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Debatte vor dem Filmfest in Eberswalde: Wie wichtig ist die Kulturförderung für ein blühendes Gemeinwesen?

Grundsatzstreit nach Antoinette-Wegzug

Eingangsportal fürs Festival: Das "Tor zur Provinz", das bereits vor dem Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde aufgebaut wurde, geht auf ein Gemälde von Antoinette zurück. "Provinz mitzunehmen in die globalen Entwicklungen, ist einer der wichtigsten Erfolgsf
Eingangsportal fürs Festival: Das "Tor zur Provinz", das bereits vor dem Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde aufgebaut wurde, geht auf ein Gemälde von Antoinette zurück. "Provinz mitzunehmen in die globalen Entwicklungen, ist einer der wichtigsten Erfolgsf © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Sven Klamann / 05.10.2017, 06:29 Uhr
Eberswalde (MOZ) Ein Vierteljahr ist es her, dass die weltweit bekannte Künstlerin Antoinette von Eberswalde nach Leipzig gezogen ist. Ihren Abschied betrachtet sie keineswegs als endgültigen Bruch. Doch die Diskussion um die Gründe für ihren Weggang wird immer grundsätzlicher.

Am Sonnabend beginnt das 14. Filmfest Eberswalde. Wer die Provinziale besucht, schreitet durch ein Tor, das in diesem Jahr Antoinette gestaltet hat. "Ich habe die Barnimer Kreisstadt ja nicht im Groll verlassen und bin dankbar für den Auftrag, hier meine künstlerische Visitenkarte abgeben zu dürfen", sagt die Künstlerin. Sie sei aus Eberswalde fortgegangen, weil sie es in vier Anläufen nicht geschafft habe, dort eine dauerhafte Stätte für Kultur und Kreativität zu entwickeln. Für das von ihr angestrebte Museum der gegenständlichen Kunst aus dem 20. und 21. Jahrhundert habe es am Ende am Willen der Rathausspitze gefehlt, hatte Antoinette bereits im Juli erklärt.

In die seither schwelende Debatte greift jetzt Michael Otto ein. Der Gastwirt aus Eberswalde ist Pächter des Restaurants "Haus am Finowkanal" und gehört dem Vorstand des Stadtverbandes der CDU an. "Ist Kultur alles?", lautet die Überschrift seines Kommentars, den er auf die Internetseite der Märkischen Oderzeitung gestellt hat. Er verstehe nicht, dass einige Stadtverordnete versuchen würden, aus Eberswalde eine Kulturhauptstadt zu machen. "Wir sind es nicht und werden es auch nie sein. Wir als Stadt haben andere Baustellen, als Künstler zu fördern und dafür Unsummen von Geld zu verschwenden. Wir sind auf keine Künstler angewiesen, die Fördermittel bekommen und dann, wenn es mal nicht so geschieht, wie sie es wollen, einfach Eberswalde den Rücken kehren", schreibt Michael Otto.Die Diskussion um die "ach so weltbekannte Künstlerin" gehe doch an der Realität vorbei. "Das Geld, was uns Antoinette gekostet hätte und hat, wäre an anderer Stelle sinnvoller angelegt gewesen", urteilt der Autor. Eberswalde unterstütze bereits genügend kulturelle Veranstaltungen, die gut angenommen würden. "Warum also noch mehr Geld zum Fenster rausschmeißen?", fragt Michael Otto durchaus provokant. Es sei nicht Aufgabe einer Stadt, Künstler zu fördern, ohne zu fordern, egal, ob diese namhaft oder noch unbedeutend seien.

Diesen Aussagen setzt Thomas Hampel, der künstlerische Weggefährte und Lebenspartner von Antoinette, eine Stellungnahme entgegen, die er als direkte Antwort auf Michael Otto ebenfalls auf die Internetseite der Märkischen Oderzeitung gestellt hat. "Bei keinem unserer Gespräche mit der Stadtverwaltung haben wir finanzielle Ansprüche oder gar Forderungen gestellt", schreibt der Projektmanager. Es sei lediglich um ein positives Statement zu der Kunsthallen-Idee gegangen, damit alle Beteiligten gemeinsam an potentielle Fördermittelgeber hätten herantreten können. Kern des IFA-Salon-Vorhabens wäre die Gründung einer Stiftung gewesen, in die Antoinette neben Barmitteln Teile ihres Werkes eingebracht hätte. "Das Stiftungskapital aus Bar- und Sachmitteln belief sich auf zirka eine Million Euro. Damit sichergestellt ist, dass keine Privatinteressen vertreten werden können, sollte die Stadt im Stiftungsrat maßgeblich vertreten sein", erklärt der Projektmanager. Das Museum selbst hätte durch eine gemeinnützige Betreibergesellschaft geführt werden sollen. Hier habe ein Konzept vorgelegen, das ohne laufende Fremdfinanzierung gerechnet worden sei. Auch auf die Ausstellung "Mythos Europa", die im Herbst vorigen Jahres in knapp zwei Monaten fast 3000 Besucher in das Zentrum für Erneuerbare Energien gelockt hatte, geht Thomas Hampel ein. Diese Schau sei keine Veranstaltung von Antoinette gewesen, die dafür Gelder der Stadt Eberswalde erhalten habe. "Vielmehr war es eine Veranstaltung der Stadt, die sich bei Antoinette kostenlos die Werke für die Ausstellung ausgeliehen hat", betont der Vertraute der Künstlerin. Letztlich gehe es aber nicht um die Aufarbeitung einzelner, letztlich gescheiterter Projekte, sondern um die Bewertung kultureller Angebote als Standortfaktoren.

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Volker Schmidt 18.10.2017 - 08:43:56

Kulturstadt Eberswalde

Leider lebe ich noch nicht lange genug in Eberswalde, um zweifelsfrei beurteilen zu können, ob es sich bei dem Leserbrief eines Michael Otto (‚Mythos Kunst‘) um eine Satire oder um die Ansicht eines real existierenden Bürgers handelt. Falls ersteres zutreffen sollte, so müssen wir sagen: chapeau! Wir haben herzhaft gelacht. Dieser Vergleich der Besucherzahlen einer Ausstellung moderner Kunst mit den Gästen einer Pommesbude: herrlich. Wenn auch der Lacher von einem mulmigen Gefühl begleitet war: es gab in Deutschland schon einmal Phasen, wo der Wert von Kunst alleine an der Massenmeinung festgemacht wurde. Schön fanden wir auch die Gegenrechnung von 3.000 Ausstellungsbesuchern zu 40.000 Einwohnern. 7,5 %. Erschütternd. Übertragen auf Berliner Verhältnisse wären das 250.000 Besucher für eine Kunstausstellung. Das ist etwa die jährliche Besucherzahl des Hamburger Bahnhofs oder des Bode Museums. Mit einem Augenzwinkern: In Berlin gibt es wenige, die so mangelnden Zuspruch als Grund für eine Schließung der Neuen Nationalgalerie betrachten. Aber vielleicht ist Herr Otto ja real und repräsentiert Positionen, die leider auch immer noch real sind. Das ist traurig. Aus Eberswalde könne man keine Kulturhauptstadt machen? Schade. Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 konnten sich viele auch nicht vorstellen: Dinslaken, Marl oder Oer-Erkenschwick als Ziel für kunstinteressierte aus aller Welt, das hat doch auch funktioniert. Und dieses Jahr war eine Kulturhauptstadt Europas Arhus. Und auch dort wird ganz bewusst die Region einbezogen. Kunst findet dort ganz selbstverständlich in 20- oder 30.000 Einwohner-Städten wie Skanderborg oder Viborg statt. Und im übrigen: wenn schon nicht Kulturhauptstadt Europas, dann vielleicht Eberswalde – Kulturhauptstadt Brandenburgs?

Michael Otto 05.10.2017 - 10:26:15

Mythos Kunst

Mit Erstaunen aber auch einem guten Gefühl habe ich heute in der MOZ gesehen, das mein Kommentar Beachtung fand. Eine kleine redaktionelle Anmerkung sei gestattet, ich bin nicht Pächter des Restaurants "Haus am Finowkanal" sondern Inhaber der Marke "Haus am Finowkanal" und meine Frau ist die Pächterin. Diese ist zwar nicht weltbekannt aber dennoch hatten wir Gäste aus aller Welt, auch Künstler. Ich bin zwar Gastronom, habe aber mein Restaurant auf Rügen. Aber soviel nur dazu. Als Bürger der Stadt Eberswalde verdient der Vorstoß der Stadt, beim leidigen Thema IFA Salon und co nein zu sagen meinen Respekt. Wenn ich mir die MOZ vom 06.11.2016 vornehme und dort vom ehemaligen Kulturdezernenten lese, dass die Stadt die Ausstellung Mythos Europa mit 18000 € aus dem Stadthaushalt gefördert hat, stellt sich mir als Steuerzahler die Frage, ob 3000 Besucher in 2 Monaten bei einer weltanerkannten Künstlerin nicht etwas mager sind? Wir haben im Restaurant in 2 Monaten mehr Besucher. Sind wir jetzt auch förderfähig oder gar weltanerkannt?? Und die Ausstellung war also nur eine Ausstellung der Stadt, die sich die Kunstwerke geliehen hat?? Hmm im Netzt liest sich das anders. Sei es wie es ist, ich bin noch immer der Meinung, dass wir eindeutig genug für Kunst in der Stadt machen. Die Stadt hat Höhepunkte wie das fine, Guten Morgen Eberswalde, die Provinziale und noch einige andere interessante und kulturelle Höhepunkte. Ich denke, für unsere Stadt reicht das und wenn, sollte es Ziel der Stadt sein einheimische Künstler bekannt zu machen. Und die besagten 18000€ wären auch für soziale Projekte in Brennpunkten super geeignet gewesen und hätten wahrscheinlich eine breite Masse von Bürgern erreicht. Ich denke einer Mutter mit 2 Kindern ist es egal ob da eine Kunstaustellung ist, ein Spielplatz mit schönen Spielgeräten wäre sicher interessanter. Oder auch der Oma von nebenan wäre eine schöne Sitzmöglichkeit wichtiger. Oder der Hundebesitzer, der sich über mehr Mülleimer freut, ich denke da gibt es so einiges. Und noch was rechnerisches, 3000 Besucher bei knapp 40000 Einwohnern... 7,5 %.

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