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Ein Drittel top, ein Drittel Flop

Mann mit einer Virtual-Reality-Brille «Oculus Rift»
Mann mit einer Virtual-Reality-Brille «Oculus Rift» © Foto: dpa
Ina Matthes / 13.10.2017, 20:00 Uhr
Berlin (MOZ) Wenn sich am Sonnabend Unternehmer auf den Gründertagen in Berlin mit Wirtschaftsexperten und Finanzfachleuten treffen, sind sie mit dabei: die Business Angels. Ina Matthes sprach mit Ute Günther, Vorstand Business Angels Netzwerk Deutschland e.V. (BAND), darüber, wer die Engel sind und wie sie Gründern helfen.

Günther, wer sind die Business Angels? Reiche Erben, die nicht wissen, wohin mit dem Geld?

Genau die sind es nicht. Nur Geld zu besitzen, reicht nicht. Ein Business Angel hat immer zwei Flügel: In einem steckt Kapital, im anderen unternehmerisches Know-how. Business Angels tragen auch keinen Heiligenschein, sondern einen Geschäftshut. Sie steigen in einer sehr frühen Phase der Unternehmensgründung ein, sie wollen eine junge Firma mit aufbauen und auch Arbeitsplätze schaffen.

Engagieren sich meist Ältere?

Die wenigsten sind jenseits der 60. Business Angels sind in der Mehrzahl im Alter zwischen 40 und 50, viele haben bereits mehrere Firmen gegründet und zum Erfolg geführt und investieren in innovative Start-ups. Oder es sind Unternehmer, die am Rande ihres eigenen Geschäftsfeldes investieren. Leider haben wir noch zu wenig weibliche Angel.

In welche Start-ups stecken Angel ihr Geld?

In junge Unternehmen, hinter denen Teams mit innovativen Ideen oder neuen Technologien stehen und die Aussichten auf Wachstum haben.

Warum holen sich die Gründer ihre Finanzierung nicht einfach von der Bank?

Eine Bank gibt Geld nur gegen Sicherheiten. Die sind bei jungen Firmen, die etwas Neues machen wollen, ja meist nicht vorhanden. Sie brauchen zunächst Risikokapital, um ihr Unternehmen an den Start zu bringen oder zum Beispiel einen Prototypen oder eine App zu entwickeln. In dieser frühen Phase gibt der Business Angel Kapital und erhält dafür Anteile am Unternehmen. Wächst das Start-up, steigen seine Anteile im Wert. Der Vorteil für die Gründer ist, dass sie keine Schulden haben, wenn die Firma scheitert. Der Angel verliert dann aber sein Geld.

Um welche Summen geht es?

Angel investieren in der Regel zwischen 50 000 und 200 000 Euro. Sie engagieren sich aber nur in Unternehmen, die ein innovatives Produkt oder eine innovative Dienstleistung anbieten und wo die Aussicht besteht, dass sie an Wert gewinnen.

Wie hoch ist das Risiko, sein Kapital in den Sand zu setzen?

Man sollte nie in nur ein Unternehmen investieren, sondern in ein Portfolio von Startups. Die Faustregel dabei ist: ein Drittel Flop, ein Drittel dümpelt so vor sich hin, und ein Drittel wird ein Erfolg. Die meisten Angels wollen schon Geld verdienen. Sie wollen aber auch Spaß daran haben, sich in ein neues innovatives Unternehmen einzuarbeiten. Die Angels öffnen jungen Gründern Türen, stellen ihre Netzwerke zur Verfügung, helfen, Fördermittel zu akquirieren. Sie wollen natürlich auch Quartalszahlen sehen. Aber aus dem Alltagsgeschäft halten sie sich heraus.

Müssen die Start-ups hohe Zinsen zahlen für dieses Geld?

Nein, Zinsen gibt es nicht. Die Angels verdienen nur, wenn das Unternehmen an Wert gewinnt. Und sie ihre Anteile dann wieder verkaufen.

Gibt es Daten, wie viele der Investitionen scheitern?

Nein, das ist ein informeller Markt. Daten sind sehr schwer zu bekommen.

In anderen Ländern, beispielsweise Großbritannien, gibt es mehr solcher Investoren als in Deutschland. Woran liegt das?

Großbritannien hatte vor einigen Jahren sehr gute politische Rahmenbedingungen geschaffen, die Anreize setzten. In Deutschland gibt es aber seit 2013 den Investitionszuschuss Wagniskapital. Ein Investor kann 20 Prozent der Investitionssumme als steuerfreien, nicht zurückzahlbaren Zuschuss vom Bund bekommen. Das sind sehr gute Bedingungen.

Wächst die Zahl dieser Risiko-Investoren in Deutschland?

Genaue Zahlen existieren dazu nicht. Einer Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zufolge gab es im Jahr 2014 rund 7500 Business Angels. Jetzt sind es geschätzte 10 000 bis 12 000.

Wie kommen Gründer zu ihrem Engel?

Zum Beispiel über die Webseite des Business Angels Netzwerkes Deutschland (www.business-angels.de). Dort finden Start-ups ein Formular, den so genannten "One Pager". Den können Unternehmen ausfüllen und an uns schicken. Wir prüfen es und reichen es an unsere 40 regionalen Mitglieds-Netzwerke in Deutschland weiter. Eine andere Möglichkeit sind Veranstaltungen, auf denen sich Start-ups Investoren vorstellen.

Ist es nicht ein Risiko für Gründer, Fremden so viel über eine neue Idee anzuvertrauen?

Es gibt auch Business Devils. Aber ich denke, wir haben da viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet und Start-ups sind gut aufgeklärt. Sie sollten nach Referenzen fragen und stutzig werden, wenn jemand für eine Beratung schon Firmenanteile verlangt.

Wie ist die Situation in Brandenburg - das soll mit Engeln nicht so reich gesegnet sein...

Das stimmt. Brandenburg ist ein Land, in dem es nicht so viel Industrie gibt. Aber es hat großes Potenzial - durch den Speckgürtel um Berlin, die Universitäten und eine Landespolitik, die weiß, dass junge Unternehmen wichtig sind. Wenn der Start-up- Markt in Berlin weiter wächst, dann könnte Brandenburg davon profitieren.

Was muss dafür getan werden, damit Brandenburg profitiert?

Es braucht ein gutes Klima für Start-ups. Ausgründungen aus den Hochschulen zum Beispiel. Und die Idee der Business Angels muss noch bekannter werden.

Gibt es Beispiele hiesiger Firmen, die Angel-Hilfe erhielten?

Zum Beispiel das Hennigsdorfer 3D-Druck-Unternehmen trinckle 3D GmbH wurde beim Start 2013 durch zwei Business Angels des Business Angels Club Berlin-Brandenburg begleitet. Oder die Sechs-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde für das Traveltech-Start-up "Distribusion" aus Bernau, an der sich neben VC-Gebern (Risikokapital-Gebern - d. Red) auch fünf Angel Investoren beteiligt haben.

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