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Oliver Schwers 18.07.2017 06:26 Uhr

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Forschungswanzen in gläserner Försterei

Templin (MOZ) Deutschlands ersten "Gläsernen Forstbetrieb" haben Brandenburgs Forstminister Jörg Vogelsänger und Nabu-Präsident Olaf Tschimpke im uckermärkischen Wald eingeweiht. Sechs Jahre lang soll ein Freilandlabor zeigen, wie die Forstwirtschaft der Zukunft funktionieren kann.

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Markierung von Forschungsbäumen: Brandenburgs Forstminister Jörg Vogelsänger (r.) startet gemeinsam mit Nabu-Präsident Olaf Tschimpke (M.) und Dietrich Mehl von der Oberförsterei Reiersdorf das Freilandlabor in der Uckermark.

© MOZ/Oliver Schwers

Das Projekt ist bundesweit einmalig: Forstverwaltung und Naturschutz mit ihren teils gegensätzlichen Interessen haben sich entschieden, gemeinsam die Auswirkungen unterschiedlichster Waldbewirtschaftung zu erforschen. Auf der einen Seite stellt der Naturschutzbund eine 550 Hektar große Fläche am Wittwesee bei Rheinsberg zur Verfügung, auf der anderen Seite beteiligt sich die Landesforstverwaltung mit 650 Hektar im uckermärkischen Reiersdorf bei Templin. Sechs Jahre lang setzt dort jeder auf seine Weise die Bewirtschaftung der zumeist Kiefernbestände unter verschiedenen Vorzeichen fort.

Neu daran: Wissenschaftler haben ein Auge darauf. Sie beobachten jeden Schritt, jede Säge, jede Veränderung, messen Temperaturen, Baumdicken und Wasserstände. Sie schauen auf den Bewuchs, die Pflanzenvielfalt und den Appetit des Wildes. Um das alles zu erfassen, haben Wissenschaftler der Eberswalder Hochschule für Nachhaltige Entwicklung und der Universität Göttingen den Wald gewissermaßen verwanzt. Überall stehen kleine Datenlogger mitten im Grünen. Die liefern stündlich aktuelle Messwerte. Auf diese Weise wird der Forst gläsern und digital.

Das Projekt kostet rund eine Million Euro. Es steht mitten im Spannungsfeld einer neuen Waldbewirtschaftung. Waren es früher die Holzernte oder der Erholungswert für Pilzesammler und Spaziergänger, die im Mittelpunkt des Interesses standen, so rücken immer mehr solche bedeutenden Faktoren wie Klimaschutz, Artenvielfalt, Bodenqualität und Wasserhaushalt in den Vordergrund.

Wie diese teils gegensätzlichen Ansprüche in einem Wirtschaftswald unter einen Hut zu bringen sind, soll das Freilandlabor zeigen. "Der Fokus liegt auf der Förderung der Naturnähe und der Stabilität der Wälder", so Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. "Im Normalbetrieb wäre das nicht möglich." Die Ergebnisse sollen als Empfehlung für die naturnahe Bewirtschaftung von Wäldern im nordostdeutschen Tiefland gelten, so Forstminister Jörg Vogelsänger (SPD).

Grundthese: Nur ein gesunder Wald ist dauerhaft in der Lage, viele Funktionen gleichzeitig zu erfüllen und eben auch ausreichend Holz zu liefern. Überwiegen die Interessen einer Seite, so kommt die gesamte Leistung des Ökosystems ins Schwanken.

Beispiel Holz: Lassen die Waldeigentümer zu viel Bäume schlagen, wird ihnen Raubbau vorgeworfen. Doch gerade die Verwendung von nachwachsendem Bauholz gilt in Deutschland als äußerst nachhaltig. Dachstühle auf Häusern halten 100 Jahre und noch länger. So lange binden sie auch das in ihnen gespeicherte Kohlendioxid.

Deshalb spielen betriebliche Fakten wie Kosten und Erlöse ebenso eine Rolle in der gläsernen Försterei wie die Wasserspeicherungen und der Wald als natürliches Kühlsystem. "Wir versuchen, aus der Elfenbein belasteten Grundlagenforschung in die Wirklichkeit zu kommen", sagt Wilhelm-Günther Vahrson von der Eberswalder Hochschule.

Alle Daten werden nicht nur der Forschung, sondern der gesamten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, auch interessierten Privatwaldeigentümern.

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