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100 Stunden Gespräche mit Muttersprachlern im Netz

Der Leiter des Sorbischen Instituts in Cottbus, Hauke Bartels, in Cottbus. Seine Karte zeigt, wo Interviews mit Muttersprachlern gemacht wurden.
Der Leiter des Sorbischen Instituts in Cottbus, Hauke Bartels, in Cottbus. Seine Karte zeigt, wo Interviews mit Muttersprachlern gemacht wurden. © Foto: dpa
dpa / 25.10.2017, 10:08 Uhr - Aktualisiert 25.10.2017, 14:59
Cottbus (dpa) Minderheitensprachen brauchen besondere Pflege, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Interviewer gingen dazu in brandenburgische Dörfer, um sich Niedersorbisch anzuhören.

Über Jahre haben Interviewer niedersorbische Muttersprachler in brandenburgischen Städten und Dörfern besucht und die Gespräche aufgezeichnet. 100 Stunden Sprachaufnahmen wurden danach verschriftlicht und übersetzt. Die Ton- und Textdaten stehen von Donnerstagnachmittag an im Internet auf dem Sprachportal www.niedersorbisch.de und sind frei verfügbar, wie der Leiter des Sorbischen Instituts in Cottbus, Hauke Bartels, ankündigte.

Das Sorbische Institut (Serbski Institut) ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung und widmet sich der Sprache, Kultur und Geschichte der Sorben und Wenden in der Ober- und Niederlausitz. Der Hauptsitz ist in Bautzen, in Cottbus gibt es eine Zweigstelle. Das Institut beherbergt auch die sorbische Zentralbibliothek und betreibt das Sprachportal, das zum Beispiel ein deutsch-niedersorbisches Wörterbuch beinhaltet. Am Donnerstag feiert das Institut 25 Jahre Bestehen.

Die Interviewten des Sprachprojekts sind fast alle zwischen 70 und 100 Jahre alt, wie Bartels erläuterte. Die Frauen und Männer leben zum Beispiel in Cottbus, Dissen und Jänschwalde. "Es ist die letzte Generation, die die Sprache noch zu Hause von ihren Eltern gelernt hat", sagte der Institutsleiter. In den Familien sei man nämlich in den 1950er Jahren weitgehend vom Sorbischen zum Deutschen übergegangen.

Die interviewten Sorben und Wenden sprachen über ihr eigenes Leben wie Schulzeit und Krieg oder über Landwirtschaft. Damit sind die Dokumente einerseits ein Sprachdokument, andererseits ein Zeugnis der Kultur und Tradition der Minderheit mit slawischen Wurzeln. Die Sorben und Wenden siedeln heute ausschließlich in Brandenburg und Sachsen - geschätzt sind es rund 60 000.

Es gibt sprachliche Unterschiede zwischen dem Niedersorbischen und dem Obersorbischen, das in Sachsen gesprochen wird. Grammatik, Wortschatz und Aussprache weichen voneinander teilweise ab, wie Bartels erläuterte. Niedersorbisch sei in Cottbus und nördlich davon verbreitet. Die Unterschiede gehen nach den Angaben auf zwei voneinander getrennte Siedlungsgebiete zurück, die es nach der großen Völkerwanderung vor rund 1500 Jahren im heutigen Osten Deutschlands gab. Beide Sprachen sind ein Zweig der westslawischen Sprachfamilie. Die nächsten Verwandten seien die polnische und die tschechische Sprache.

Mit den Tonaufnahmen der Muttersprachler will das Institut einen Beitrag zum Erhalt der Minderheitensprache leisten. Über Suchfunktionen kann im Internet gezielt nach speziellen Themen oder Schlagworten in den Tonaufnahmen gesucht werden. Eine Karte zeigt die Orte, wo die Muttersprachler wohnen.

Gegründet wurde das Institut mit heute rund 30 festen Mitarbeitern 1992 vom Freistaat Sachsen und dem Land Brandenburg. Die Ursprünge reichen nach eigenen Angaben aber viel weiter zurück. Zu DDR-Zeiten hieß es Institut für sorbische Volksforschung. Nach der Wende wurde es neu gegründet und die Forschung neu ausgerichtet. Es wird heute vom Bund und den Ländern Brandenburg und Sachsen über die Stiftung für das sorbische Volk finanziert.

Die Beauftragte der brandenburgischen Landesregierung für die Angelegenheiten der Sorben/Wenden, Staatssekretärin Ulrike Gutheil, lobt das Institut auf Anfrage als "herausragendes Unikat in der deutschen Wissenschaftslandschaft." Die Arbeit sei essenziell für den Minderheitenschutz. Gutheil hält zugleich für die Zukunft eine noch engere Zusammenarbeit mit Hochschulen für sinnvoll.

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