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Kandidatencheck: "Ja, ich bin Öko, Ökonom"

Seit 16 Jahren bei Bündnis 90/Die Grünen: Clemens Rostock ist gebürtiger Eisenhüttenstädter und lebt jetzt mit seiner Familie in Hennigsdorf. Der 33-Jährige ist Landesvorsitzender seiner Partei.
Seit 16 Jahren bei Bündnis 90/Die Grünen: Clemens Rostock ist gebürtiger Eisenhüttenstädter und lebt jetzt mit seiner Familie in Hennigsdorf. Der 33-Jährige ist Landesvorsitzender seiner Partei. © Foto: MOZ
Janet Neiser / 29.08.2017, 12:00 Uhr - Aktualisiert 04.09.2017, 17:27
Eisenhüttenstadt (MOZ) Clemens Rostock, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg, kandidiert das erste Mal für den Deutschen Bundestag. Janet Neiser sprach mit dem 33-jährigen Familienvater darüber, wie viel grünes Blut in seinen Adern fließt und was Wahlkampf mit Musik zu tun hat.

Herr Rostock, was bedeutet das grüne Band, das ihr Armgelenk schmückt? Haben Sie das immer um?

Nein, das heißt für mich, es ist Wahlkampf! Einfach nur für meine innere Einstellung. Und natürlich soll es auch gleich ein grünes Zeichen setzen.

Warum sind Sie im Jahr 2001 bei den Grünen gelandet und nicht in der SPD oder bei der CDU?

Die Bundestagswahl 1998 war mein politisches Erweckungserlebnis. Da gab es den Regierungswechsel von Schwarz-Gelb zu Rot-Grün. Da habe ich gemerkt, da passiert etwas. Da habe ich Zeitungen verschlungen und realisiert, was die Grünen da machen, das finde ich gut: Atomkonsens, Investitionen in die Bahn, Bio-Siegel, Überarbeitung des Staatsbürgerschaftsgesetzes, Besteuerung von Ressourcen statt von Arbeit und so weiter. Das mit dem Kosovo fand ich eher nicht so gut, aber dann habe ich gedacht, okay, dann bringe ich mich doch da ein und rede mit. Damals war ich übrigens das einzige Mitglied in Eisenhüttenstadt.

Hat Sie das zweifeln lassen?

Eher im Gegenteil. Auch heute sehe ich mich täglich bestätigt: Fipronil-Eier, Massentierhaltung, braune Spree und Autoskandale lassen grüßen. Wir brauchen eine ökosoziale Kraft in der Politik.

Wie grün ist denn der Alltag von Clemens Rostock? Sind Sie ein echter Öko-Freak?

Ich sage dann immer: Ja, ich bin Öko, ich bin Ökonom. Und dann sehe ich, dass viele Dinge so nicht weitergehen können, wir die Grundlagen unseres Wohlstandes riskieren. Deswegen versuche ich auch, möglichst solidarisch zu leben: Ich wohne mit meiner Familie in einer Drei-Raumwohnung mit Ökostrom, ich kaufe das meiste Essen im Bioladen und versuche, auch Kleidung möglichst Bio und fair zu kaufen. Im Alltag nutze ich Fahrrad und ÖPNV. Aber das ist meine private Sache. Als Politiker arbeite ich daran, dass wir die Rahmenbedingungen so verändern, dass alle Menschen so leben können. Die Bedingungen heute begünstigen diese Lebensweise nicht.

Welche Schwerpunkte haben Sie im Wahlkampf?

Zunächst einmal muss ich sagen, ich werbe ja nicht explizit für mich und die Erststimme. Für uns ist vor allem die Zweitstimme wichtig. Also versuche ich, den Menschen unser Programm in Kürze näherzubringen. Wir wollen eine Energiewende, die dezentral, bürgernah und im Einklang mit der Natur stattfindet. Wir wollen die Massentierhaltung beenden und kleine landwirtschaftliche Strukturen stärken. Wir wollen, dass überall Busse und Bahnen fahren, statt Geld in Großprojekte zu versenken. Im gesellschaftlichen Bereich bieten wir den Rechtspopulisten die Stirn und kämpfen für mehr Demokratie, Europa und Weltoffenheit.

Und was ist mit sozialen Themen?

Ja, auch soziale Themen gehören zu den Grünen: Mit einer Kindergrundsicherung wollen wir Kinder und Geringverdienerfamilien aus der Armut holen. Wir wollen das Rentenniveau stabilisieren, eine Garantierente einführen und sowohl für Rente als auch Krankenversicherung eine Bürgerversicherung für alle einführen. In Kitas und Schulen wollen wir investieren, um Betreuungsschlüssel zu verbessern und die Beitragsfreiheit zu erreichen. Dieses ökologische, soziale und weltoffene Gesamtpaket bekommt man nur mit der Zweitstimme für Bündnis 90/Die Grünen.

Die Wahlkampftour hat begonnen. Und mit Touren kennen Sie sich aus, oder? Sie spielen doch in einer Band.

Ich habe in mehreren Bands E-Gitarre gespielt und hier und da auch gesungen. Aktuell bin ich allerdings ohne eine Band, denn zwei Touren gleichzeitig, das funktioniert nicht.

Was haben Sie aus den Touren als Musiker für den Wahlkampf gelernt?

Touren sind anstrengend. Man muss sich mental darauf einstellen, dass man immer wieder das Gleiche vor neuen Menschen macht. Dabei darf man nichts voraussetzen und muss jedes Mal die aktuelle Stimmung des Gegenübers aufnehmen.

Der Kandidatencheck

Breitband Bei der Breitbandversorgung hinken der Landkreis Oder-Spree und die Stadt Frankfurt hinterher. Woher soll das Geld für den Ausbau kommen?

Antwort: Schnelles Internet ist Teil der Daseinsvorsorge und Voraussetzung für Teilhabe in der digitalen Gesellschaft. Eine zukunftsfähige und nachhaltige Breitbandversorgung muss mittels Glasfaser überall in Deutschland bis zu jeder Haustür (FTTB) sichergestellt werden. Wir wollen den Bundesanteil an den Telekom-Aktien verkaufen und unter anderem damit eine öffentliche Netzgesellschaft finanzieren. Damit wollen wir öffentliche Breitbandgesellschaften für den Glasfaserausbau im ländlichen Raum gründen. Zusammen mit Kommunen und weiteren Partnerinnen können so vor Ort Gesellschaften für den Glasfaserausbau gegründet werden.

Hausärzte Kaum ein junger Hausarzt will aufs Land, nicht mal nach Frankfurt. Welche Anreize sollen her, damit die ärztliche Versorgung gesichert wird?

Antwort: Die medizinische Versorgung in der Fläche Brandenburgs, aber auch in einigen Städten ist schlecht. Das ist auch ein Ergebnis davon, wenn man die Gesundheitsversorgung zu sehr marktwirtschaftlich regeln will. Wir brauchen ganz klar staatliche Ausgleichsmechanismen und politisch gesetzte Anreize, um Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen bei der Praxisgründung in weniger attraktiven Gebieten zu unterstützen. Mobile medizinische Angebote, die die Wege für Patientinnen und Patienten kurz halten, benötigen ebenfalls Unterstützung. Im übrigen benötigt gerade auch der Pflegebereich eine Stärkung durch mehr Anerkennung und eine deutlich bessere Bezahlung.

Kriminaltität Die Zahl der Wohnungseinbrüche und Autodiebstähle ist weiter auf einem hohen Niveau. Welche Gegenmaßnahmen schlagen Sie vor?

Antwort: Wir brauchen vor allem eine gut ausgestattete Polizei und das unabhängig davon, ob die Zahl der Einbrüche und Diebstähle gerade hoch oder runter geht. Gute Ausstattung heißt für uns vor allem ausreichend Personal und die richtige Technik für den Alltag. Das führt dann auch zu gut motivierten Polizeibeamten. Was wir nicht brauchen, sind ständig neue Gesetzesverschärfungen und Totalüberwachung. Das hält die Polizisten nur von ihrer eigentlichen Aufgabe ab und schafft im Gegensatz zu menschlicher Präsenz keine Sicherheit.

Flüchtlinge Wie kann der Bund den Kommunen bei der Unterbringung und der Integration finanziell besser helfen?

Antwort: Hier gilt für mich das gleiche, wie bei allen Sozialleistungen: Diese sollten bundesweit geregelt werden, damit strukturschwache Regionen nicht doppelt bestraft werden, sondern dies bundesweit ausgeglichen wird. Bei der Integration kommt es vor allem auf die Sprache an. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deshalb muss der Bund das übernehmen, statt die Länder die Lücken schließen zu lassen. Bezahlbarer Wohnraum muss durch  – lange vernachlässigten – sozialen Wohnungsbau für alle Menschen mit geringem Einkommen geschaffen werden: für Geflüchtete, Auszubildende, Studierende und Alleinerziehende.

Zur Person

Clemens Rostock ist 33 Jahre alt und wurde in Eisenhüttenstadt geboren, wo er auch aufgewachsen ist. Seit dem Jahr 2014 wohnt er in Hennigsdorf. Er hat am Deutsch-Polnischen Gymnasium in Neuzelle das Abitur abgelegt und anschließend ein Jahr freiwillig mit geistig Behinderten in England gearbeitet. Von 2004 bis 2011 hat er Volkswirtschaft und Regionalwissenschaften in Potsdam und Münster studiert. Bei Bündnis 90/Die Grünen ist er seit 2001 Mitglied. In den Jahren 2008 bis 2014 war er Stadtverordneter in Eisenhüttenstadt. Im Herbst 2014 wurde er zum Landesvorsitzenden der Grünen gewählt. Rostock ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von sechs und vier Jahren. Der Politiker ist Mitglied der IG Metall, engagiert sich im Verkehrsclub Deutschland (VCD) und bei Mehr Demokratie e.V.

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