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Eberhard Görner hat in Fürstenwalde seine Trabant-Doku "Wolle auf Asphalt" vorgestellt

Westsächsischer Lumpenpressling

Jörg Kotterba / 20.08.2017, 20:36 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Zwickauer Fahrpappe mit der Kraft der zwei Kerzen wurde er genannt, Gehhilfe, Plastebomber, überdachte Zündkerze, Muldenperle, Freudenspender, westsächsischer Lumpenpressling. Die Synonyme für den Trabant aus DDR-Produktion waren rau. Aber herzlich.

Wenn sich noch heute furchtlose Globetrotter im Trabi bis nach Griechenland oder Portugal wagen, begutachten dort die Menschen den fahrbaren Zwerg wie einen außerirdischen Sendboten. Irritiert klopfen sie kopfschüttelnd auf die Karosserie, ohne zu ahnen, dass diese ungewöhnliche Auto-Außenhaut ursprünglich aus Baumwolle made in Usbekistan, Holzschliff und PVC zusammengemixt und erst später aus Duroplast-Werkstoffen auf Phenolharzbasis gefertigt wurde. Am 30. April 1991 verließ der 3 096 099. und damit letzte Trabant - ein pinkfarbener Kombi - die Produktionshalle in Zwickau. Ein Tag des ganz großen Gefühls. Mit Trauer und Tränen.

Fans hat dieses von denen einen geliebte von anderen verspottete Auto noch immer und selbst in Übersee. Der populärste von ihnen ist wahrscheinlich Tom Hanks, der wegen seiner Trabant-Faszination von der Märkischen Oderzeitung vor drei Jahren einen himmelblauen Trabant-Kombi geschenkt bekam.

Nun kehrt das Kultauto zurück - auf die Kinoleinwand. Der 72-jährige Regisseur, Drehbuchautor, Publizist und Hochschulprofessor Eberhard Görner hat "in fünf Jahren Arbeit", wie er Freitagabend in der Lkw-Halle des Fürstenwalder Oldtimerclubs "Die Legende" erzählte, einen Film produziert - "ein Muss für jeden Trabi-Fan." Er heißt: "Wolle auf Asphalt - Das Experiment Trabant". Wolle, wegen der Baumwolle aus Usbekistan.

Diese 78-minütige Dokumentation lässt auch wegen zahlreicher bewegter Bilder aus DDR-Filmarchiven in keiner Sekunde Langeweile aufkommen. Zwei Protagonisten bilden den "roten Faden" dieses interessanten Streifens: Werner Lang, Chefkonstrukteur und ehemaliger Technischer Direktor im VEB Sachsenring, und Carl H. Hahn, einstiger VW-Vorstandsvorsitzender, der den Volkswagen nach Zwickau brachte.

"Die Idee zum Film kam mir vor sechs Jahren bei einem Rundgang mit Lang und dem Schauspieler Gojko Mitic durch das Zwickauer August-Horch-Museum. Seine Geschichten als Zeitzeuge machten diesen Museumsbesuch zu einem unvergesslichen Erlebnis", erzählt Eberhard Görner.

Mit Kameramann Markus Stoffel, Sprecher Dieter Wien und Komponist Günther Fischer konnte der Bad Freienwalder drei exzellente Profis für das Projekt gewinnen. Im Januar 2012 drehte er mit Werner Lang in vier Tagen acht Stunden Filmmaterial ab. Lang starb ein Jahr später, und Görner musste sein Projekt ohne ihn beenden.

"Der Film ist Spitze. Vielleicht ein wenig zu lang. Die deutsche Autoproduktion in China passt hier nicht rein. Aber sonst...", lobte Holger Rohne aus Berkenbrück. Der 49-jährige Pädagoge und Koch rollte am Freitag mit einem papyrusweißen Trabi zum Fürstenwalder Oldtimerclub. Kennzeichen: LOS - IH 82. "82 steht für das Baujahr. Meine Oma hieß Ilse - also I. Und mein Opa Herbert - also H. Als mir mein Opa 1989 den Wagen schenkte, hatte er nicht mal 20000 Kilometer runter." Vor drei Jahren hätte er den Trabant komplett neu aufgebaut. Die gestricke Klopapierrollenhülle im Heckfenster sei original. "Habe sie für zwei Euro auf dem Flohmart gekauft", erzählte Holger Rohne vor dem Filmstart Eberhard Görner, der einst selbst mit der Asphaltblase herumfuhr.

Am Sonnabend reist der Freienwalder Regisseur in die Schweiz, um dort seinen Film zu zeigen. "Zwingen ist eine Trabant-Hochburg. Kaum zu glauben, was!" Und am 19. September ist im Dresdener Programmkino offizielle Ost-Deutschland-Premiere.

"Wolle auf Asphalt - das Experiment Trabant" als DVD zu beziehen per Mail über bei Eberhard Görner (goernerfilm@gmx.de)

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