Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Neue Ausstellung in Frankfurter Rathaushalle untersucht, wie Otto Dix Künstler der DDR beeinflusst hat

Der plakatierte Sündenfall

Zitiert recht deutlich Otto Dix: Volker Stelzmanns Selbstporträt mit Aktmodell
Zitiert recht deutlich Otto Dix: Volker Stelzmanns Selbstporträt mit Aktmodell © Foto: MOZ/Uwe Stiehler
Uwe Stiehler / 03.09.2017, 07:56 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Seit Jahrhunderten geistert das Knirps-Giganten-Gleichnis durch die abendländische Geistesgeschichte. Nehmen wir Newton, der sagte, wenn er weitergeblickt habe als andere, dann deshalb, weil er auf den Schultern von Riesen stand. Dann gibt es noch die Variante für die Unbescheideneren: "Ist der Zwerg auf den Schultern des Riesen nicht immer größer, als der Riese selbst?", fragte der Philosoph Johann Gottfried Herder 1772.

Wie es sich in der Kunst mit Vor- und Weiterdenkern verhält, ist Thema der Ausstellung "(Quer)köpfe", die am Sonntag in der Frankfurter Rathaushalle eröffnet wird. Der Riese, auf dem sie aufbaut, ist: der Otto Dix der Neuen Sachlichkeit. Wie und warum er Künstler der DDR beeinflusst hat, will diese Ausstellung des neuen Brandenburgischen Landesmuseums für Moderne Kunst zeigen, die Gemälde aus den Sammlungen von Frankfurt und Cottbus zu Grafiken von Dix sprechen lässt und sich dabei aufs Porträt konzentriert.

Man kann diese Ausstellung als die Einlösung eines Versprechens betrachten, das Anfang des Jahres gegeben wurde, als Werke aus Frankfurt das Cottbuser Dieselkraftwerk bespielten und die Cottbuser Sammlung die Ausstellungsräume in Frankfurt. Bei dieser Ouvertüre zur Fusion der Kunstmuseen beider Städte war bereits zu beobachten, dass beide Sammlungen nicht nur aus Werken bestehen, die in der DDR entstanden sind, sondern bis zu den Anfängen der Moderne zurückschauen. Schon bei dieser Doppelausstellung fielen die Bezüge zwischen Malern wie Harald K. Schulze und Clemens Gröszer und der Neuen Sachlichkeit ins Auge, und es fiel auf, wie sie auf ihren schrillen Nebengleisen am sozialistischen Menschenbild vorbei munter Richtung Alte Meister rangierten und dabei unbekümmert dadaistisches Gedankengut verbreiteten. Es war ein Spiel mit den Schmerzgrenzen des Systems. Schließlich konnten sich die Renitenten auf den von den Nazis geschassten Antikriegsmaler Otto Dix berufen, der auch mal eine kurze Liaison mit Dada hatte.

Nun schaut man auf eine noch größere Anzahl von Werken, die von der Endzeit der DDR aus- und durch Dix hindurch bis zur Renaissance gehen. Kunst, sagt diese Ausstellung, ist nie abgekoppelt von der Tradition.

Bestes Beispiel dafür: Volker Stelzmanns Selbstporträt mit weiblichem Akt. Der Maler steht dicht vor der Leinwand, hält Malstock und Pinsel in den präzise gearbeiteten Händen. Sein Blick schiebt sich aus misstrauischen Augenschlitzen zum Betrachter, vor dem sich Stelzmanns athletisches Modell in einer Pose aufbaut, die an die Muskelmänner erinnert, die Andreas Vesalius anatomische Bücher illustrierten - zu einer Zeit, als sich Kunst und Wissenschaft noch innigst umarmten. Vesalius, einst Leibarzt Kaiser Karl V., ist nicht nur der Vater der anatomischen Wissenschaften, sondern auch des genauen Aktstudiums. Von Stelzmanns Bild lassen sie noch weitere Traditionslinien knüpfen. Zu Dix natürlich, der sich ebenfalls mit Pinsel, Malstock, nackter Frau und graziler Fingerhaltung porträtierte. Seine wollige Muse allerdings wirkt deutlich zerwühlter als Stelzmanns kontemplative Schöne. Dann sieht man bei Stelzmann im Hintergrund ein Foto an der Wand, auf dem eine protestierende Frau von zwei harschen Polizisten abgeführt wird. Frappierend ist die Ähnlichkeit der Gefesselten zu Dürers "Mädchen vor der Hinrichtung/Hexenprozess". Über dem Foto hängt als plakatierter Sündenfall das Bild eines angebissenen Apfels, das die Paarung von Kunst und Lust zur Schau stellt.

Während Stelzmann offensiv mit Zitaten spielt, beschränkt sich der Dix-Bezug bei anderen Künstlern dieser Ausstellung auf eine Befragung dessen, was Dix mit seinem übersteigerten Naturalismus vorgab. Er konnte, das sieht man an einzelnen Porträts, so exakt zeichnen, dass diese Penibilität fast wie eine Besessenheit wirkt.

Eine ganz ähnliche Präzision findet sich in Doris Zieglers Bild von Mutter und Tochter wieder. Die Tochter liegt nackt in der Badewanne, die Mutter sitzt daneben mit verklemmter Handtasche. Es ist ein visueller Kampf alt gegen jung. Da die faltenfreie Nacktheit, an der der Blick abrutscht, und dort ein zerfurchtes Gesicht, an dem er sich festkrallt - ein Psychoduell zwischen Mutter und Tochter.

Zur mentalen Lockerung bekommt man in dieser Ausstellung auch etwas Heiteres zu sehen. Dix' Porträts eines südländischen Seemanns und einer aufgedunsenen Tortenfreundin zum Beispiel.

Und dann überrascht diese Schau mit der Wiederentdeckung von Erna Schmidt-Caroll. Sie war eine Dix'sche Zeitgenossin, hat ihre Auseinandersetzung mit dem Elend und der Dekadenz der 20er-Jahre allerdings anderes betrieben als er, mit etwas mehr humoriger Leichtigkeit zum Beispiel. Sie hat nicht wirklich porträtiert, sondern Typen festgehalten. Fesche Damen, deren auffällige Hüte von der Unauffälligkeit ihrer Gesichter ablenken, Ladies, bei denen die Kürze der Kleider nicht mit der Breite ihres Mittelteils korrespondiert oder einen feinen Herrn mit Zylinder, der volltrunken überm Tisch hängt. Diese ironische Brechung findet eigentlich mehr bei George Grosz als bei Dix eine Entsprechung.

Die Kuratoren wollten den Kontrast: gleiche Zeit, andere Sichtweisen. Zugleich bringt das in der Schau ein interessantes Echo hervor, da sich Harald K. Schulze und Clemens Gröszer wenigstens genauso auf Grosz wie auf Dix berufen. In der Ausstellung allerdings sind mehr ihre melancholischen Werke der inneren Verlorenheit zu sehen.

Dafür sorgt Gerhard Kettner quasi im Geiste Erna Schmidt-Carolls für Aufmunterung: mit den von der Last des Papiers zusammengedrückten "Redakteur H. Remer".

"(Quer)köpfe. Otto Dix und Erna Schmidt-Caroll", Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, dann bis 19.11., Di-So 11-17 Uhr, Rathaushalle Frankfurt (Oder)

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG