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Der ehemalige Chefredakteur der Cumhuriyet, Can Dündar, über sein Leben und seine Arbeit im Berliner Exil

"Die Zelle habe ich mitgebracht"

Der im Berliner Exil lebende türkische Journalist Can Dündar, Ex-Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung «Cumhuriyet».
Der im Berliner Exil lebende türkische Journalist Can Dündar, Ex-Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung «Cumhuriyet». © Foto: dpa
Thomas Block / 13.10.2017, 20:00 Uhr
Berlin (MOZ) Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet, gehört zu Erdogans entschiedensten Gegnern. Seit einem Jahr führt er seinen Kampf von Berlin aus. Mit Thomas Block sprach er über sein Leben im Exil und die alte Heimat.

Herr Dündar, vor etwas über einem Jahr haben Sie in Interviews noch die Fragen gestellt. Nun ist es andersherum.

Ja, am Anfang war das schon eine schwierige Umstellung. Es macht einen großen Unterschied, ob man Fragen stellt oder Fragen gestellt bekommt. Aber ich habe mich an die neue Rolle gewöhnt.

Ihr Leben in Deutschland wirkt wie ein Negativ-Abzug Ihres Lebens in der Türkei. Dort Journalist, hier Gegenstand der Berichterstattung. Dort Landesverräter, hier ständiger Gast der Bundesregierung.

Nicht alle Türken sehen in mir einen Landesverräter. Das sind hauptsächlich von der Regierung gesteuerte Medien und Menschen. Ich trete für die Wahrheit ein. Sie können sich das wie ein weißes Blatt Papier vorstellen. Wenn Sie darauf mit weißer Farbe malen, ist nichts erkennbar, keiner nimmt daran Anstoß. Wenn Sie sich aber zu einer Farbe bekennen, teilen sich die Menschen in jene, die diese Farbe mögen, und jene, die sie ablehnen. Dieses Blatt ist zurzeit sehr groß und jedes Mal, wenn ich oder jemand anderes eine Ecke davon beschreibt, reißt die türkische Regierung das Blatt heraus, und wir fangen von vorne an.

Sie wurden in der Türkei angeklagt, weil Sie über Waffenlieferungen an den IS in Syrien berichteten. Drei Monate saßen Sie in U-Haft. Wann haben Sie realisiert, dass es besser ist, nicht mehr zurückzukehren?

Den Putschversuch in der Nacht zum 16. Juli 2016 habe ich in Barcelona am Fernseher verfolgt. Ich rief meine Frau an, hörte am Telefon Schüsse und Bombenexplosionen. Meine Frau sagte zu mir: Can, Du kannst nicht mehr zurückkommen, Istanbul ist zur Hölle geworden. Am nächsten Tag wurden die hohen Richter verhaftet, die mich damals aus der Untersuchungshaft entlassen hatten, und der Staatsanwalt, der die Anklageschrift gegen mich verfasst hatte, wurde zum Oberstaatsanwalt befördert. Da wusste ich: Wenn ich zurückgehe, werde ich das Gefängnis nicht mehr verlassen.

Seither leben und arbeiten Sie in Berlin. Sind Sie schon heimisch geworden?

Ja, Berlin ist für mich schon wie ein Zuhause. Gearbeitet habe ich immer, selbst als ich in der Türkei im Gefängnis saß. Jetzt habe ich meine Zelle einfach mit in die Stadt gebracht. Ich lebe in einer kleinen Wohnung, die ich nicht zu oft verlasse. Dort schreibe und lese ich viel.

Fühlen Sie sich sicher?

Wenn Sie Erdogan herausfordern, ist kein Ort der Welt sicher.

Wie sollte sich die Bundesregierung gegenüber Erdogan verhalten?

Das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei ist ein großes Fiasko. Es hat Erdogan eine Macht verliehen, die er nicht verdient. Die EU muss das Abkommen aufkündigen, muss die Flüchtlinge aufnehmen, statt Erdogan viel Geld dafür zu geben, damit er die Tore zuhält. Sie macht ihn so zum Wächter und toleriert die Folter, die er hinter den Toren ausübt.

Angenommen, die EU lässt die Tore wieder öffnen. Was dann?

Dann könnte Europa leichter gegen die antidemokratische Praxis in der Türkei vorgehen und endlich Sanktionen verhängen, was man sich jetzt nicht traut. Ökonomische, politische, juristische. Stattdessen werden derzeit kaum Beschwerden aus der Türkei vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof zugelassen, Interpol wirkt wie Erdogans private Polizei und deutsche Konzerne verkaufen weiter Waffen in die Türkei.

Sie setzen wenig Hoffnung in die EU?

Das ist richtig. Für ihre Interessen legen die Regierungen ihre Werte sehr schnell beiseite. Deshalb bin ich dafür, die Beziehungen zwischen den Völkern zu stärken, indem wir Städtepartnerschaften aufbauen, Universitäten kooperieren lassen, Vereine miteinander in Verbindung bringen. Regierungen können miteinander verfeindet sein, aber uns, den Bürgern, darf das nicht passieren.

Bei dem Verfassungs-Referendum haben in der Türkei 51,4 Prozent für Erdogans Präsidialsystem gestimmt. Warum hat die andere Hälfte der Wähler so wenig Einfluss?

Weil sie nicht organisiert sind, weil sie einer großen Armee und einem großen Polizeiapparat gegenüberstehen. Die Parteiführer der zweitgrößten Oppositionspartei und zehn Abgeordnete sitzen im Gefängnis. Diejenigen, die auf die Straße gehen, werden von der Polizei beschossen. In einem solchen Umfeld können die Menschen nur über demokratische Wahlen Einfluss nehmen.

Sie haben im Moment wenig Hoffnung?

Gegenfrage: Wie viele Menschen haben es für möglich gehalten, dass die Mauer fällt? Innerhalb einer Nacht hat sich ein ganzes Imperium aufgelöst. In der Türkei hätte vor vier Jahren auch niemand daran geglaubt, dass wegen ein paar Bäumen Millionen von Menschen auf die Straße gehen würden. Niemand in der Türkei hat mit dem Putschversuch 2016 gerechnet. Vielleicht dreht sich die Lage schon heute Nacht, und ich kann morgen wieder zurück nach Istanbul.

Wie sehen Sie die politische Lage in Deutschland?

Ich habe den Eindruck, dass ich zu einem historisch wichtigen Zeitpunkt an einem historisch wichtigen Ort bin. Der deutschen Demokratie steht eine schwere Prüfung bevor. Dabei ist die größte Gefahr nicht die AfD, sie wird nicht weiter wachsen. Die Gefahr ist, dass die Parteien in der Mitte versuchen könnten, ihren Diskurs nachzuahmen. Dann wäre die AfD in der Opposition und ihre Ideen wären an der Macht.

Als neuer Außenminister wird Cem Özdemir gehandelt.

Für mich wäre das eine gute Nachricht, für Erdogan eine schlechte. Er ist in türkischen Regierungskreisen verschrien. Für uns in der Bevölkerung wäre ein türkischstämmiger deutscher Außenminister aber ein Grund, stolz zu sein. Er würde viel Gehör finden und könnte beim Thema Menschenrechte etwas bewegen.

Sie selbst haben für die Menschenrechte viel geopfert. Sie leben im Exil, ohne Ihre Frau, unter finanziell schwierigen Bedingungen.

Die Zeitung, für die ich als Chefredakteur gearbeitet habe, hat sechs ihrer Journalisten verloren. Sie wurden umgebracht. Der Preis, den ich zahle, ist nicht erwähnenswert.

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