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Luftgruß im Gerstenfeld entdeckt

Antje Jusepeitis / 13.10.2017, 18:03 Uhr
Schmachtenhagen (MOZ) (mae) Ein goldgelber Heliumluftballon aus Oranienburg überquerte Anfang September die Ostsee. Er flog mit seinem Anhang, einer Grußkarte, bis nach Laitila in Südfinnland. Hier entdeckte ihn der Sohn von Anna-Maria Pilppula. Die Finnin überraschte die Absender, Swantje und Jörg Böttger, mit einem umgehend abgesandten Luftpostbrief.

Wer sät, der erntet. Manchmal erzielt der Landwirt dabei ganz unerwartete Erträge. So staunt der Sohn von Anna-Maria Pilppula - Oskari - als er beim Dreschen seiner Gerste ein für einen Gerstenhalm viel zu großes, goldgelbes Korn entdeckt. Aus seinem Feld bei Laitila im Süden Finnlands pflückt Oskari am 12. September einen Luftballon mit Anhang. In den Himmel gesandt worden ist dieser am 9.September in Oranienburg. "Anlässlich der Goldenen Hochzeit meiner Eltern ließen Freunde und Familie zur Feier 45 goldene Heliumballons in den Himmel steigen. An jedem Ballon war eine Karte befestigt", erzählt Tochter Astrid Elfert. Mit der Ballonaktion überrascht sie ihre Eltern, Swantje und Jörg Böttger, die am eigentlichen Hochzeitstag, dem 20. August, im Urlaub sind. Liebevoll hat sie den kurzen Text der Karte, die per Geschenkband an jedem Ballon befestigt ist und den Anlass des Ballonstarts erklärt, entworfen. Jede Karte zeigt das Hochzeitsfoto des Paares aus dem Jahr 1967. Dazu ist die Bitte vermerkt, diese Karte mit Angabe zum Fundort zurück zu senden. "Bis zum 18. September kam keine einzige davon in Schmachtenhagen an", bedauert Astrid Elfert.

Als hätten der Himmel und der Postbote dies gehört, fliegt an diesem Tag ein goldgelber, luftgepolsterter A5-Umschlag bei Swantje und Jörg Böttger ein. Abgestempelt und versehen mit einer 4,50 Euro-Porto-Marke. Das Paar wundert sich: "Wir kennen niemanden in Finnland." Nach kurzer Bedenkzeit öffnen beide den unerwarteten Brief - und sind gerührt.

Enthält er doch eines der am 9.September per Heliumballon versandten Kärtchen. "Der Ballon reiste weit", schreibt Anna-Maria Pilppula auf ihrer Postkarte mit Margariten und Heidelbeermotiv. Immerhin legte der heliumgefüllte Gummiball eine Strecke von mehr als 1000 Kilometern zurück.

Dazu vermerkt die Finnin, wie sie am 12. September zu dem Ballon gekommen ist. Böttgers erfahren, dass Oskari inzwischen für sechs Monate in Deutschland weilt und noch zwei Brüder, Aleksi und Viktori, hat. Beste Grüße und herzliche Glückwünsche nebst einer großen Tafel finnischer Schokolade sandte die Mutter dreier Söhne ebenfalls.

"Was für ein schönes nachträgliches Geschenk anlässlich unseres Hochzeitstages", freuen sich Böttgers. Auf einer christlichen Freizeit, Rüste genannt, lernen sie sich 1965 in Thüringen kennen. Zwei Jahre später heiraten der junge Mann mit Wurzeln in Ostpreußen und die in Schmachtenhagen geborene und aufgewachsene Swantje. Sie besucht das Runge Gymnasium, will Zahnärztin werden. Er lebt mit seiner Familie in Penig bei Leipzig. Als ausgebildeter Dreher wird er von seinem Betrieb von 1964 bis 1967 zum Ingenieurstudium für Maschinenbau in Berlin-Ostkreuz delegiert. 1967 heiraten sie. Bis im Jahr 1968 die erste Tochter geboren wird, teilt sich das Paar die Dienstwohnung der Gewerbebank mit Jörgs Mutter. "In dem Jahr suchte das neu gebaute Zahnradwerk Pritzwalk Leute." Böttgers ziehen um, leben 13 Jahre glücklich in einer DDR-Neubauwohnung in Pritzwalk. 1982 beschließen sie, in Swantjes Heimatort zurückzukehren. Mit ihren inzwischen fünf Kindern wohnen sie zunächst im früheren Schuppen von Swantjes Elternhaus, deren Vater Baumeister war. Nach und nach schufen sich Böttgers daraus ihr Eigenheim. "Man wusste nie, was es gab, wenn man zur Baustoffversorgung fuhr. Zement war immer knapp, manchmal gab's Fenster, man musste nehmen, was da war." Jörg Böttger fährt stets mit Anhänger am Auto.

Er arbeitet im Metallwerk - heute Orpu - an der Oranienburger Schleuse, später in der Verwaltung an der Berliner, Ecke Melanchthonstraße. "Wir hatten am Anfang nicht einmal Licht bei uns, stimmt's Jörg", erinnert sich die Schmachtenhagenerin und stupst ihren Mann an. 50 Jahre halten sich beide die Treue, kämpfen sich gemeinsam auch durch schwere Zeiten, wie Jörgs Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren. "Natürlich hatten wir Tiefen, aber man muss zusammenhalten", sagen beide. Als praktizierende Christen sehen "wir sehr viel Güte Gottes in unserem Leben". Sie und die Familie, immerhin 15 Enkel, sind gesund. Ein Sohn und Tochter Astrid wohnen nebenan, zwei Kinder in Berlin, eine Tochter in Ludwigslust. "So sehen wir unsere Enkel aufwachsen", freuen sie sich. Das alles und vielleicht viel mehr wird im Antwortbrief an Anna-Maria Pilppula stehen, der jetzt auf die Reise gehen soll. Wer weiß, vielleicht fliegen Böttgers bald Richtung Finnland. "Einmal war ich sogar mit dem Chor schon da. Ist lange her. Wir haben im Felsendom in Helsinki gesungen und sind von Turku aus mit der Fähre nach Stockholm", erinnert sich Jörg Böttger durch den Ballonflug daran, was ihn schon einmal mit Finnland verbunden hat.

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