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Deutsche Netzbetreiber müssen mittlerweile täglich eingreifen, um einen Kollaps zu verhindern

Unter Höchstspannung

Gunter Scheibner, Leiter der Systemführung bei 50Hertz in Neuenhagen bei Berlin
Gunter Scheibner, Leiter der Systemführung bei 50Hertz in Neuenhagen bei Berlin © Foto: MOZ/Henning Kraudzun
Henning Kraudzun / 16.10.2017, 06:35 Uhr
Berlin (MOZ) Die Deutschen haben sich daran gewöhnt, dass Strom jederzeit aus der Steckdose fließt. Durch die Energiewende wird es jedoch immer komplizierter, das Stromnetz stabil zu halten.

"Xavier" hat ganze Metropolen aus dem Takt gebracht, die Bahn lahmgelegt und Menschenleben gefordert. In einem Flachbau in Neuenhagen bei Berlin (Märkisch-Oderland), im Transmission Control Center von 50Hertz, haben sie im Gegensatz zu den Kollegen in anderen Leitstellen nicht geschwitzt. "Wir können vieles berechnen", sagt Gunter Scheibner. "Und es gab letztendlich keine Probleme bei der Versorgung."

Der 64-Jährige ist mit einem Team dafür verantwortlich, dass dieses Land funktioniert - dass in den Fabriken geschraubt und geschweißt wird, dass der Verkehr rollt und die Fernseher flimmern. Ohne Strom würde das technisch hochgerüstete Deutschland zusammenbrechen. Im Kontrollzentrum des für die ostdeutschen Länder und Hamburg zuständigen Übertragungsnetzbetreibers sorgen sie dafür, dass die Energie fließt.

Das Management des 10000 Kilometer umfassenden Stromnetzes von 50Hertz ist kompliziert. Das demonstriert ein riesiger Bildschirm in der Warte, ein Geflecht aus grünen und roten Linien, mit dem sämtliche Leitungen des Unternehmens abgebildet sind. Auch die Belastung lässt sich punktgenau ablesen. Alles ist im grünen Bereich.

Daneben: die momentane Leistung der Erneuerbaren Energien in Deutschland, 22,8 Gigawatt von den Windrädern, 8,3 Gigawatt von den Solaranlagen. "Ein Durchschnittstag", sagt Leitstellen-Chef Scheibner. Der Wind blase mäßig, der Himmel sei bedeckt. Zu Spitzenzeiten, wenn die Sommersonne brennt, werden von den Kollektoren 35 Gigawatt eingespeist.

50Hertz ist einer von vier deutschen Netzbetreibern, die sich darum kümmern, dass der Strom transportiert wird, er fließt durch große Trassen mit 380 oder 220 Kilovolt. Die Verteilnetzbetreiber wiederum übernehmen die Belieferung in den Städten und Dörfern. Das hat früher in einer Richtung funktioniert, von den Kraftwerken zu den Verbrauchern. Dann kam die Energiewende. Heute gibt es viele Richtungen.

Durch den politisch beschleunigten Umstieg auf regenerative Energien wird mittlerweile viel mehr Strom produziert, als verbraucht werden kann. Und die Betreiber der Trassen stehen vor der gewaltigen Aufgabe, diesen Strom sinnvoll zu verteilen und darauf zu achten, dass es zu keinen Engpässen kommt. Doch es fließt aus immer mehr Quellen: 1,8 Millionen sind es laut Bundeswirtschaftsministerium heute - von der Solaranlage auf dem Einfamilienhaus bis zum großen Meiler. Früher existierten 250 konventionelle Kraftwerke.

Die Übertragungsnetze stoßen seit Jahren an ihre Grenzen, da Öko-Strom hauptsächlich dort erzeugt wird, wo es kaum Abnehmer gibt. Er müsste erst quer durch die ganze Republik von den Windparks im Norden zu den großen Industriebetrieben im Süden transportiert werden. Doch dafür fehlt noch die Infrastruktur. Mit dem Bau gigantischer Stromautobahnen, sie heißen "Suedlink" und "Suedostlink", wurde gerade erst begonnen. Zehn Milliarden Euro kostet die Trasse "Suedlink", die nach Bürgerprotesten überwiegend unterirdisch verlegt wird. Die Kosten werden den Stromkunden auferlegt. Zudem werden bereits heute 24 Milliarden Euro über die Ökostromumlage von den Verbrauchern zu den Produzenten umverteilt - obwohl deren Strom mitunter gar nicht verbraucht wird.

Um dieses verzweigte Netz vor dem Kollaps zu bewahren, müssen die Experten in den Kontrollzentren immer häufiger eingreifen, indem sie Kraftwerke zwangsweise abschalten oder hochfahren. In einem weiteren Schritt wird der Betrieb von Windrädern und Solaranlagen reguliert.

Scheibner nennt Zahlen: 180 Millionen Euro hat dieses Engpassmanagement das Unternehmen im vergangenen Jahr gekostet, an insgesamt 296 Tagen musste "abgeregelt" werden. 2015 kamen gar 354 Millionen Euro zusammen. "Diese Maßnahmen sind die größten Kostentreiber", sagt er. Dies geschehe jedoch immer nur im Zusammenspiel aller Netzbetreiber und ihrer europäischen Partner. Mehrmals täglich werden nicht nur die Wettervorhersagen, sondern auch die Einspeiseprognosen von verschiedenen Dienstleistern ausgewertet.

Auch die Kosten dieser Eingriffe werden über die Netzentgelte umgelegt. Sie steigen bundesweit seit Jahren - nur 50Hertz schert im kommenden Jahr aus. Der Rückgang um elf Prozent wird mit besseren Berechnungsmodellen und der Eröffnung der "Strombrücke" zwischen Thüringen und Bayern begründet - einem Netzbereich, der früher bundesweit am stärksten belastet war. Ein Flaschenhals weniger.

700 Kilometer südwestlich von Neuenhagen sitzen ebenfalls hochspezialisierte Mitarbeiter vor riesigen Monitoren und überwachen das Stromnetz in Baden-Württemberg. Das neue, terrorsichere Kontrollzentrum von Transnet BW wurde im Sommer eröffnet, 50 Millionen Euro hat es gekostet. Auch hier muss das Netz fast täglich stabilisiert werden.

"Das Abregeln einer Überlast dauert manchmal bis zum späten Nachmittag", sagt Anett Urbanczka, die Sprecherin von Transnet BW. Ein flächendeckender Blackout kam jedoch noch nie vor. Jeder Deutsche musste 2016 lediglich 13 Minuten auf Strom verzichten.

Von diesem Management wollen andere Länder lernen. Gäste aus 70 Ländern hat Scheibner bereits empfangen - markiert mit Fähnchen auf einer Weltkarte in seinem Büro. Indische Vertreter waren 15 Mal bei ihm. "Sie haben 100 Gigawatt installiert, aber kein vernünftiges Netz. Das zeigt doch, worauf es künftig ankommt", sagt er.

Leserforum

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Rainer Ebeling 17.10.2017 - 08:36:23

Unter Höchstspannung - Stromleitungen lösen das Problem nicht.

In dem Beitrag wird darauf verwiesen, dass die Übertragungsnetze seit Jahren an ihre Grenzen stoßen, da Öko-Strom hauptsächlich dort erzeugt wird, wo es kaum Abnehmer gibt. Es sind aber immer nur die Spitzen der flatterhaften Windstromerzeugung, die für eine Überlastung der Netze sorgen. Von einer ganzjährigen Versorgung mit Wind- und Sonnenstrom der Norddeutschen Bundesländer ist man weit entfernt. Die Probleme des Zappelstroms werden immer gravierender und trotzdem baut man weiter Wind- und Solaranlagen ohne eine vernünftige wirtschaftliche Lösung zu haben. Wer jetzt auf Umwandlungs -bzw. Speicherlösungen pocht, sollte die physikalischen Umwandlungsverluste kennen, die dann eine noch höhere Stromerzeugung erforderlich machen würden und die ganze Stromerzeugung noch unwirtschaftlicher machen würden als es jetzt schon ist. Wir bezahlen für das Abriegeln der Windkraft, wir bezahlen für die Unwirtschaftlichkeit des Wind- und Sonnenstroms durch die EEG-Umlage, wir bezahlen für unsinnige Stromtrassen, wir bezahlen für die Bereitstellung der versorgungssicheren konventionellen Kraftwerke und wir bezahlen für den Überschussstrom um ihn wieder los zu werden. Wirklich Sinn macht das alles nicht mehr, aber es ist politisch gewollt.

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