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Wettrennen: Am Scheinheiligen gescheitert?

Aufnahme vom Schelfeis des NASA-Satelliten 
Aufnahme vom Schelfeis des NASA-Satelliten  © Foto: dpa
Ina Matthes / 13.10.2017, 21:00 Uhr
Plymouth (MOZ) Robert Falcon Scott hat beim Wettrennen zum Südpol verloren, weil er aufs falsche Pferd setzte. Heißt es. Weil er Vegetarier mit in die Kälte nahm, Ponys, für die es nicht genug Heu gab. Während Amundsen Schlittenhunde notfalls unterwegs zu Hundefutter machen konnte. Aber das stimmt nicht ganz. Der Brite Scott hatte auch ein paar Hunde dabei. Hauptsächlich aber wollte er mit Motorschlitten polwärts düsen. Doch die bekamen in der Kälte das Stottern.

Dass Scott so tragisch tödlich scheiterte, hat aber wohl noch einen anderen Grund. Er setzte auf den falschen Mann. Einen Offizier, wie er selbst: Edward "Teddy" Evans, Scotts Stellvertreter. Der australische Polarforscher Chris Turney ist in Archiven auf seine Geschichte gestoßen. Er fand eine Notiz über ein Gespräch zwischen einem der Lords der Geografischen Gesellschaft Ihrer Majestät und zweier Witwen umgekommener Polarforscher. Eine davon war die Frau von Scott. Die beiden Frauen hatten in den Tagebüchern ihrer toten Männer wenig Rühmliches über Evans gelesen. Danach hätten Scott und vier seiner Männer überleben können, wenn er nicht versagt hätte. Teddy war ein umgänglicher Typ und ein Scheinheiliger. Er legte sich beim Schlittenziehen nur ins Zeug, wenn der Chef hinsah. Einer aus dem Team bedauerte, dass noch niemand Teddy in eine Gletscherspalte geschubst hat. Scott selbst bescheinigte ihm "erstaunlich beschränkte Erfahrungen". Er setzte Evans zwar nicht ab, aber vor der letzten Etappe schickte er seinen Vize mit zwei anderen zurück: Sie sollten ins Basis-Camp marschieren und Scott und seinen vier Begleitern auf ihrem Rückweg vom Südpol ein Schlittenhundegespann entgegenschicken. Evans war sauer.

Scotts Schlusssprint geriet zum Desaster. Am Pol begrüßte ihn die norwegische Flagge. Auf dem Rückweg müsst er feststellen, dass der zuvor deponierte Proviant geplündert war - es fehlten Rationen. Und auf das entgegenkommende Hundeteam hofften die Pol-Bezwinger vergebens. Als sie in einen Schneesturm gerieten, war klar: Das ist das Ende. So steht es in Scotts Tagebüchern. Polarforscher Turney hat nicht nur die gelesen. Er hat sich durch Briefe und Berichte gewühlt. Immer mehr Spuren führten zu Evans. Er musste sich auf seinem Rückweg an den Rationen des Scott-Teams vergriffen haben.

Und er dachte im Basislager auch nicht daran, ein Hundegespann zu Scott zurückzusenden. War es Rache? Totalversagen? Schließlich kroch auch Evans auf seinem Rückweg auf dem Zahnfleisch - ihn hatte die Seemannskrankheit Skorbut erwischt. Die königlichen Geografen waren mit ihren Ermittlungen damals genauso weit gekommen wie Polarforscher Turney 100 Jahre später. Trotzdem wurde eine Untersuchung abgeblasen. Aus Mitleid mit Evans, dessen Frau gerade gestorben war? Oder weil die Königlichen Geografen eine Schlammschlacht fürchteten?

Zumindest haben spätere Polarfahrer gelernt. Wer heute auf einer Antarktis-Station überwintert, muss zuvor in einem Überlebenscamp Charakterstärke beweisen. Dass sich Polarfahrer nicht in die Haare kriegen, lässt sich zwar auch so nicht ausschließen. Zumindest aber sollten Konflikte nicht mit Hilfe von Gletscherspalten gelöst werden. Und was Scott betrifft: Mag Amundsen schneller und besser organisiert gewesen sein. Scott machte sein Scheitern zum Helden der Herzen.

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