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Awo-Geschäftsführerin Peggy Zipfel provoziert mit verblüffend ehrlicher Stellenanzeige

Pflegekräfte verzweifelt gesucht

Awo-Geschäftsführerin Peggy Zipfel spricht über den Pflegenotstand. Erst vor kurzem hat sich zwei neue Arbeitskräfte eingestellt: Charlotte Tsanguen sowie Matthias Wiegand.
Awo-Geschäftsführerin Peggy Zipfel spricht über den Pflegenotstand. Erst vor kurzem hat sich zwei neue Arbeitskräfte eingestellt: Charlotte Tsanguen sowie Matthias Wiegand. © Foto: MOZ/Patrizia Czajor
Patrizia Czajor / 13.10.2017, 19:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Zukunft der Pflege ist in Gefahr. Nach Ansicht der Awo-Geschäftsführerin Peggy Zipfel schaut die Politik der Überalterung der Gesellschaft hingegen nur untätig zu. Aus diesem Grund greift sie zu einer ungewöhnlichen Maßnahme.

Man kann das von Peggy Zipfel veröffentlichte Stellenangebot durchaus als Hilferuf auffassen. Dass die Geschäftsführerin der Awo sich dabei in ein Spannungsfeld begeben würde, das ist spätestens seit Veröffentlichung der "etwas anderen Stellenanzeige" auf Facebook deutlich geworden. Eigentlich wollte sie damit nur die Suche nach Pflegekräften für das Awo-Seniorenhaus "Am Südring" starten. In der besagten Anzeige heißt es zum Beispiel, sie suche nach Mitarbeitern, die "gern und oft für Kollegen einspringen, anstatt frei zu haben" sowie "es locker abhaben können, auch mal getreten, geschlagen, gekniffen oder bespuckt werden". Nicht alle konnten sich mit diesem Text anfreunden. Einige Mitarbeiter, schildert sie, fühlten sich gekränkt. "Sie werten das wie eine Art Nestbeschmutzung."

Die Aufregung versteht die Awo-Kreisvorsitzende dennoch nicht. Während sie in ihrem Büro im Seniorenheim an der Konstantin-Ziolkowski-Allee sitzt, fragt sie sich, was es denn gebracht hätte, wenn sie den Beruf "von seiner Schokoladenseite" präsentiert hätte, obwohl die Realität eine ganz andere sei. Denn nicht nur in dem Seniorenhaus mit seinen insgesamt 84 Bewohnern ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften seit Jahren deutlich zu spüren. "Es gibt einen Kampf um gute Auszubildende", beschreibt sie die Situation. Aufgrund des Mangels an für den Beruf geeigneten Mitarbeitern und der daraus resultierenden hohen Belastung würden viele Pflegekräfte auch nach der Ausbildung oft nicht bleiben oder sogar schon vorher gehen. Die Suche nach Ersatz sei hoffnungslos. "Es gibt keine Pfleger mehr auf dem Markt", zeigt ihre Erfahrung.

Dabei lieben die meisten Pfleger ihren Beruf, wie eine Kollegin der Frankfurter Lebenshilfe schildert, die an diesem Tag im Awo-Seniorenheim zu Besuch ist. Doch natürlich sei es schwierig, sich um andere Menschen zu kümmern, wenn man eigentlich selbst Erholung brauche. "Gerade für junge Menschen ist der Beruf deswegen nicht attraktiv", erläutert die ausgebildete Pflegerin. Also greife man mittlerweile auf Quereinsteiger oder Menschen mit Migrationshintergrund zurück, fügt Peggy Zipfel hinzu. Agenturen holten etwa Arbeitskräfte aus Spanien oder China, die diese Arbeit als Chance betrachteten.

Zu diesen gehört Charlotte Tsanguen aus Kamerun, die seit zwei Monaten als Bademeisterin im Seniorenhaus arbeitet. Ihr Deutsch ist gebrochen, aber sie kann sich verständigen. Vor einer Woche wechselte auch Matthias Wiegand als Pfleger ins Seniorenheim. Er mag seine Arbeit, obwohl die Belastung sehr hoch ist, wie der 42-Jährige sagt. "Höchstens ein Wochenende im Monat habe ich frei."

Das alles passiert laut Peggy Zipfel vor den Augen der Politik, die diese Entwicklung verschlafen habe. Hinzu komme, dass aufgrund der Überalterung der Gesellschaft auch der Zustand der Senioren mittlerweile ein anderer sei. Der Altersdurchschnitt liege bei rund 84 Jahren, mittlerweile betreuten sie auch viele Demenzerkrankte. Die ohnehin schon psychisch belasteten Pflegekräfte könnten hingegen nicht noch die Aufgaben einer Palliativstation wahrnehmen, kritisiert sie. Genau auf dieses Szenario laufe es aber hinaus. "Die Menschen kommen zum Sterben ins Heim", sagt sie.

Während aufwendige Kampagnen für die Bundeswehr gestartet würden, interessiere sich weiterhin, sagt sie, kaum jemand für die Pflege. "Dabei halte ich es für moralisch verwerflich, wenn wir die Versorgung älterer Menschen nicht sicherstellen können", meint Peggy Zipfel. Sie möchte, dass diesem "hochwertigen Beruf" wieder die verdiente Anerkennung zukomme. Doch die Pfleger gehörten nicht zu den Menschen, die auf die Straße gingen und protestierten, so drückt es die Geschäftsführerin aus. Ob sie durchsetzen kann, dass die provokante Stellenanzeige in dieser Form auch offiziell erscheint, bezweifelt sie.

Kommentar: Hohe Belastung, wenig Geld

Altern in Würde. Das zu ermöglichen, sollte eines der wichtigsten politischen Ziele sein. Vorzeichen dafür, dass die Pflege einmal in eine Schieflage geraten könnte, waren die fortschreitende Überalterung der Gesellschaft und seit Jahren schrumpfende Kommunen. Hinzu kam etwa die Akademiker-Schwemme, die das Problem zusätzlich verschärfte. Auch Branchen wie das Handwerk bekommen das jetzt zu spüren. Wie schnell sich diese Entwicklung wieder umkehren lässt, ist jedoch fraglich.Spätestens jetzt aber darf das Thema nicht mehr nur eine Fußnote in Wahlkämpfen bleiben. Diese wichtige Arbeit, die Menschen trotz hoher Belastung aus einem Pflichtgefühl heraus auf sich nehmen, verdient mehr Anerkennung, sprich eine höhere Bezahlung. Denn wem kann man es verübeln, bei diesem Lohn doch lieber einen anderen Beruf zu wählen. Patrizia Czajor

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