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Gehetzte Engel

Notarzt bereitet im Hubschrauber "Christoph 31" den nächsten Einsatz vor.
Notarzt bereitet im Hubschrauber "Christoph 31" den nächsten Einsatz vor. © Foto: dpa
Henning Kraudzun / 13.10.2017, 19:39 Uhr
Berlin (MOZ) Das Rettungswesen der Republik wurde über Jahrzehnte fein austariert. Doch ohne den Einsatz von Hubschraubern würde dieses System nicht mehr lückenlos funktionieren. Nirgendwo auf der Welt heben Notärzte häufiger ab als in Berlin.

Wenn es schnell gehen muss, sorgt "Christoph 31" zuweilen für diplomatische Verwicklungen. Zwei Mal landete der ADAC-Rettungshubschrauber auf Flächen, die nicht zum deutschen Hoheitsgebiet zählen, in der israelischen und der kasachischen Botschaft. Menschenleben zählen für die Besatzungen mehr als völkerrechtliche Vereinbarungen. "Wir haben uns auf höchster Ebene entschuldigt", sagt Frédéric Bruder. "Dann war das Thema erledigt."

Bruder ist Chef der ADAC Luftrettung und somit für insgesamt 50 Hubschrauber und 160 Piloten verantwortlich. Doch keiner der bundesweit 37 Standorte wird so intensiv genutzt wie der auf dem Gelände des Charité-Campus "Benjamin Franklin". Rund 3500 Einsätze werden jährlich von dort aus geflogen, mehr als 70000 waren es insgesamt in genau 30 Jahren. "Das ist weltweit unerreicht", sagt er. Längst arbeiten die Besatzungen im Schicht-Betrieb, um das Aufkommen zu bewältigen. Dabei war die Station, die im Jahr 1987 vorrangig für die Versorgung von Unfallopfern gegründet wurde, nicht unumstritten. Zähe Verhandlungen mit den Alliierten waren notwendig, um die Luftrettung auch in Westberlin zu etablieren. So saßen bis 1992 noch amerikanische Piloten am Steuerknüppel, der Betrieb wurde der US-Firma "Omniflight" übertragen. Danach flog "Christoph" erst unter deutscher Flagge. "Es wurde auch kontrovers darüber diskutiert, ob dieses teure Rettungsmittel in einem Ballungsraum überhaupt sinnvoll ist", gibt Innenstaatssekretär Torsten Akmann einen Rückblick auf jene Zeit.

Heute werden vor allem Infarktpatienten von den "gelben Engeln" auf dem Luftweg gerettet. "Die Medizin ist viel besser geworden, nicht aber die zeitlichen Fristen, in denen Rettungskräfte vor Ort eintreffen", sagt Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité. "Sie kämpfen sich täglich durch eine verstopfte Stadt." Ohne den Hubschrauber sei eine notärztliche Versorgung in der Hauptstadt nicht möglich. "Bei einem Kreislaufstillstand geht es nach acht Minuten zu Ende, wenn keine Hilfe naht."

Da die Hubschrauber in einem Radius von bis zu 70 Kilometern eingesetzt werden können, haben Berlin und Brandenburg sowie Brandenburg und Sachsen an landesübergreifenden Konzepten gearbeitet. Einen weiteren Standort betreibt der ADAC in Senftenberg in der Lausitz. Drei Landeplätze am Unfallkrankenhaus in Berlin-Marzahn, in Bad Saarow und Angermünde wurden von der DRF, der zweiten großen deutschen Luftrettungsorganisation, aufgebaut. In Brandenburg an der Havel wiederum startet und landet ein Hubschrauber der Johanniter Unfallhilfe.

Zu den Medizinern, die vom Klinikum "Benjamin Franklin" zu Notfällen abheben, zählt Sascha Ott. Manche Einsätze bleiben in seinem Gedächtnis haften, etwa der schwere Lkw-Unfall im Mai auf der Stadtautobahn A100. "Ein erschütterndes Bild, die ganzen Trümmer", sagt der 32-Jährige. Zwei der neun Verletzten wurden mit dem Hubschrauber in die Klinik gebracht. "Sie leben, das ist das Entscheidende."

Auch der Fall eines 51-jährigen Familienvaters, der zu Hause einen Herzinfarkt erlitten hatte und eine Viertelstunde klinisch tot war, geht ihm nicht aus dem Kopf. "Zum Glück hatte die Frau mit der Wiederbelebung begonnen. Eine Stunde später in der Klinik hatten wir das Gefäß wieder eröffnet. Es war knapp", schildert Ott, der den Mann noch einmal auf der Station besuchte.

Doch der Dauereinsatz der Luftretter - 54000 Flüge bundesweit leistete im vergangenen Jahr der ADAC, 38000 die DRF - schlägt sich nach wie vor nicht in wirtschaftlich vertretbaren Zahlen nieder. Die Organisationen erhalten nur dann Geld von den Krankenkassen, wenn die Mediziner tatsächlich tätig werden, also nicht bei Fehlalarmen. Ebenso bleibt man auf den Kosten sitzen, wenn Patienten keine Krankenversicherung haben. In manchen Bundesländern fließt darüber hinaus keine Vergütung, wenn der Patient vor dem Eintreffen des Notarztes gestorben ist. Gut 400 Millionen Euro Defizite seien in den vergangenen Jahrzehnten angehäuft worden, berichtet Bruder. "Die Regionalclubs mussten immer wieder Geld zuschießen."

Von den hohen Qualitätsanforderungen wird dennoch nicht abgerückt. An Bord sei "hochmoderne Medizintechnik", sagt Peter Huber, Vorstand der DRF Luftrettung. Aus seiner Sicht nehmen die Hubschraubereinsätze auch deshalb zu, weil sich die Krankenhäuser zunehmend auf die Behandlung bestimmter Erkrankungen und Verletzungen spezialisieren. Jeder dritte Notfallpatient werde mittlerweile in eine Spezialklinik geflogen. Die Entscheidung darüber treffen allein die örtlichen Leitstellen.

Daher kann Bruder die Kritik an den Kosten - 1000 bis 2000 Euro pro Einsatz - nicht nachvollziehen. "Ist es nicht wichtiger, dass ein Schlaganfallpatient irgendwann wieder arbeitet und Steuern zahlt als zum lebenslangen Pflegefall zu werden?", fragt er. Die Luftrettung wird aus seiner Sicht zu wenig anerkannt. In anderen europäischen Ländern erhalten die Organisationen dagegen eine kostendeckende Vergütung.

Angesichts dieser Probleme lässt sich diplomatischer Ärger relativ einfach vermeiden. "In der israelischen Botschaft wurden Bäume gepflanzt, da können wir nicht mehr landen", so Bruder.

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