgen politischer Traumatisierung widmete.

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Koryphäe in der Forensik: Professor Dr. Hans-Ludwig Kröber

© MOZ

Der Angermünder Psychiatrietag, der vor acht Jahren vom Chefarzt der Angermünder Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie/-somatik und Suchtmedizin, Dr. Martin Sandner, ins Leben gerufen wurde und von der Gesellschaft für Leben und Gesundheit finanziell ermöglicht wird, hat sich zu einem der beachtet-sten Fachveranstaltungen in Berlin und Brandenburg. In diesem Jahr war das Interesse so groß, dass die Platzkapazitäten von 200 Plätzen trotz zusätzlicher Videoübertragung in einem Außenzelt an ihre Grenzen stieß. Das liegt sicher auch an den spannenden Themen der diesjährigen Veranstaltung und den namhaften Referenten, die Dr. Sandner dafür nach Angermünde holen konnte, als auch an der Möglichkeit der Kollegen verschiedenster Fachbereiche und Einrichtungen, sich kennenzulernen und auszutauschen.

Ganz bewusst wird mit dieser Veranstaltung angesichts der vielen auswärtigen Gäste auch Werbung für Angermünde nicht nur als Standort eines erfolgreichen Krankenhauses, sondern auch als Stadt gemacht. Es hat deshalb schon Tradition, dass auch der Angermünder Bürgermeister die Tagungsgäste persönlich begrüßt. Für Frederik Bewer war es das erste Mal und er sparte nicht mit Leidenschaft und Poesie, die Gäste mit seiner Begeisterung für Angermünde und vor allem die Landschaft anzustecken. Für solche Gelegenheiten hat er stets auch den neuen, attraktiven Imagefilm über Angermünde dabei.

Auch das Krankenhaus mit seiner modernen Psychiatrie in Verbindung mit Innerer Medizin macht Angermünde über die Stadt- und Kreisgrenzen hinaus bekannt und der Psychiatrietag tut sein Übriges dazu.

Mit Professor Hans-Ludwig Kröber wurde einer der anerkanntesten forensischen Psychiater Deutschlands als Referent gewonnen, der auf diesem Gebiet auch wegweisend in der Grundlagenforschung tätig war. Beim Angermünder Psychiatrietag setzte er sich in einem spannenden Vortrag mit den Schnittpunkten der allgemeinen und forensischen Psychiatrie vor allem im Umgang mit potenziell gefährlichen Patienten und Straftätern auseinander und erläuterte die Notwendigkeit des Voneinanderlernens anhand einiger, teils dramatischer Fallbeispiele und konkreter Zahlen, ohne jedoch zu stigmatisieren. Nicht jeder psychisch kranke Mensch ist potenziell gefährlich. Allerdings seien Patienten mit Schizophrenie und organischen Psychosen, wie Wahnvorstellungen, vielfach stärker zu Gewaltausbrüchen, was sich unter Drogen oder Alkoholeinfluss noch potenziere. Im Maßregelvollzug sitzen derzeit rund 9000 psychisch gestörte Straftäter ein, davon etwa die Hälfte Schizophrene und gut ein Drittel mit Persönlichkeitsstörungen. Die meisten seien vorher bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen. Opfer kommen meist aus dem engen Verwandten- und Bekanntenumfeld. Seltener sind es andere Bezugspersonen wie Vorgesetzte oder auch Ärzte und Therapeuten. Erfahrungen mit gewalttätigen Patienten machen fast alle Mitarbeiter in ambulanten und stationären psychiatrischen Einrichtungen. Im Angermünder Krankenhaus wurde deshalb jüngst ein spezielles Deeskalationsprogramm eingeführt, für das sich zwei Mitarbeiter speziell qualifiziert haben.

Einen anderen "dunklen" Bereich der Psychiatrie berührte der zweite Referent, Dr. Karl-Heinz Blomberg. Der Arzt für Psychotherapie ist auch Buchautor und Liedermacher und stellte sein jüngstes Buch "Verborgene Wunden" über politische Traumatisierungen in der DDR und ihre Spätfolgen vor. Blomberg saß 1984 auf Grund DDR-kritischer Liedtexte selbst als politischer Häftling in einem DDR-Gefängnis und hat erst Jahre später begonnen, seine traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten und behandelt heute als Arzt selbst Patienten mit ähnlichen Schicksalen, inzwischen nicht nur ehemalige politisch Verfolgte in der DDR, sondern auch eingewanderte Flüchtlinge aus Krisengebieten. Politische Traumatisierung lasse. Es gebe aber Linderung und immer helfe Trost, betonte Blomberg, der für sich ein Mittel der Verarbeitung gefunden hat: Die Musik.

Zum Psychiatrietag hatte Blomberg seine Gitarre mitgebracht und stellte einige Lieder vor, die er in und nach der Haftzeit geschrieben hatte. Der Titel "Zartes Grün" steht für die Sehnsucht nach Freiheit und die Hoffnung auf neues Leben. Derzeit arbeitet er an einem neuen Buch unter dem Titel "Heilende Wunden", in dem er Wege der Aufarbeitung beschreibt.

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