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Klaus D. Grote 20.05.2017 09:42 Uhr - Aktualisiert 01.06.2017 16:30 Uhr
Red. Oranienburg, lokales@oranienburger-generalanzeiger.de

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Doppelte Diskriminierung in Lehnitzer Gemeinschaftsunterkunft

Lehnitz (OGA) Der 28-jährige Ibrahim ist schwul. Im Tschad saß er deshalb sechs Monate im Gefängnis, erlebte, wie zwei andere schwule Häftlinge durch Schläge und Essensentzug starben. Nach seiner Entlassung floh Ibrahim nach Europa, doch auch hier gehen die Diskriminierungen weiter. In der Lehnitzer Gemeinschaftsunterkunft wurde Ibrahim ebenfalls mehrfach bedroht. Nach einem RBB-Fernsehbericht ist die Lage für ihn noch schlimmer geworden.

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In Angst: Ibrahim will sich nicht zu erkennen geben und nicht seinen vollen Namen nennen.

© Klaus D. Grote/OGA

"Ich weiß nicht, wie ich dort wieder wohnen kann", sagt Ibrahim. Andere Heimbewohner hätten ihm gesagt, "du musst hier weg". Zurzeit übernachtet er wegen der Bahnsperrung bei einem deutschen Freund in Berlin, denn er muss jeden Morgen zu seiner Arbeit bei einer Beschäftigungsgesellschaft in Kreuzberg, wo er alte Möbel aufarbeitet.

Ibrahim zeigt vernarbte Stichwunden unter dem rechten Arm. Die Stiche wurden ihm in Italien zugefügt, wo er nach seiner Flucht aus Afrika zunächst lebte. Eine Wunde am rechten Unterschenkel stammt von einem Messerangriff im Heim in Lehnitz. "Mein Mitbewohner wollte mich einmal auch mit heißem Wasser übergießen", erzählt er. Die muslimischen Heimbewohner lehnen Homosexualität energisch ab, zeigen das immer wieder durch verbale Angriffe. Schnell hatte sich innerhalb und außerhalb des Heims herumgesprochen, dass der Mann aus dem Tschad schwul ist.

Im Rahmen der Migrationssozialarbeit sei bei Bekanntwerden der Angriffe eine Untersuchung eingeleitet worden, erklärt Kreissprecher Ronny Wappler. Darüber hinaus sei die Entwicklung eines Maßnahmenplanes zum Schutz veranlasst worden. "In persönlichen Gesprächen wurde ihm angeboten, in der Gemeinschaftsunterkunft ein anderes Zimmer zu beziehen (in der Nähe der Wache) oder alternativ, eine andere Unterkunft im Landkreis Oberhavel in Anspruch zu nehmen", so Wappler.

Ibrahim hat das abgelehnt. Er will nach Berlin. "Ein Umzug bringt nichts. In einem anderen Heim geht es genauso weiter. Alle kennen mich jetzt", sagt er. Er hat deshalb einen sogenannten Umverteilungsantrag gestellt, die Berliner Ausländerbehörde muss darüber entscheiden.

Das Verfahren kommt schleppend voran - auch, weil erst seit wenigen Wochen der Asylantrag in Deutschland läuft. Denn eigentlich sollte Ibrahim zurück nach Italien, doch die Ausländerbehörde habe eine Frist verstreichen lassen, sagt Uwe Kakmeni, der Ibrahim berät und unterstützt. Vier Briefe von Freunden Ibrahims an die Kreisverwaltung mit der Bitte um Verlegung nach Berlin seien unbeantwortet geblieben, sagt Kakmeni. "Einige Mitarbeiter im Sozial- und im Ausländeramt mögen es auch nicht, wenn man die Flüchtlinge beim Behördenbesuch begleitet", sagt der Berliner, der früher mit einem Kameruner verheiratet war und heute ehrenamtlich schwule Flüchtlinge berät.

Als schwule Afrikaner erleben die geflüchteten Diskriminierung in Deutschland gleich doppelt. Flüchtlinge anderer Kontinente lehnen sie wegen ihrer Hautfarbe und der Homosexualität ab. Muslimische Afrikaner verurteilen das Schwulsein. Selbst in der schwulen Szene erleben Afrikaner wegen ihrer Hautfarbe Diskriminierung, sagt Kakmeni. "Rassismus ist für Afrikaner normal", beschreibt Ibrahim seinen schwierigen Alltag.

Ein Freund von ihm bestätigt die doppelte Diskriminierung. Der 23-jährige Yahya stammt auch aus dem Tschad. Die Community seines Heimatlandes meidet er, weil er Angst hat, dass sich sein Schwulsein dort herumgesprochen hat. Vor den Mitbewohnern seiner Berliner WG, die aus Ghana und Kamerun stammen, verheimlicht er sein Schwulsein. Offiziell lebt Yahya aber in einem Heim in Cottbus. In Berlin fühle er sich einigermaßen frei, sagt Yahya. Er erhält auch eine therapeutische Betreuung, weil er traumatisiert ist. Er erlebte den Krieg in Libyen, wo er mit seiner Familie lebte. Ein Freund starb bei einem Bombenangriff, danach machte er sich als 17-Jähriger allein auf die Flucht, sah, wie andere Afrikaner im Mittelmeer ertranken.

Ein Leben in Sicherheit wünschen sich die beiden Männer aus dem Tschad. Ibrahim würde gerne weiter Deutsch lernen und dann sein Elektrotechnikstudium fortsetzen. "Ich habe zu viele Probleme", sagt Ibrahim und klingt dabei wirklich verzweifelt.

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