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Einmalig in Deutschland: Die Notaufnahme am Klinikum versorgt Hochbetagte in einem eigenen Wartebereich

Die altersgerechte Rettungsstelle

Notaufnahme für Senioren: In dem separaten Wartebereich wurde Ursula Menze vor einigen Tagen von André Schreyer (l.) betreut und versorgt. Inzwischen kümmern sich unter anderem die Fachpfleger Anke Grün und Rico Düvel um die 88-Jährige.
Notaufnahme für Senioren: In dem separaten Wartebereich wurde Ursula Menze vor einigen Tagen von André Schreyer (l.) betreut und versorgt. Inzwischen kümmern sich unter anderem die Fachpfleger Anke Grün und Rico Düvel um die 88-Jährige. © Foto: MOZ/Thomas Gutke
Thomas Gutke / 01.08.2017, 19:24 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Auf bis zu 30 Grad sollen die Temperaturen auch heute steigen. Gerade bei Älteren kann die Hitze zu ernsteren gesundheitlichen Problemen führen. Wie es auch kommt: Die Zentrale Notaufnahme am Klinikum ist vorbereitet - mit einem eigenem Bereich für Hochbetagte.

"Mein Herz ist krank, aber es ist immer noch für andere da", sagt Ursula Menze, 88 Jahre alt. Die ehemalige Hortleiterin aus Müllrose wirkt müde. Ihre Warmherzigkeit hat sie deshalb nicht verloren. Zwei Wochen ist es jetzt her, dass Ursula Menze in der Rettungsstelle ankam. Nach einem Sturz schmerzte das Aufstehen, sie fühlte sich gar nicht gut. Aufgrund ihres hohen Alters und verschiedener Beschwerden nahm sich André Schreyer der Patientin an. Der geriatrische Fachmanager betreut den Wartebereich für Hochbetagte in der Notaufnahme. So etwas gibt es bundesweit nur in Frankfurt.

Das eigene Aufnahmeverfahren für Senioren, die unklare Symptome haben und nicht akut behandelt werden müssen, startete vor gut zweieinhalb Jahren als vom Rhön-Konzern finanziertes Forschungsprojekt. Im März endete die Pilotphase - und wird seitdem wegen des großen Zuspruchs fortgeführt. "Darüber bin ich sehr froh, denn die älteren Patienten können davon nur profitieren", sagt Chefärztin Dr. Petra Wilke.

In ganz Deutschland gibt es keine andere Rettungsstelle, die mit vergleichbarem Aufwand Senioren versorgt. Mit dem Angebot reagiert das Klinikum auf die zunehmend älter werdende Bevölkerung. Von rund 32 000 Patienten, die 2016 in der Frankfurter Rettungsstelle aufgenommen wurden, waren rund 6900 (22 Prozent) älter als 75 Jahre. Davon wurden mehr als 2500 in der Alters Unit betreut und evaluiert - die älteste war 105 Jahre alt.

Die Diagnostik nimmt bei Hochbetagten mitunter drei bis vier Stunden in Anspruch. In ihrem separierten Wartebereich können sie - von Montag bis Freitag, 10 bis 18.30 Uhr - zur Ruhe kommen, sich mit anderen Älteren unterhalten, lesen oder fernsehen. Zugleich geht André Schreyer abseits des Notaufnahmetrubels gezielt den Beschwerden auf den Grund. "Das Wichtigste ist, Vertrauen aufzubauen, damit sie genauer erzählen, wie es ihnen geht und was passiert ist", erklärt er. Viele kämen mit einem unklaren Unwohlsein. Die einen können nicht benennen, warum es ihnen schlecht geht, weil typische Symptome fehlen. Andere wollen nicht darüber reden, "weil sie sich schämen, auf Hilfe angewiesen sein zu müssen". Doch André Schreyer nimmt sich Zeit. Im Gespräch erfasst er in einem auf Ältere zugeschnittenen Screening Informationen zum Allgemeinzustand, zum Sehen, Hören, Sprechen, ebenso zur Mobilität. Seit kurzem beteiligt sich das Klinikum hier an einem Doktorandenprojekt zur Sturzgefährdung. Die Patienten laufen über einen mit Sensoren ausgestatten Fußboden (Sensfloor). Der Computer zeichnet die Gangbilder auf und wertet die Daten aus.

Auf Grundlage der Hauptdiagnose werden die Patienten anschließend einer Station zugeordnet. Zugleich kommt bei Bedarf eine gut 14-tägige, altersmedizinische Behandlung unter Leitung von Prof. Dr. Norbert Wrobel, Chefarzt für Geriatrie, hinzu; unterstützt und begleitet von Fachpflegern wie Rico Düvel. Mittels aktivierender und therapeutischer Pflege versuchen er und seine Kollegen, die Mobilität und Eigenständigkeit der Patienten zu fördern und zu erhalten. "Was sie noch können, sollen sie allein tun", sagt Rico Düvel. Der Gang zur Toilette gehöre ebenso dazu wie die Körperpflege oder der Spaziergang mit dem Rollator. In die geriatrische Komplexbehandlung sind außerdem Physio- und Ergotherapeuten und der Sozialdienst mit eingebunden. Letzterer vermittelt die Patienten gegebenenfalls in eine Tagesklinik, Tagespflege oder betreutes Wohnen.

Bei Ursula Menze wurde eine Beckenringfraktur diagnostiziert. Langsam geht es bergauf. "Ich bin zufrieden, dass sie mich hier wieder auf die Beine gestellt haben", sagt sie und hofft, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können. "Ich lebe doch nur einmal auf dieser Welt, wenn auch nicht mehr lang."

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