Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Bilder aus verstrahlter Zone

FIlmfest Eberswalde
FIlmfest Eberswalde © Foto: MOZ
Simon Rayß / 13.10.2017, 20:45 Uhr
Eberswalde (MOZ) "Blade Runner 2049", Stephen Kings "Es", "Cars 3" - im Eberswalder Movie Magic läuft genau das, was deutschlandweit für volle Kinosäle sorgt: Remakes und Fortsetzungen. Einige Autominuten weiter Richtung Stadtzentrum, im Paul-Wunderlich-Haus am Marktplatz, ist seit sieben Tagen ebenfalls eine Leinwand aufgebaut. Doch über die flimmern andersgeartete Filme: vor allem Dokus aus aller Herren Länder, in denen die oft knappen Dialoge auch noch im Originalton erklingen.

Nein, den Massengeschmack bedient das Filmfest Eberswalde (Barnim) auch in seiner 14. Auflage nicht. Dennoch sind die Vorführungen der "Provinziale" gut besucht. Am Donnerstag zum Beispiel bleiben schon um 18 Uhr nur wenige der 155 Sitze im Saal leer, als "Roadside Radiation" läuft, eine einstündige Dokumentation über Menschen, die sich in den verstrahlten Bereich ums Kernkraftwerk Tschernobyl wagen. Ruhige Kamerafahrten, Bilder von den verfallenden Resten fast vergessener Leben. Abenteurer, ein ehemaliger Reaktormitarbeiter und ein unbekümmertes Muttchen, die davon berichten, warum es sie unwiderstehlich in die "Zone" zieht. Das Publikum schaut sich das Ganze konzentriert an. Kein Knistern von Popcorn-Tüten, nur das Wispern der Übersetzer, die den Zuschauern über Kopfhörer den deutschen Text einsprechen. Die Untertitel auf der Leinwand: Sie sind auf Englisch.

Ganz schön viel Anspruch für so einen Kinoabend. Doch die Nachfrage ist ungebrochen: "Wenn's so bleibt, landen wir wieder bei unseren 2200 Besuchern", sagt Organisationsleiter Sascha Leeske. "Da sind wir selbst voll zufrieden." Besonders im Hinblick auf die Eröffnung am vergangenen Sonnabend mit 200 Besuchern. "Wir waren noch nie so gut besucht zum Auftakt wie diesmal", erklärt Festivalleiter Kenneth Anders. Auf einen ähnlichen Andrang hofft das Team auch für die Preisverleihung an diesem Sonnabend, 20 Uhr.

In vier Kategorien werden Jury- und Publikumspreise verliehen sowie erstmals der "Stachel" für einen Film, der eine neue Perspektive aufs Thema Nachhaltigkeit bietet. Bei den Publikumspreisen hat Anders eine Ahnung, wer die Gewinner sein könnten: "Manchmal hat man schon während des Filmes ein Gefühl dafür, dass er besonders gut funktioniert."

Das ist auch beim zweiten Wettbewerbsblock am Donnerstag zu spüren, mit drei Kurz-Dokus und drei Animationsfilmen. Einer davon heißt "Birdz", ein Trickfilm als Parabel, in der nackte, weiß gezeichnete Menschen in die Rolle von Vögeln schlüpfen, mitsamt Balztanz, Nestbau und Flug gen Süden. Das bringt das Publikum zum Lachen - egal ob ältere Semester oder Studenten, die im Dunkel des Saales die Weinflasche kreisen lassen.

Für diesen Filmblock müssen die Organisatoren "aufstuhlen", wie sie es nennen. Es werden mehr als die geplanten 155 Plätze gebraucht. Doch woher kommt die Anziehungskraft? "Das ist das Geheimnis von Festivals", sagt Anders. Auch bei der Berlinale stritten alle um Tickets, und wenn der Film regulär im Kino laufe, sitze man allein im Saal. Was die "Provinziale" angeht, so macht der Leiter konkrete Gründe für den Zuspruch aus: die Einbettung in die Eberswalder Kulturprozesse, die vielen freiwilligen Helfer, das eingespielte Team der Kuratoren. "Die Leute wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie herkommen."

Sie wissen auch, dass das Team alles selbst übernimmt: die Moderationen, den Dienst an der Abendkasse und den Ausschank an der Bar im Festivalklub, einem provisorischen Rückzugsraum im Foyer des Wunderlich-Hauses.

Dort finden sich auch Donnerstagnacht noch 70 Gäste ein, um Bier zu trinken, Suppe zu essen und den schnellen Sixties-Surfrock der Band Plan 9 in ihre Glieder fahren zu lassen. Schade eigentlich, dass es in den nächsten Wochen wieder ins Multiplex-Kino geht, wo lediglich die Wahl besteht: Fortsetzung oder doch lieber die Neuauflage?

Kommentare

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG